Wer sich mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen im Sportverein befasst, sieht sich nicht nur mit praktischen Fragen konfrontiert – sondern auch mit Haltungsfragen. Wegschauen, weil es immer schon so war? Oder genau hinsehen, weil es um Vertrauen, Sicherheit und Kultur geht? Der Essener Turn- und Fechtklub (Etuf) hat sich für die zweite Option entschieden. Seit Ende 2023 gehört der Traditionsclub zu den ersten Vereinen in Essen, die offiziell Teil des „Qualitätsbündnisses zum Schutz vor sexualisierter und interpersoneller Gewalt im Sport“ geworden sind. Ein Schritt, der nicht nur Anerkennung, sondern auch Verantwortung bedeutet.
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„Für uns war klar: Wir wollen eine Kultur des Hinsehens etablieren“, erklärt Drazena Barac-Dammeyer, Sportwartin des Vereins und eine der treibenden Kräfte hinter dem Projekt. „Dinge, die uns auffallen und die nicht in Ordnung sind – sei es im sprachlichen Umgang, im Training oder in den Umkleiden – müssen klar angesprochen werden. Wegschauen ist keine Option.“
Gemeinsam mit Jugendwartin Anja Schmitz hat Barac-Dammeyer in mehr als einem Jahr intensiver Arbeit ein umfassendes Präventionskonzept entwickelt. Von der Risikoanalyse über die Schulung von Trainern bis hin zur Satzungsänderung – der Weg in das Qualitätsbündnis war bewusst nicht einfach gestaltet. Und genau dieser Prozess sei es gewesen, der den Verein nachhaltig verändert habe, betonen die beiden Frauen.
Essener Verein: „Mehr als ein Zertifikat“
Dabei geht es dem Etuf keineswegs nur um eine Plakette an der Wand. „Es steckt unglaublich viel Arbeit dahinter“, betont Geschäftsführer Jens Wachowitz. „Viele kleinere Vereine scheitern nicht am Willen, sondern an den Ressourcen.“ Dass der Etuf es geschafft hat, liegt auch an der vergleichsweise guten Aufstellung im Ehrenamt.

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Doch der Weg war lang: Bereits 2022 fiel die Entscheidung, sich auf den Zertifizierungsprozess einzulassen. Es folgten Schulungen, Workshops, Begehungen, Abstimmungen und schließlich ein 38 Seiten starkes Konzeptpapier, das sowohl Haltungsfragen klärt als auch konkrete Maßnahmen beschreibt.
Klare Regeln schützen nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen.
Anja Schmitz, Jugendwartin beim Etuf
Einer der ersten Schritte war eine Begehung des gesamten Vereinsgeländes – gemeinsam mit Experten des Landessportbundes (LSB). Wo gibt es potenziell problematische Bereiche? Welche Orte sind schlecht einsehbar? Wo müssen klare Regeln gelten? Diese Fragen führten zu konkreten Änderungen: „Neue Umkleiden wurden anders geplant, bestehende Räume wurden überprüft“, berichtet Barac-Dammeyer. In einem Verein mit sieben Abteilungen – vom Fechten bis zum Hockey – ist das eine logistische Herausforderung.
Etuf: Neue Trainer und Betreuer benötigen Führungszeugnis
Ein weiterer Meilenstein war die Änderung der Vereinssatzung, die den Schutz von Kindern und Jugendlichen ausdrücklich verankert. Neue Trainer und Betreuer werden nur mit erweitertem Führungszeugnis eingestellt. „Natürlich ist das aufwändig, vor allem für ehrenamtlich geführte Vereine“, sagt Wachowitz. „Aber genau das schafft Verlässlichkeit.“
Der Etuf hat zudem einen Ehrenkodex entwickelt, den jeder Trainer und jede Trainerin unterzeichnen muss. In regelmäßigen Schulungen mit externen Referenten werden konkrete Fallbeispiele durchgespielt: Wo endet Hilfestellung, wo beginnt die Grenzüberschreitung? Darf ich Kinder bei der Siegerehrung umarmen – oder gibt es sensiblere Formen der Anerkennung? „Manchmal sind es die kleinen Dinge, die große Wirkung entfalten“, sagt Barac-Dammeyer.

Dass es sich bei all dem nicht um eine einmalige Aktion handelt, dafür sorgt die Vereinsspitze durch kontinuierliche Kommunikation. In der Vereinszeitung, auf der Website, bei Vorstandssitzungen – das Thema Prävention bleibt präsent. Jeder Kontakt mit Kindern und Jugendlichen wird reflektiert. „Wir wollen, dass unsere Trainer sich sicher fühlen im Umgang mit den Kindern. Klare Regeln schützen nämlich nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen“, betont Schmitz.
Prävention bedeutet auch: Raum für Zweifel schaffen
„Uns war wichtig, dass Prävention im Verein nicht als Pflichtaufgabe gesehen wird, sondern als selbstverständlicher Teil unserer Kultur“, so Wachowitz. Dazu gehöre vor allem der offene Diskurs. „Früher wurde im Training einfach gebrüllt. Dass das verletzend sein kann, war vielen nicht bewusst. Heute sprechen wir darüber – auch über unterschiedliche Empfindungen. Was der eine noch als harmlos empfindet, ist für den anderen eine klare Grenzüberschreitung.“ Solche Diskussionen seien unbequem, aber unverzichtbar.
Prävention ist ein Prozess, kein Projekt mit Enddatum
Drazena Barac-Dammeyer, Sportwartin beim Etuf
Zum Konzept gehöre im Übrigen auch, so betonen die Verantwortlichen, ein klar abgestimmtes Vorgehen im Ernstfall. Das Präventionskonzept gibt klare Handlungsanleitungen für den Ernstfall – von der ersten Meldung über die Dokumentation bis hin zur Kontaktaufnahme mit externen Fachstellen wie dem Jugendamt oder dem Kinderschutzbund. „Wir sehen uns als Vermittlerinnen zwischen den zuständigen Behörden und unseren Mitgliedern und möglicherweise Betroffenen“, so Barac-Dammeyer. „Dazu gehört auch die Rehabilitation bei unberechtigter Beschuldigung, was ja auch durchaus vorkommen könnte.“
Etuf Essen möchte Vorbild für andere sein
Mit dem Beitritt ins Qualitätsbündnis hat der Etuf nicht nur für sich selbst neue Maßstäbe gesetzt, sondern könnte auch für andere Vereine Vorbild werden. „Wir wissen, dass wir als großer Verein mit einer starken Struktur einen gewissen Vorsprung haben“, räumt Wachowitz ein. „Aber wenn wir zeigen können, dass es machbar ist – dann motiviert das vielleicht auch andere.“ Über den LSB sowie den Essener Sportbund (Espo) seien Fortbildungen möglich.
Die Arbeit hört mit dem Zertifikat übrigens nicht auf. „Prävention ist ein Prozess, kein Projekt mit Enddatum“, sagt Barac-Dammeyer. Geplant sind weitere Schulungen, Kooperationen mit Kinderschutzbund und Jugendamt, sowie kreative Ansätze für die Jüngsten. Ein Beispiel dafür ist das Theaterstück „Anne Tore – sind wir stark!“ Das interaktive Präventionstheater richtet sich speziell an Kinder im Grundschulalter und thematisiert spielerisch und altersgerecht Themen wie Grenzen zu setzen, Nein zu sagen sowie das Erkennen unangemessenen Verhaltens. Es soll, geleitet von geschulten Theaterpädagogen, regelmäßig beim Etuf aufgeführt werden. Die Fachkräfte kommen zudem im Anschluss mit den Kindern ins Gespräch.
Am Ende gehe es darum, so Barac-Dammeyer, dass der Etuf für seine Mitglieder mehr als ein Sportverein sei: „Ein sicherer Ort, an dem Kinder und Jugendliche sich entfalten können – ohne Angst, ohne Grenzverletzungen. Sondern mit Respekt, Vertrauen und echtem Hinschauen.“
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