Zusammenfassung

  • Frauenfußball als wachsender Markt: Immer mehr Männer-Bundesligisten wie RB Leipzig und Union Berlin engagieren sich im Frauenfußball, während Borussia Dortmund und Schalke 04 ebenfalls Interesse zeigen.
  • SGS Essen als Pionierin: Seit über 50 Jahren engagiert sich die SGS Essen im Frauenfußball und hat sich durch eine erfolgreiche Talentschmiede und sportliche Erfolge in der Bundesliga etabliert.
  • Historische Entwicklung und Erfolge: Von der Gründung als 'Schnapsidee' bis zum Bundesliga-Aufstieg hat die SGS Essen zahlreiche Herausforderungen gemeistert und Talente wie Lena Oberdorf hervorgebracht.

Es ist kein Zufall, dass immer mehr Männer-Bundesligisten in den vergangenen Jahren den Frauenfußball für sich entdeckt haben. RB Leipzig und nun auch Union Berlin sind in der Eliteliga angekommen, der VfB Stuttgart könnte in einem Jahr folgen. Und auch Borussia Dortmund und Schalke 04 scharren schon mit den Hufen. Der Grund ist eindeutig: Der Frauenfußball ist ein wachsender Markt und wurde daher vor einigen Jahren als eines der weltweit größten Start-Ups bezeichnet. Die SGS Essen ist eine Pionierin auf diesem Gebiet, wurde allerdings nicht vom großen Geld angelockt: In Schönebeck traten die „Damen“ schon vor 52 Jahren gegen den Ball. Seit 21 Jahren ist der Klub erstklassig.

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Diese Vision hatte Heinz Unterharnscheidt nicht, als er am 21. März 1973 stilecht in einer Kneipe die Gründung einer Frauenabteilung unter dem Dach von Grün-Weiß Schönebeck vorschlug. In der Vereins-Chronik ist von einer „Schnapsidee“ die Rede. Denn eigentlich war sie zum Scheitern verurteilt. Gerade einmal elf Spielerinnen waren dabei, als der Startschuss fiel. Und ein schneller Boom war nicht zu erwarten, denn gesellschaftlich fehlte dem Frauenfußball die Akzeptanz. Bezeichnend: Als erster Trainer verdreckte Kurt Gerdesmann nach den Einheiten regelmäßig seine Trikots, um seiner Frau glaubhaft machen zu können, dass er vom Altherren-Training käme.

SGS Essen: Zu Beginn der 1980er Jahre drohte der Frauenfußball in Essen zu scheitern

So dauerte es zwei Jahre, bis die GWS erstmals am Spielbetrieb in der Kreisliga teilnehmen konnte. Thomas Gröpper übernahm an der Seitenlinie. „Für Kurt wurde es wohl zu eng“, scherzt er, der im Verein damals eigentlich lieber Tischtennis spielte. Aber als ihm als frischgebackener Jugend-Vereinsmeister plötzlich erklärt wurde, er könne weder in der Jugend noch bei den Senioren weiterspielen, ließ er sich zum Fußball überreden. Gröpper spielte der A-Jugend von GWS - und hatte einen Führerschein. „Die Mädels konnten damals nicht selbst fahren. Und weil der Platz so schlecht war, mussten sie meist auswärts spielen. Da bin ich gefragt worden, ob ich nicht einspringen könnte.“

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Wenig später war er Trainer und hatte zu Beginn der 1980er-Jahre schon die erste Krise zu meistern. Acht Spielerinnen wechselten nach Duisburg und der Frauenfußball in Schönebeck stand vor dem Aus. „Ich habe nachts Flugblätter geschrieben und sie in alle möglichen Briefkästen eingeworfen“, erinnert sich Gröpper. Aber es war mühsam. „Frauen sind besser am Herd als auf dem Fußballplatz“, habe man früher gesagt. „Nicht jedes Elternhaus hat es gerne gesehen, deshalb haben sich einige Spielerinnen zum Training heimlich rausgeschlichen“, sagt der Trainer, dessen Mühen letztlich belohnt wurden: 1982 umfasste der Kader bereits 20 Fußballerinnen - und der Erfolg stellte sich ein.

Im Aufstiegslied von 1992 singen sie sogar von Pelé

Kurz später stand der Aufstieg in die Landesliga fest, der erste Sieg im Stadtpokal konnte bejubelt werden und eine zweite Mannschaft wurde gemeldet. Ende 1987 nahm der Verein an fünf weiterführenden Schulen ein Mädchenfußball-Projekt auf. Die SGS sieht darin heute den Grundstein für die erfolgreiche Talentschmiede, die die sportliche Lebensversicherung in der Eliteliga darstellt. Auch medial fand der Frauenfußball immer größere Beachtung. Wahrscheinlich auch, weil sich allmählich Erfolge der Nationalmannschaft einstellten. Die GWS profitierte damals. „Die Fußball-Amazonen sind in Schönebeck heimisch“, titelte eine Zeitung 1987.

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Und der Höhenflug ging weiter. „Das zwanzigste Jahr wird ein ganz großer Hit, ja da spielen wir in der Verbandsliga mit“, heißt es im Aufstiegslied 1992, das Gröpper noch kräftig mitsang. Und auch die steigenden fußballerischen Qualitäten sind darin festgehalten: „Heut’ können wir spielen fast so wie Pelé, aber jeder verlorene Punkt tut doch weh.“ 1994 hat die GWS dann auch ihre ersten Nationalspielerinnen: Mareike Gründges und Vanessa Baudzus debütierten in der U16 des DFB. Mit nun Siggi May an der Seitenlinie gelingt zwei Jahre später der Aufstieg in die Regionalliga, in die Schönebeck nach einem Abstieg 1999 zurückkehrt.

2000: Aus GW Schönebeck und dem VfB Borbeck wird die SGS Essen

Es ist die damals zweithöchste Spielklasse. Und schließlich wird am 1. Juni 2000 die SGS geboren. Und zwar aus einer Fusion von GW Schönebeck und dem VfB Borbeck. „Keinem fällt es leicht, sich von einem liebgewonnenen Namen zu trennen. Wichtiger sind aber der Zweck des Vereins und der Blick nach vorne auf das Neue, das wir gemeinschaftlich angehen wollen“, erklärt Karl Traude als 1. Vorsitzender der GWS damals. Im neuen Gesamtverein blieb der Frauenfußball das Aushängeschild. Und im gleichen Jahr folgt schon die zweite Schnapsidee in der Vereinshistorie: Die SGS reichte die Bewerbung für die Bundesliga ein.

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Vier Jahre später stand Schönebeck tatsächlich Kopf: Mit einem unerwarteten 2:0-Erfolg am letzten Spieltag im direkten Duell mit Spitzenreiter Wattenscheid 09 eroberte der Klub mit Trainer Ralf Agolli den ersten Platz und qualifizierte sich für die Aufstiegsrunde zur Eliteliga. Und dort lebte der Traum weiter: Sensationell setzten sich die Ruhrstädterinnen erst gegen Niederkirchen, dann gegen TB Berlin durch und waren in der Beletage des deutschen Frauenfußballs angekommen. Nur waren sie von diesem Aufstieg im Verein doch auch selbst überrascht worden.

Einer der Architekten der modernen SGS Essen: der langjährige Trainer Markus Högner.
Einer der Architekten der modernen SGS Essen: der langjährige Trainer Markus Högner.© FUNKE Foto Services | Michael Gohl

Die Bundesliga-Bewerbung war ein Abenteuer - mit Erfolg

„Zu diesem Zeitpunkt hatten wir weder eine Mannschaft, noch einen Platz und erst recht nicht das Geld für die 1. Liga. Aber wir dachten damals: Wir machen dieses Abenteuer einfach mal ein Jahr mit“, erinnert sich Willi Wißing, der im gleichen Jahr Geschäftsführer mit dem Schwerpunkt Frauenfußball wurde. Dass man in der Bundesliga bestehen könnte, glaubte kaum jemand. Doch dank der vereinseigenen Talentschmiede fand die SGS ihre Nische und entwickelte sich unter Markus Högner und Daniel Kraus weiter. Beide führten den Klub in der Liga auf Platz vier (2019, 2024).

Zudem erreichten die Essenerinnen unter Högner zwei Mal das Pokalfinale (2014, 2020), bei dem der Titeltraum von letzterem erst im Elfmeterschießen gegen den VfL Wolfsburg platzte. Die größten Erfolge aber erreichte die SGS in der Ausbildung: Von Lisa Weiß über Lea Schüller, Linda Dallmann und Lena Oberdorf bis hin zu Sophia Winkler reiften in Essen insgesamt zehn Talente zur deutschen Nationalspielerin. Genau so möchte die SGS ihren Platz nun mit Robert Augustin als Seitenlinienchef behaupten. Obwohl Vereine wie Union Berlin finanziell aus einer anderen Welt kommen. Mit Widerständen aber kämpft man in Schönebeck schon seit mehr als 50 Jahren.