Auf dem Boden liegen Diarahmen, überbelichtetes Fotopapier, Texte, eingerahmte Fotos, Apparate – alles arrangiert wie eine komplexe Landschaft der Geschichte der Fotografie. Folkwangstudentin Tabea Borchardt ist in die Tiefe gegangen, seit sie ihr Stipendium in Mülheim angetreten hat: inhaltlich wie auch in ihren Formaten.

Die neue Ausstellung „Bis die Wirklichkeit sich ablöst“ im Museum Temporär – die neue Unterkunft des Kunstmuseums – an der Schloßstraße muss als das Ergebnis ihres einjährigen Schaffens in der Ruhrstadt gesehen werden. Borchardt stellt gemeinsam mit dem Bildhauer Vesko Gösel aus, mit dem sie während ihres Aufenthalts im engen Austausch stand.

Lohnendes Abschiedsgeschenk für Mülheim

Ein lohnendes Abschiedsgeschenk in jedem Fall, denn die meist aus Fragmenten der Fotogeschichte erstellten Werke werfen tiefgründige Fragen auf nach dem Medium der Fotografie selbst: mal mit dem Anspruch, objektive – also vom menschlichen Blick unabhängige – Abbilder einer Wirklichkeit zu erstellen, mal mit der Kritik, als technisches Dispositiv eine Wirklichkeit erst zu schaffen.

„Was kann ein Foto von den Dingen transportieren?“, fragt Borchardt und nimmt mit dem forschenden Kameraauge auch einzelne Objekte in den Fokus, die sie frei von ihren Kontexten stellt: einen Schal, eine Uhr, eine Tüte. Andere Fotos wiederum lösen das Abgebildete bis ins Abstrakte auf.

Man kann die Ausstellung „Bis die Wirklichkeit sich ablöst“ auch jenseits philosophischer Betrachtungen nach Sein oder Schein als eine spielerisch-experimentelle und bisweilen poetische erleben: Ein gewaltiger ausrangierter Foto-Vergrößerer etwa geht mit einem grünen Farn bepflanzt eine assoziative „Photo-Synthese“ ein.

Ein Jahr mietfrei im Schloss Styrum gearbeitet

Fertig seien ihre Arbeiten nie, räumt die 28-jährige Künstlerin und bekennende Sammlerin ein. Neue Fundstücke können ihre Collagen daher ergänzen und erweitern. „Ich habe hier gelernt, freier zu denken, und traue mir inzwischen größere Formate zu“ – hat Borchardt den einjährigen mietfreien Aufenthalt im Schloß Styrum zu schätzen gelernt, den das Kunstmuseum und der Kulturbetrieb im vergangenen Jahr zum ersten Mal ermöglicht haben.

Mit 14 Jahren kam die heutige Studentin zum ersten Mal in Kontakt mit analoger Fotografie, arbeitete erst „ganz klassisch in Schwarz-weiss“ und entwickelte ihre Fotos in der eigenen Dunkelkammer. 2013 bewarb sich Borchardt bei der Folkwang-Hochschule für das Studium Fotografie.

Für Kunstmuseumsleiterin Beate Reese ist der Feldversuch ein Erfolg: „Wir wollen junge Künstler nach Mülheim holen, die sich hier entwickeln können, und wir wollen den Austausch pflegen.“

Im April schon soll ein neuer Nachwuchskünstler das Atelier im Schloß Styrum beziehen.