100 Jahre Nikolausschule

Schülerleben zwischen Krieg und Konfession

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Foto: WAZ FotoPool

Stoppenberg. Wäre die Nikolausschule ein Mensch, dann hätte sie sicherlich eine Menge zu erzählen. In diesem Jahr feiert die katholische Volksschule ihr 100. Geburtstag. Seit Gründung erlebte die Schule an der Nikolausstraße wechselhafte Zeiten. Grund genug, einen Ausflug in ihre Historie zu starten.

Wann sollte eine Schule, die Nikolausschule heißt, erstmals ihre Pforten öffnen, wenn nicht am 6. Dezember. Am Nikolaustag, dem Namenstag ihres Schutzpatrons. Im Jahr 1911 sah Stoppenberg natürlich noch ganz anders aus. Stoppenberg war selbstständiger denn je, nachdem Altenessen und Karnap aus dieser Bürgermeisterei ausgegliedert worden waren. Stoppenberg war damals noch geprägt von der Landwirtschaft. Es gab viele Bauernhöfe und noch viel mehr Felder. Aber es gab natürlich schon Zechen. Und auch die Straßenbahn, dies beweisen historische Fotos, nahm bereits den selben Weg wie heute.

Als die Nikolausschule als dritte katholische Volksschule in Stoppenberg gegründet wurde, da durfte der damalige Schulleiter Karl Birkenfeld exakt 284 Schüler der Jahrgänge 1 bis 8 begrüßen. Ein sprunghafter Anstieg der Bevölkerung in Stoppenberg hatte dazu geführt, dass in der Zeit von 1878 – dem Gründungsjahr der befreundeten Wilhelmschule – und 1911 fünf neue Volksschulen den Betrieb aufnahmen. Welch goldene Zeiten angesichts der heutigen Entwicklung, in denen Schulschließungen oder Zusammenlegung beinahe an der Tagesordnung sind.

Nicht nur ihre Schülerinnen, sondern auch ihren angestammten Namen verlor die Nikolausschule während des Dritten Reiches. Der Generalfeldmarschall August von Mackensen, am 6. Dezember 1849 geboren, erschien wie geschaffen, sich in die Reihe verehrungswürdiger „Kriegshelden“ einzureihen und den Nationalsozialisten als „Propaganda-Ikone“ zu dienen. Fortan feierten die Schüler an ihrem Gründungstag nicht mehr Nikolaus bei Kerzenlicht, sondern mussten auf dem Schulhof bei Hitlergruß Soldatenlieder singen. Ausnahmslos Jungen, wohlgemerkt, sollten doch für den Krieg neue, motivierte Soldaten gewonnen werden.

Den Krieg selbst überstand das Schulgebäude nahezu unbeschadet. Ganz im Gegenteil zur bereits erwähnten Wilhelmschule, die am 5. März 1943 ausgebombt wurde und gänzlich niederbrannte. Bis zu diesem tragischen Moment hatten sich die Schüler der Schule – allesamt Mädchen – den Pausenhof und weitere gemeinschaftliche Einrichtungen mit den Jungen der Nikolausschule geteilt.

Erst nach Kriegsende nahm die Nikolausschule ihren Betrieb auf Geheiß der amerikanischen Besatzungsmacht wieder auf. Die hatte den Schulhof bis dato als Stellung für die Artillerie genutzt. Vorher musste das Domizil, wie schon im 1. Weltkrieg, als „Verköstigungsstelle“ der Bevölkerung herhalten und diente bis zum Herbst 1945 obdachlosen Familien als Unterschlupf. Neueinschulungen gab es im letzten Kriegsjahr allerdings nicht.

Erst Ostern 1946 – die Schule hatte ihren früheren Namen zurückerhalten – wurden zwei Jahrgänge aufgenommen; man verzeichnete mit 426 Schülern den größten Bestand der Schulhistorie. Kaum zu glauben, dass sich ausgerechnet in dieser Phase nicht nur die katholische und evangelische Gemeinde, sondern auch die Stoppenberger Hilfsschule das Gebäude per „Schichtwechsel“ teilten, denn die Räume machten einen verwahrlosten Eindruck. Es gab weder Bodenbeläge noch Wandbekleidung. Auch sanitäre Anlagen suchte man vergebens. Zudem war das Dach zu großen Teilen zerstört und fehlende Fensterscheiben wurden gar durch Landkarten aus dem Erdkunde-Unterricht ersetzt.

All diese Widrigkeiten taten dem Unterricht keinen Abbruch. Bis 1949 besuchten 819 Schüler die Nikolausschule, wobei nicht mehr nach Geschlecht, sondern einzig nach Konfession unterschieden wurde. Erst 1961, zur 50-Jahr-Feier, war die Schule komplett saniert und modernisiert.

Ab 1966 wurden Mädchen und Jungen wieder getrennt unterrichtet; zu einem Zeitpunkt, als die Oberstufen – also die Klassen 7 und 8 – der Nikolaus- und der Schwanhildenschule zusammengelegt wurden. Sprachen die Verantwortlichen damals von verbesserten Lehrmöglichkeiten, stellte sich schnell heraus, dass die Zusammenlegung einzig praktischen Überlegungen folgte. Da Gebäudekapazitäten für die neu geschaffene Hauptschule fehlten, versuchte man so die Zeit bis zur Auflösung der Volksschule und der Einführung des heute noch aktuellen Schulsystems zu überbrücken. So vermied man es, Gebäude neu zu bauen, die später nicht mehr benötigt wurden.

Aus pädagogischer Sicht begründete diese Phase jedoch den Beginn der Zusammenarbeit beider Schulen, die später in der Verschmelzung beider münden sollte, die noch bis heute anhält. War die Nikolausschule auch mit der städtischen Wilhelmschule stets eng verknüpft, wird diese Symbiose schon bald enden. Noch besuchen 35 Mädchen und Jungen die dritte und vierte Klasse, doch zum Ende des Schuljahres 2012/2013 wird die Wilhelmschule ihre Türen für immer schließen.

Für die Nikolausschule endet damit ein langes und aufregendes Kapitel ihrer Geschichte, die in den nächsten Jahren positiv fortgeschrieben werden soll. Zu der Historie der Nikolausschule ist übrigens eine Festschrift erschienen. Darin finden sich neben einem geschichtlichen Abriss der vergangenen 100 Jahre auch einige persönliche Geschichten von Zeitzeugen. Eingebettet in zahlreiche historische Fotos.

Doch auch Neues findet seinen Platz. Ebenso wie die aktuellen Schulklassen, das Kollegium, der Förderverein und das geplante Zirkusprojekt.

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