Als Uwe Schneidewind 2020 Oberbürgermeister wurde, blickten bundesweite Medien gespannt auf Wuppertal. Kann ein Wissenschaftler eine Stadt mit zwei Milliarden Euro Schulden transformieren? Eine Bilanz des ambitionierten Experiments.

Eine Großstadt mit 360.000 Einwohnern, zwei Milliarden Euro Schulden, über zehn Prozent Arbeitslosigkeit. Die perfekte Ausgangslage für ein wissenschaftliches Experiment, das untersucht, wie es gelingen kann, eine Stadt zu transformieren? Wuppertal ist am 27. September 2020 dieses Experiment eingegangen: Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, gewann die OB-Stichwahl mit 53,5 Prozent. Ein international angesehener Transformationsforscher übernahm eine der spannendsten, aber vielleicht auch schwierigsten Kommunen Deutschlands.

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Uwe Schneidewinds Versprechen: Wuppertal soll wieder leuchten

Schneidewind wollte Wuppertal „wieder leuchten lassen“, zu Beginn seiner Amtszeit benutzte er gerne die Botschaft des Märchen Aschenputtels. Der Wissenschaftler brachte ein „100-Tage-Programm“ mit, das die Stadt von Beginn an verändern sollte. „Ein Weiter so werde es mit ihm nicht geben“, hatte er im Wahlkampf versprochen.

Die bundesweite Aufmerksamkeit war enorm. Ein Grüner Kandidat, unterstützt von CDU und Grünen – das „schwarz-grüne Experiment“ galt als Blaupause für Deutschland. „Damals liefen bundespolitisch alle Wahlprognosen auf schwarz-grün hinaus und da wollten wir in Wuppertal quasi so etwas wie die schwarz-grüne Modellstadt sein“, sagt Schneidewind heute.

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Das Bündnis wollte verbinden – Konservative und Progressive. So lautete der Wahlkampfslogan in Wuppertal wenig überraschend „Schneidewind verbindet“. Die taz schrieb 2020 während des Wuppertaler Wahlkampfes: „[...] der Wahlkampfslogan, der erst einmal banal klingt, aber viel mehr sein will als ein Slogan, nämlich eine Führungs- und Zukunftsstrategie. Wenn Uwe Schneidewind dieses Gefühl tatsächlich erzeugt, kann er gewinnen. Dann wird es interessant.“

Schneidewind gewann. Die OB-Wahl. Doch schon am Wahlabend der ersten Runde zeigte sich das erste Problem: Das schwarz-grüne Bündnis verfehlte die Mehrheit im Wuppertaler Stadtrat. Schneidewind musste von Anfang an mit wechselnden Mehrheiten regieren, verpasste es aber, selbst auf andere Parteien zuzugehen. Heute übt er Selbstkritik:

  • „An dem 13. September nach dem ersten Wahlgang, als klar war, dass Schwarz-Grün keine Mehrheit bekommt, hätte ich mich an den Hörer hängen müssen, mit FDP, Freien Wählern sprechen, Klaus-Jürgen Reese von der SPD anrufen und sagen: „Das ist eine gute Chance, dass ich Oberbürgermeister werde. Wie machen wir das?“ Stattdessen habe ich mich auf meine politischen Begleiter verlassen und wir hatten sofort einen miesen Start. So etwas würde ich mir mit der politischen Erfahrung aus fünf Jahren nie wieder aus der Hand nehmen lassen.“
Uwe Schneidewind (Grüne), wenige Wochen nach seinem Wahlsieg 2021. Als neuer Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal wollte er die ökologische Wende voranbringen und setzte dabei auf die Unterstützung der CDU im Stadtrat.
Uwe Schneidewind (Grüne), wenige Wochen nach seinem Wahlsieg 2021. Als neuer Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal wollte er die ökologische Wende voranbringen und setzte dabei auf die Unterstützung der CDU im Stadtrat.© FUNKE Foto Services | Lars Heidrich

Die Realität: „Wo ist Uwe?“ prägt die Amtszeit

Was folgte, war ein Clash zwischen wissenschaftlicher Vision und kommunalpolitischer Realität. Bereits nach wenigen Monaten erlang die Frage „Wo ist Uwe?“ in Wuppertal Symbolcharakter. Der neue Oberbürgermeister war deutlich weniger sichtbar als sein Vorgänger Andreas Mucke.

„Ich habe im Vergleich zu Andreas Mucke vorher radikal zurückgefahren“, räumte Schneidewind im talzeit-Interview ein. Seine Strategie setzte auf strategische Arbeit statt auf Bürgernähe. „Die Zeit habe ich genutzt, um mir grundlegende Gedanken über die Zukunft der Stadt zu machen.“

Das Ergebnis war paradox: Während Schneidewind an Konzepten arbeitete, entstand der Eindruck eines „unsichtbaren“ Oberbürgermeisters. Corona verstärkte das Problem – wichtige Mitteilungen überließ er seinem damaligen Stadtdirektor Johannes Slawig.

Der Plan: „#Fokus_Wuppertal“ als Kompass

Im Februar 2021 präsentierte Schneidewind seine Antwort auf die Kritik und darauf, wie er Wuppertal umbauen wolle: „#Fokus_Wuppertal“ mit acht zentralen Handlungsfeldern.

  • Wirksame Verwaltung, Investition Wuppertal, Wuppertal leuchten lassen, Wandel durch Beteiligung, Zukunftsflächen, Klimastrategie, Innenstadt multifunktional, Stadt ohne Diskriminierung – der Wissenschaftler wollte die Probleme systematisch durchdenken und lösen.

Das Programm war ambitioniert: Klimaneutralität bis 2035, Ausbau der Radwege, Anti-Diskriminierungsstelle und vieles mehr. Schneidewind wollte aus dem „abgeschriebenen Standort“ eine Zukunftsstadt machen.

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Die Idee dahinter: Wuppertal als „Weltzentrum für Kreislaufwirtschaft“ (FAZ im November 2021) positionieren. Das „Circular Valley“ als Magnet sollte Start-ups anziehen, ein Investorengipfel private Gelder mobilisieren.

Das Scheitern der Politik: Schwarz-Grün in Wuppertal zerbricht

Doch die politische Realität holte den Visionär ein. Am 16. Mai 2022 verkündeten die Grünen das Ende des schwarz-grünen Bündnisses. Paul Yves Ramette, damaliger Fraktionsvorsitzender der Grünen, begründete: „Das Vertrauen in das Bündnis mit der CDU ist in unserer Fraktion nicht mehr vorhanden.“ Schneidewind – und die Grünen – hatten sich mit der CDU verkracht.

Der OB reagierte mit einem öffentlichen Statement: „Das Bündnis ist beendet, aber die Verantwortung für die Zukunft unserer Stadt wird uns weiter verbinden“. Doch der Schaden war angerichtet – das Regieren in Wuppertal wurde zur Dauerbaustelle. Der OB ist eben kein Alleinentscheider, sondern auf politische Mehrheiten angewiesen.

Erste Erfolge: Verwaltung funktioniert besser

Trotz politischer Turbulenzen gelangen konkrete Verbesserungen, besonders in der Verwaltung, sagt Schneidewind heute. Das beste Beispiel: das Einwohnermeldeamt. Aus „100 Meter langen Schlangen“ wurde laut dem 59-Jährigen „einer der auf Google bestbewerteten Bürgerservices“.

Wichtiger noch für Schneidewind aber: Der Kulturwandel in der Verwaltung. 2020 bestand der Verwaltungsvorstand „seit fast 15 Jahren nur aus Männern“. Fünf Jahre später ist die Führungsebene geschlechtergemischt besetzt. „Das macht etwas mit der Führungskultur. Wir haben die Führungskräftetreffen komplett umgestaltet, viel mehr Empowerment der Führungskräfte auf der zweiten Ebene. Diese Effekte wird man in den nächsten Jahren sehr stark spüren“, ist sich Schneidewind sicher.

Große Projekte: Die BUGA 2031 als Kraftprobe

Das umstrittenste Projekt der Schneidewind-Ära, mit der seine Amtszeit wohl immer verknüpft sein wird, ist die Bundesgartenschau 2031. Nach monatelangen Debatten stimmten 51,8 Prozent der Wuppertaler im Bürgerentscheid dafür. Ein knappes Ergebnis, aber ein Triumph für den Oberbürgermeister, der die BUGA unbedingt in die Stadt holen wollte.

Schneidewinds Vision: Die BUGA soll die erste urbane Hängebrücke europaweit bekommen, erstmals einen Zoo integrieren, den Bahnhof Vohwinkel als Eingangstor nutzen. „Die BUGA hat eine kraftvolle Geschichte, die zu dieser Stadt passt.“

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Parallel entstanden andere Prestigeprojekte in Wuppertal: Das Pina Bausch Zentrum, das ein weltweites kulturelles Aushängeschild werden soll, das Schwebodrom als neues Schwebebahnmuseum.

Die Grenzen: Was nicht funktionierte

Doch nicht alles lief nach Plan, teilweise nicht selbstverschuldet wie bei der Ausländerbehörde. 10.000 unbearbeitete Einbürgerungsanträge plagen die Ausländerbehörde heute. Der Umbau der Verwaltung zu einem bürgerfreundlichen Service war eines der zentralen Wahlkampf-Versprechen Schneidewinds 2020. Im Wahlkampf 2025 beschäftigten dieselben Themen die Kandidaten.

Spektakuläre Pannen schadeten Wuppertals Image zudem: Die „goldenen Bänke“ in der Herzogstraße wurden zum bundesweiten PR-Debakel.

Die „goldenen Bänke“ haben es in das „Schwarzbuch“ des Steuerzahlerbund geschafft.
Die „goldenen Bänke“ haben es in das „Schwarzbuch“ des Steuerzahlerbund geschafft.© Unbekannt | Unbekannt

Schneidewinds Grundproblem blieb die Kommunikation des OBs. „Reden ist Gold“, kommentierte Stefan Seitz von der Wuppertaler Rundschau zur Hälfte seiner Amtszeit. „Ohne regelmäßige, intensive Kommunikation geht es nicht, um die Bürger mit ins Boot zu bekommen.“

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Die Paradoxie: Außerhalb Wuppertal gilt Schneidewinds Amtszeit vielen als Erfolg

Das Kurioseste an Schneidewinds Bilanz ist die unterschiedliche Wahrnehmung. „Sobald ich mich 20 oder 30 Kilometer aus der Stadt heraus bewege“, schwärmen die Menschen von Wuppertal, sagt der OB im talzeit-Interview. Von außen betrachtet sei die Stadt „eine Stadt im Aufbruch“.

Dieser Eindruck lässt sich bestätigen: Bundesweite Aufmerksamkeit für Streetart-Projekte, Wuppertal im Marco Polo-Reiseführer, das Circular Valley Forum brachte das Landeskabinett nach Wuppertal. Das Welt-Unternehmen Vorwerk investierte in eine neue Zentrale.

Uwe Schneidewind sitzt vor dem Wuppertaler Gaskessel in der Stonehenge-Ausstellung.
Wuppertals Noch-OB Uwe Schneidewind schreibt aktuell an seinem Buch.© Niklas Berkel

In Wuppertal selbst dagegen sticht oftmals das Gefühl hervor, seine Amtszeit sei „das Schlimmste, was der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg passiert ist“, wie Schneidewind selbst formuliert. Eine Stadt, gespalten zwischen Vision und Alltag?

Das Ende: Schneidewind zieht die Konsequenzen

Im Dezember 2024 gab Schneidewind bekannt, nicht erneut zu kandidieren. Seine Begründung: „Trotz der vielen positiven Zukunfts-Entwicklungen ist es nicht gelungen, die Stadt politisch zu einen.“

Bei der OB-Wahl im September 2025 gewann SPD-Kandidatin Miriam Scherff mit dem Slogan „frische Kraft“. Die Wuppertaler wagen erneut ein Experiment – diesmal mit einer 36-jährigen Politikerin statt einem Professor.

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Was bleibt von Uwe Schneidewinds Amtszeit in Wuppertal? Ein Experiment mit Lehren

Was bleibt von fünf Jahren Schneidewind? Wohl eine gemischte Bilanz. Der Transformationsforscher modernisierte die Verwaltung, startete Großprojekte, veränderte die Außenwahrnehmung Wuppertals. Gleichzeitig scheiterte er innerstädtisch an der politischen Kommunikation und alltäglichen Problemen.

Schneidewinds Vision einer transformierten Stadt bleibt Stückwerk. Aber er bewies: Auch verschuldete Großstädte können sich neu erfinden. BUGA, Pina Bausch Zentrum und weitere Projekte: Die Stadt ist in Bewegung. Das Wuppertal der Zukunft entsteht – nur vielleicht anders als Uwe Schneidewind es vor fünf Jahren geplant hatte.

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Die größte Lehre: Transformation braucht mehr als gute Konzepte. Sie braucht politisches Handwerk, Geduld und die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen. Ein Wissenschaftler lernte Politik, eine Stadt um die Ecke zu denken – vielleicht haben beide Seiten gewonnen, trotz aller Kritikpunkte.

Das wichtigste Ergebnis für Schneidewind selbst: „Diese Stadt sagt nach fünf Jahren Schneidewind nicht: „Ach, nicht so super gelaufen, jetzt machen wir mal wieder eine ganz konventionelle konservative Lösung.“ Sondern: „Wir sind eine Stadt im Aufbruch.“ Und wir trauen uns jetzt eine der jüngsten Großstadt-Oberbürgermeisterinnen in dieser Republik zu.“ Wuppertal bleibt experimentierfreudig.