Erlebte Geschichte

Werdener begegnet in Israel NS-Überlebendem aus der Heimat

Fotos aus Israel gibt es nicht mehr. Hier sind Georg Klusemann, Peter Welinsky (Mitte mit Brille) und Klaus Krupp im Juli 1965 bei einer Siebenbürger Bauernfamilie.

Fotos aus Israel gibt es nicht mehr. Hier sind Georg Klusemann, Peter Welinsky (Mitte mit Brille) und Klaus Krupp im Juli 1965 bei einer Siebenbürger Bauernfamilie.

Foto: Welinsky

Essen-Werden.   Wie Peter Welinsky in Israel ein Mitglied der jüdischen Familie Steeg aus Werden traf. Im Gespräch werden die Erinnerungen daran wieder lebendig.

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Als dem im Juni 1943 geborenen Werdener Peter Welinsky der Artikel „Spuren jüdischen Lebens in Werden“ dieser Zeitung in die Hände fiel, stutzte er bei einem Namen: Felix Steeg. Ein von den Nazis in den Selbstmord getriebener Werdener Jude. Sofort kamen Erinnerungen: „Da sind Gespräche, Bilder und Begegnungen in meiner Kindheit und Jugend, die ich nicht vergessen kann.“ Zumal sich am 9. November auch die Pogromnacht zum 80. Mal jährt.

Eine Orientreise im Jahr 1965

Doch von vorn: Im Jahr 1965 brach der im besten Waddisch nur „Brockers Pitter“ gerufene 22-jährige Welinsky mit seinen Freunden Georg Klusemann und Klaus Krupp zu einer Orientreise auf: „Es ging durch Osteuropa, die Türkei, Syrien und Jordanien, schließlich nach Israel.“ Hier hatte Welinsky in Tel Aviv eine besondere Pflicht zu erfüllen: Seine Tante Berta war bis 1934 in Bredeney als Erzieherin in einer jüdischen Familie tätig gewesen. Sie hatte einen langen Brief verfasst, den der Neffe nun dem hoch betagten Dr. Löwenstein und seiner Frau überreichte. Keine einfache Aufgabe: „Es war eine hoch emotionale und schwierige Begegnung.“ Die ältere Generation wollte nicht mehr an das Grauen der Vergangenheit erinnert werden. Dr. Löwenstein bat seine älteste Tochter Rebekka, das deutsche Trio in ihr Kibbuz einzuladen: „Damit umging er weitere Probleme.“

Auf dem Weg dorthin mischte das Schicksal mit: „Auf der Küstenstraße nach Haifa nahmen wir einen Anhalter mit. Er hatte unseren roten Lieferwagen und das Essener Kennzeichen erblickt und wollte zurück auf seinen Hof.“ Kein großer Umweg. Welinsky stockt: „Diese Begegnung zu beschreiben, fällt mir auch nach über 50 Jahren schwer.“ Denn der Israeli stellte die verblüffende Frage: „Kennt ihr Werden, so ein kleines Kaff im Essener Süden? Da stamme ich her.“

Wie elektrisiert hielt Georg Klusemann das Auto an und alle mussten laut lachen: „Wir doch auch!“ Ein Werdener dort in der Fremde? „Für uns ein kleines Wunder.“ Man umarmte sich, die Tränen schossen: „Jungs, das gibt’s doch nicht, das feiern wir. Ihr seid meine Gäste.“ In einem Holzhaus mit Blick aufs Meer wurde Bier, Brot, deutscher Kartoffelsalat und Wurst vertilgt: „Nennt mich Jolle. Eigentlich heiße ich Joel. Wir wohnten in der Brückstraße, hatten dort zwei Modeläden.“

Die Frau war im KZ Bergen-Belsen

Joel Steeg entkam den Nazis: „Als es brenzlig wurde, gaben mir die Eltern den Segen. Ich haute ab, durch die Linien, in die Türkei. Das war meine Rettung.“ Der Werdener kam nach Palästina, kämpfte in der paramilitärischen Untergrundorganisation Haganah für ein freies und unabhängiges „Erez Israel“. Dafür wurde er mit Bauernhof und Orangenplantage belohnt. Dort wurde jetzt über die Penne philosophiert, die alten geliebten Lehrer wie Kunstlehrer und Chorleiter Wilhelm Winkler oder „Old Henry“, der Englischlehrer Dr. Heinrich Pähler. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten, da drückte Steeg dem Gast sein Akkordeon in die Hand: „Wir sangen selig unsere Lieder, lachten und schunkelten.“

Doch plötzlich stand eine Frau im Nachtrock auf dem Balkon, stieß hebräisches Wehklagen hervor und brach zusammen: „Wie gelähmt saßen wir da. Seine Frau. Sie hatte als junges Mädchen im KZ Bergen-Belsen sieben schreckliche Jahre irgendwie überlebt und mit Joel ausgemacht, nie wieder ein Wort Deutsch zu sprechen.“ Doch nun brach es aus ihr heraus, in ihrem Schwäbisch: die Jahre der Verfolgung, die schreckliche Zeit im KZ: „Grausig. Sie berichtete vom täglichen Zynismus, vom unbeschreiblichen Sadismus der Wächterinnen mit ihren Schäferhunden. Wie durch ein Wunder hatte sie das alles irgendwie überlebt. Wir hörten ihr atemlos zu, weil wir uns das Ausmaß dieser Grausamkeiten gar nicht vorstellen konnten. Es lief uns kalt den Rücken hinunter.

Die alte Heimat Werden ging ihm nie aus dem Sinn

Das Trio blieb noch ein wenig länger bei Joel. „Leider gibt es keine Fotos mehr. Ausgerechnet in Damaskus wurde uns die Kamera aus dem Bus gestohlen“, berichtet Welinsky dieser Redaktion.

Aber der Mitreisende Georg Klusemann habe im Anschluss an diese Reise das Kinderbuch „Die wundersame Reise nach Esmir“ mit vielen seiner selbst gezeichneten Bilder veröffentlicht: Briefträger Kretschmar und sein Sohn Klaus besuchen den Scheich Ifraim. Später habe Matthias Bonitz aus dem Buch eine Kinderoper gemacht, die mit Erfolg aufgeführt wurde, zum Beispiel 2011 im Aalto.

Nach einem Studium in Philosophie und Theologie an der kath. Fakultät in Münster war Welinsky wie sein Großvater im Schuldienst tätig, erst am Bodensee, ab 1984 im deutschen Auslandsschuldienst in Madrid und nach dem Mauerfall in Sofia. 2007 wurde er pensioniert und lebt seitdem bei Basel. Er bereiste Afrika, Australien, Asien: ein Weltenbummler. Aber die alte Heimat ging ihm nie aus dem Sinn.

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