Viele Mülheimerinnen und Mülheimer kannten ihn, weil sein Atelier lange Zeit im Bismarckturm beheimatet war. Spaziergänger kamen herein – und schauten dem Künstler bei der Arbeit zu: Am Freitag ist Jochen Leyendecker im Alter von 67 Jahren verstorben. Seine Kunst lebt weiter und wird noch lange an ihn erinnern.

Jochen Leyendecker bewies sein kreatives und handwerkliches Talent in vielen Bereichen der Kunst. Er malte, zeichnete, schuf Grafiken, bearbeitete Stein, Metall und Holz. Eigentlich aber war er Bildhauer – und das mit ganzem Herzen. Der gebürtige Mülheimer, der am Otto-Pankok-Gymnasium sein Abitur machte, absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Steinmetz und Steinbildhauer.

Mülheimer Künstler wurde in mehreren Städten ausgebildet

Nachdem er als Jugendlicher den bekannten Mülheimer Bildhauer Ernst Rasche und seine Arbeiten kennengelernt hatte, war für ihn klar: Er wollte auch Bildhauer werden. Im Anschluss an den Zivildienst in der Evangelischen Akademie in Mülheim studierte Jochen Leyendecker von 1982 bis 1990 Architektur in Dortmund und auch Bildhauerei, unter anderem in Salzburg und Augsburg.

Den Ökumenischen Hoffnungspreis, eine Bronzeplastik, schuf Jochen Leyendecker (Mitte) für die Mülheimer Kirchen. Stadtdechant Michael Janßen und der ehemalige Superintendent Gerald Hillebrand trafen ihn 2021 in der Petrikirche in Mülheim.
Den Ökumenischen Hoffnungspreis, eine Bronzeplastik, schuf Jochen Leyendecker (Mitte) für die Mülheimer Kirchen. Stadtdechant Michael Janßen und der ehemalige Superintendent Gerald Hillebrand trafen ihn 2021 in der Petrikirche in Mülheim.© FUNKE Foto Services | Oliver Müller

Seit 1988 war der Bildhauer als freischaffender Künstler tätig, er machte sich mit Einzelausstellungen einen Namen, war an zahlreichen Gruppenschauen beteiligt, erhielt Aufträge von kommunalen und kirchlichen Auftraggebern. Von 2001 bis 2016 unterrichtete der Künstler auch als Fachlehrer am Gymnasium Heißen.

Atelier in Mülheims Bismarckturm: 2015 war Schluss

1997/98 belebte Jochen Leyendecker den Bismarckturm wieder. Er richtete dort sein Atelier ein, nachdem er die Stadt dazu überredet hatte. Er ließ das Denkmal bewohnbar machen, entwickelte es weiter zum Kulturort. 2015 musste der Turm allerdings wegen verschiedener Mängel gesperrt werden. Wohl fühlte sich Jochen Leyendecker dann in seinem Atelier mit Garten an der Hansastraße in Speldorf.

Jochen Leyendecker gehörte 1995 zu den Mitbegründern der Künstlergruppe AnDer, die seither durch Ausstellungen an ungewöhnlichen Orten das künstlerische Leben in Mülheim bereichern will. Vertreten war er auch auf den Jahresausstellungen der Mülheimer Künstlerinnen und Künstler oder bei KunstRaus in Saarn. Außerhalb Mülheims fand sein Werk ebenfalls Beachtung, etwa in Köln, Bonn, Berlin, Freiburg und Düsseldorf ebenso wie in den Niederlanden oder in Italien.

Letzte Ausstellung in Mülheim: „torsi“

Seit einem Schlaganfall 2015 war er in seiner bildnerischen Tätigkeit eingeschränkt, er zeichnete daher viel, fertigte Druckgrafiken an. Zuletzt hat Jochen Leyendecker Ende 2023 in der Galerie 46 unter dem Titel „torsi“ Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde gezeigt und viel positive Resonanz erfahren.

Jochen Leyendecker am Bismarckturm, in dem er 1998 sein Atelier einrichtete. Unser Bild stammt aus dem Jahre 2014, kurz bevor der Turm wegen gefährlicher Baumängel gesperrt wurde.
Jochen Leyendecker am Bismarckturm, in dem er 1998 sein Atelier einrichtete. Unser Bild stammt aus dem Jahre 2014, kurz bevor der Turm wegen gefährlicher Baumängel gesperrt wurde.© Mülheim | Michael Dahlke

Jochen Leyendecker hat sich auch politisch für die Belange der Mülheimer Künstler eingesetzt, er war Mitglied der Grünen und als sachkundiger Bürger im Kulturausschuss der Stadt Mülheim aktiv. Das Ehrenamt lag im ebenfalls am Herzen, so engagierte er sich Vorstandsvorsitzender beim Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE). Der Bildhauer, der gerne kochte und Zigarren rauchte, hinterlässt seine Frau Heidemarie, seinen Sohn Johannes und dessen Familie. In Mülheim findet man auch unter freiem Himmel einige Zeugnisse seines Schaffens, zum Beispiel die Bronzeskulptur „Bergmann“ (2006) in der Mausegatt-Siedlung.

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