Geistig fit, strahlendes Lächeln, nur mit dem Gehen hapert es inzwischen. Aber das ist kein Wunder, feiert Gertrud Pawlik aus Borbeck doch am heutigen Samstag ihren 104. Geburtstag.
Am 4. März 1913 kommt sie als Gertrud Skolek in einem kleinen Dorf in Oberschlesien zur Welt. Als junge Erwachsene zieht es sie nach Beuthen (heute Bytom in Polen). „Ich war zu klein und zu schmächtig, um in der Landwirtschaft zu arbeiten.
Also wollte ich von Zuhause weg, um mich selbst zu verändern“, erzählt sie. In Beuthen lernt sie Georg Pawlik kennen, den sie 1934 heiratet. Drei Kinder werden aus dieser Ehe hervorgehen: Hans-Georg (geb. 1940), Marianne (geb. 1950) und Gertrud (geb. 1956).
Keine Lehre gemacht, dafür aber Haushaltshilfe
Als Facharbeiter bei der Kriegsmarine bekommt Georg Pawlik eine Stelle in Wilhelmshaven. Nachdem die Werft im Krieg zerstört wird, zieht es die Familie 1952 nach Essen, wo er als Elektriker auf der Zeche Ernestine arbeitet.
Gertrud Pawlik selbst hat keine Ausbildung, denn Lehrstellen für Mädchen waren knapp. So trug sie als Putzfrau und als Haushaltshilfe zum knappen Auskommen bei.
Tägliche Spaziergänge und Tanzen hielten sie fit
Bis vor sechs Jahren führt sie ihren Haushalt an der Schmale Straße in Borbeck nahezu komplett alleine. Nur das Fensterputzen übernehmen die drei Kinder, die zu ihrem Glück alle noch in Essen und Umgebung wohnen.
Fit hält sie sich über die Jahre mit einer Vielzahl von Hobbys: Von täglichen Spaziergängen bis hin zur Arbeit im Garten, in dem viele Kirschbäume und Johannisbeersträucher standen. Aus den Früchten kocht sie Marmelade.
Außerdem war Gertrud Pawlik eine leidenschaftliche Tänzerin. „Am liebsten habe ich Foxtrott und Walzer getanzt. Blues war nicht mein Geschmack“, erinnert sie sich.
„Wollte meine Kinder nicht mit der Pflege belasten
Zur Familientradition gehört auch das gemeinsame Weihnachtsessen. Vom Nudelsalat bis zur gefüllten Gans bereitet Gertrud Pawlik noch alles selbst zu. Bis sie sich entschließt, die eigene Wohnung mit einem Zimmer im Altersheim zu tauschen.
„Ich wollte meine Kinder nicht mit meiner Pflege belasten“, erklärt sie. Heute lebt sie im Bethesda-Altenheim an der Wüstenhöferstraße und fühlt sich wie zuhause.
Zufriedenheit sei wichtig im Leben. Die Wände im Zimmer sind dekoriert mit zahlreichen Familienfotos, die Gertrud Pawlik häufig in einem modischen Kostüm und perfekt frisiert zeigen. „Meine Mutter war immer sehr schick angezogen“, erzählt Tochter Marianne Winnen. „Das zieht sich bis heute durch. Alles muss farblich zusammen passen“. Bis heute trägt sie Pullover, die sie vor vielen Jahren selbst gestrickt hat.
Tagesablauf meistens gleich
Ihr Tagesablauf sei überwiegend der Gleiche. Langeweile gibt es, doch Tochter Marianne kommt drei Mal in der Woche für mehrere Stunden vorbei. Auch die anderen beiden Kinder besuchen sie regelmäßig.
Wenn das Wetter es zulässt, gehen sie mit ihrer Mutter spazieren. Oder sie sitzt mit den anderen Bewohnern zusammen auf dem Balkon. „Hier bin ich sicher und brauche mich um nichts zu kümmern“, sagt Gertrud Pawlik – und genießt ihr hohes Alter.


