Das war ein großer Tag für die Judo-Abteilung der Sport-Union Annen. Schon seit Wochen hatte man angekündigt, dass man namhaften Besuch im Dojo am Kälberweg erwarten würde. Zu einer lockeren Trainingseinheit, die in erster Linie für die Nachwuchs-Judoka gedacht war. Einmal hautnah mit Anna-Maria Wagner, einer der erfolgreichsten deutschen Kämpferinnen aller Zeiten auf der Matte zu stehen - da bekamen die fast 100 Teilnehmenden mächtig große Augen, lauschten aufmerksam, was die zweimalige Weltmeisterin zu erzählen hatte.
Ganz viel Zeit nahm sich die 29-jährige Ravensburgerin, um in der knapp zweistündigen Trainingseinheit einige Techniken bis ins Detail zu erklären. Viele der Judoka, die diese einmalige Gelegenheit nutzten, Tipps von ihrem Idol zu erhalten, stehen gerade am Anfang ihrer Kampfsport-Laufbahn, saugten die Hinweise der Weltmeisterin von 2021 und 2024 dankbar auf. „Wenn Plan A mal nicht funktioniert, dann wechselt einfach zu Plan B“, gab sie den Judoka, die zum Teil aus Greven, aus Siegen, ja sogar aus Bremen angereist waren, mit auf den Weg. Taktisch flexibel müsse man sein, zur richtigen Zeit die geeignete Technik anwenden.
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Einige Fußtechniken ließ Anna-Maria Wagner immer wieder trainieren, den „Hakler“ und den „Feger“ dürften viele seit der Einheit in Witten-Annen besonders verinnerlicht haben. Und dennoch: „Wenn ihr eine Spezialtechnik habt, dann baut die auch in eure Kämpfe mit ein“, riet die zweimalige Olympia-Bronzegewinnerin von Tokio 2021 (im Einzel und mit dem Team). „Ich habe“, offenbarte Wagner bei der Vorführung einer Würgetechnik der aufmerksamen Gruppe, „in meinem ganzen Leben nur eine Bodentechnik wirklich intensiv gelernt.“ Wenn man die allerdings in Perfektion beherrscht, dann darf man in seiner Karriere eben so viele grandiose Erfolge feiern wie die langjährige Vorzeige-Kämpferin des Deutschen Judobundes.
Die 18-jährige Charlotte aus Andernach, die sich ganz früh um einen Platz beim Startraining mit der Weltklasse-Sportlerin bemüht hatte, war jedenfalls begeistert von der Einheit auf der SUA-Matte: „Das waren wirklich sehr lehrreiche Techniken, die uns gezeigt wurden. Ich werde die jetzt sicher noch verfeinern.“ Besonders beeindruckend fand die junge Kampfsportlerin, dass Anna-Maria Wagner auch so offen über das Thema mentale Gesundheit sprach.

Ich freue mich jetzt erstmal auf das Bundesliga-Finale in Wuppertal im Oktober. Das wird sicher ein schöner Rahmen für meinen Abschied.
Anna-Maria Wagner (29),, zweimalige Weltmeisterin im Judo und deutsche Fahnenträgerin bei Olympia 2024 in Paris
Im Anschluss ans Training hielt die zweimalige Weltmeisterin nämlich eine bemerkenswerte Präsentation, die auf zahlreichen Fotos ihren teils beschwerlichen Weg zu den Olympischen Spielen in Paris nachzeichnete. „Eine Fotografin hat mich insgesamt zwei Jahre lang begleitet, dabei sind wirklich einige sehr schöne Bilder entstanden“, so Wagner, deren Laufbahn auch eine Schattenseite hatte, als sie nach den Erfolgen in Tokio mental in ein tiefes Loch gestürzt war, „die Schnauze voll“ hatte vom Judo. Die Unterstützung ihrer Betreuer um Bundestrainer Claudiu Pusa sowie Sportpsychologe Moritz Anderten sei damals für sie wie ein Rettungsanker gewesen.
Auch einen besonders emotionalen Moment teilte Wagner, die in diesem Jahr auch noch Gold bei der Militär-Weltmeisterschaft in Warendorf gewann, am Samstag in Witten mit der Trainingsgruppe: Das kleine Video, welches zeigte, wie die Sportsoldatin am Telefon davon erfuhr, dass sie für Olympia in Paris als Fahnenträgerin des deutschen Teams ausgewählt wurde, ließ bei Anna-Maria Wagner selbst über ein Jahr nach den Spielen ein paar Tränen kullern.
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Bürgermeister Lars König schaut für ein kurzes Grußwort vorbei
Zum Abschluss nach einer längeren Fragerunde stand die 29-Jährige noch für zahlreiche Autogramme und Fotos bereit - und wer mochte, konnte den von ihr signierten Bildband „Am Ende zahlt sich alles aus“ erwerben. „Da kam wirklich jeder auf seine Kosten - schöner kann ein Judo-Nachmittag kaum enden“, sagte SUA-Vorstand Ringo Wittig. Auch Wittens Bürgermeister Lars König hatte am Samstag kurz vorbeigeschaut und in seinem Grußwort klargemacht, wie wichtig es sei, sich in seinem Sport zu engagieren. „Judo wäre ja nicht so meins gewesen, ich hab‘s eher mit Tischtennis versucht“, ließ er wissen. Sein Rat an die große Trainingsgruppe: „Es kommt darauf an, mit Begeisterung bei der Sache zu bleiben. Vielleicht schafft man es dann irgendwann im Sport so weit wie Anna-Maria Wagner.“
Am 26. Oktober wird sie beim Bundesliga-Finalturnier für die TSG Backnang in der Wuppertaler Uni-Sporthalle noch einmal auf die Matte gehen, sich danach endgültig von der Judo-Bühne verabschieden. Ob sie sich mit dem Gedanken an diesen vermutlich sehr emotionalen Tag schon näher beschäftigt habe? „Bislang war das noch kein Thema. Ich freue mich jetzt erstmal auf das Bundesliga-Finale. Das wird sicher ein schöner Rahmen für meinen Abschied. Wahrscheinlich“, so die zweifache WM-Gewinnerin, „kommt das dann nach dem allerletzten Kampf.“
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Nach dem Bundesliga-Finalturnier will Wagner ihr Studium abschließen
Danach wolle sie ihr Studium (BWL und Hotel-Management) bald beenden und sich dann ihrer beruflichen Zukunft widmen. Und ähnliche Trainingseinheiten wie die bei der SU Annen abhalten - „das macht mir Spaß, das werde ich bestimmt auch weiterhin tun. Aber der Trainerjob“, so die Ravensburgerin, „der ist irgendwie nichts für mich.“




