„Der Geruch von Chlor und Frittenfett macht glücklich“, weiß Köchin und Künstlerin Nadja Duesterberg. In jedem Fall weckt er Kindheitserinnerungen – an ausgelassene Sommertage im Freibad. In der Schwimm City, die am Donnerstag um 14 Uhr vor dem Ringlokschuppen öffnet, wird dieses Freibad-Feeling heraufbeschworen. Dort kann man chillen, Musik hören, lesen, Pommes rot-weiß verzehren, posen, andere Badegäste beobachten. Der Pool, ein Sprungturm, eine Riesenrutsche und eine Pommesbude sind bereits aufgebaut. Allerdings nur als riesige Installationen. Eintauchen soll man hier auf der Drehscheibe eher in ein breitgefächertes kulturelles Unterhaltungsprogramm, hinter dem aber ernsthafte Fragen stehen.

Das Stadtprojekt des Impulse-Festivals (siehe Info-Box) findet diesmal in Mülheim statt. „Bei den Stadtprojekten kooperieren wir immer mit lokalen Einrichtungen und Initiativen, wir haben schon vor über einem Jahr mit den Recherchen in Mülheim begonnen“, berichtet Haiko Pfost, künstlerischer Leiter des Festivals. Schnell war klar, dass man der Spaltung in der Gesellschaft nachspüren wollte und zwar heruntergebrochen auf das Phänomen „der verschwindenden Freibäder“.

In Mülheim drohte schon einmal ein Sommer ohne Freibad

„Laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen ist seit 2000 jedes zehnte Bad geschlossen worden. Auch in Mülheim drohte im letzten Jahr ein Sommer ohne Freibad. Weil der Betreiber des Naturbades insolvent war, das Dach des Friedrich-Wennmann-Bades sich nicht mehr öffnen ließ und es am Ruhrstrand wegen der Wasserqualität nur zehn Badetage gab“, weiß Dramaturgin Anna Bründl.

Die Gruppe Conte Potuto hat die Kulissen für das Freibad in der Müga in Mülheim gebaut und verschiedene Performances zum Thema entwickelt.
Die Gruppe Conte Potuto hat die Kulissen für das Freibad in der Müga in Mülheim gebaut und verschiedene Performances zum Thema entwickelt.© FUNKE Foto Services | Oliver Müller

Das Verschwinden der öffentlichen Freibäder stehe, so Haiko Pfost, im Gegensatz zu dem Hype um private Pools. Die Pool-Hersteller verzeichneten in den letzten Jahren Wachstumsraten von bis zu 300 Prozent. „Wir fragen, was es bedeuten kann, dass öffentliche Räume wegfallen, sich Freizeit ins Private verlagert“, sagt Haiko Pfost. Kann es heute noch ein Bad für alle geben? In einer diverser gewordenen Gesellschaft? „Wir bewegen uns mittlerweile zwischen Nacktbaden und Burkini“, spitzt es der Festivalleiter zu.

Erfrischendes Veranstaltungsprogramm in der Mülheimer Müga

Aber keine Angst, zu verkopft soll es in der Schwimm City nicht zugehen. Das Veranstaltungsprogramm ist so erfrischend konzipiert, dass man erspüren kann, was einen mit dem Freibad verbindet. Ganz besondere Performances, Live-Musik, Workshops, Interviews zu Freibadthemen mit Freibadexperten, spannende Mitmachaktionen und rauschende Partys laden an elf Tagen dazu ein. In der Regel von 12 Uhr bis in die Abendstunden. Der Eintritt zum Sommerbad in der Müga und zu allen Aktionen ist frei.

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Betreiber des Bades ist das Künstlerkollektiv Conte Potuto. Es hat die Kulisse gebaut, wird sie performativ bespielen und immer wieder umgestalten. „Für uns ist es spannend, einmal in den öffentlichen Raum zu gehen und Fiktionen zum Thema herzustellen. Es ist uns ein Anliegen, zu Inklusion und Exklusion zu arbeiten“, sagen die Performer. Sie haben im Vorfeld Freibäder besucht und vor Ort recherchiert, sie wollen auch zeigen, wie sehr man Orte wie die Freibäder braucht.

Tigers‘ Kitchen bietet beim Stadtprojekt in der Mülheimer Müga Pommes rot-weiß an.
Tigers‘ Kitchen bietet beim Stadtprojekt in der Mülheimer Müga Pommes rot-weiß an.© FUNKE Foto Services | Oliver Müller

Unterwasserrugby-Spieler aus Mülheim demonstrieren auf der Bühne ihren Sport

Sportlich geht das Kollektiv TachoTinta das Thema an. Sie kontaktierten die Unterwasserrugby-Clubs TSC Mülheim und TS Duisburg, machten sich über den Sport schlau und entwarfen ein Porträt der Sportart. „Elf Sportler haben sich bereit erklärt, mitzumachen. Wir zeigen in einer Choreografie, wie der Sport funktioniert, wie er sich anfühlt, wie er wirkt, nämlich hart und elegant zugleich“, sagt Silvia Ehnis Perez Duarte. Gespielt werde auf der Bühne und nicht im Wasser. „Endlich können die Zuschauer einmal sehen, was unter Wasser passiert.“

Eine Pommesbude betreiben die Musikerin und Performerin Svea Kirschmeier und die Köchin Nadja Duesterberg (Portion: zwei Euro). Außerdem machen sie Radio (von 14 bis 18 Uhr unter pommes.de). Die beiden Frauen produzieren auch täglich einen Schlager des Tages. „Alte bekannte Songs mit neuen Texten“, erklären sie. An jedem Tag um 16 Uhr findet die „Hellblaue Stunde“ auf der Pool-Bühne statt – eine Talkshow mit interessanten Gästen, die zum Thema Freibad diskutieren. Die Performergruppe HartmannMueller zeigt im Projektzeitraum mehrfach ihre Produktion „4ever young“. Diverse Bands und Musiker wie etwa AUTOR werden zudem erwartet.

Auf der Drehscheibe vor dem Mülheimer Ringlokschuppen wird eine Bühne in Form eines Pools aufgebaut. Darauf wird ein breites Kultur- und Sportprogramm geboten.
Auf der Drehscheibe vor dem Mülheimer Ringlokschuppen wird eine Bühne in Form eines Pools aufgebaut. Darauf wird ein breites Kultur- und Sportprogramm geboten.© FUNKE Foto Services | Oliver Mueller

Das Impulse-Festival

Das Impulse-Festival präsentiert vom 29. Mai bis 9. Juni neun ausgewählte Theaterproduktionen freier Gruppen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie wurden von einer Jury aus rund 300 gesichteten Arbeiten ausgewählt. Das Festival ist die wichtigste Plattform für freie Theater im deutschsprachigen Raum.

Die nominierten Produktionen werden in einem Showcase in Köln gezeigt. In Düsseldorf gibt es die Impulse-Akademie, die sich in Foren mit gesellschaftlich relevanten, aktuellen Fragestellungen beschäftigt. Es geht um Kunst, Freiheit und Demokratie.

Mülheim ist in diesem Jahr Austragungsort des Stadtprojektes. Ort des Geschehens: Drehscheibe und Wiese vor dem Ringlokschuppen. Hier wird ein umfangreiches Kultur-, Sport- und Gesprächs-Programm geboten.

Das Impulse-Festival wird am Mittwoch, 29. Mai, um 20 Uhr im Depot 2 im Schauspiel Köln eröffnet. Alles Nähere zum Programm des Festivals und zum Ticketverkauf (5-25 Euro) findet man unter impulsefestival.de.

Frauenbadetag am 4. Juni ist für alle Mülheimerinnen gedacht

Liegestühle und Umkleidekabinen wird es rund um die Drehscheibe geben, außerdem kann man viele Dinge, die mit Wasser zu tun haben, ausleihen. Zu den Workshops und Mitmachaktionen zählen Balance-Yoga, Theaterworkshop mit den African Grassroots, Eltern-Kind-Yoga, Kreistanz, Line Dance, Kreativwerkstatt für Kinder, Picknick für Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte. Einen Frauenbadetag gibt es auch: Dann sind die Frauen des MUT-Cafés und alle anderen Mülheimerinnen eingeladen, zusammen in der Schwimm City zu frühstücken.

Alle Termine und weitere Informationen gibt es unter impulsefestival.de/Programm. Am Tag der „Extraschicht“ (1. Juni) gelten besondere Badezeiten und -regeln.

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