Mit Kirsten Schlosser ins Gespräch zu kommen, ist keine große Kunst. Die 58-Jährige ist offen und ehrlich. Sie spricht aus, was sie denkt. Und doch gibt es diesen Moment, an dem sich ihre Stimme verändert und sie merklich nach Worten ringt. Es sind die Erinnerungen an ihren Abschied beim letzten Heimspiel der SGS Essen in der abgelaufenen Saison. 21 Jahre war sie dort Co-Trainerin und dabei so etwas wie die gute Seele des Vereins, in den sie unglaublich viel Herzblut und Leidenschaft investierte. Von der Wertschätzung, die ihr an diesem Tag entgegengebracht wurde, ist sie noch heute überwältigt.
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Schon mit Gänsehaut schritt sie zur offiziellen Verabschiedung in den Mittelkreis, ehe plötzlich fast 40 ehemalige Spielerinnen und Wegbegleiterinnen auf den Rasen liefen, um diesem Moment auch den persönlichen, herzlichen Rahmen zu verleihen, den Schlosser verdiente. Eine tolle Geste, die von Steffi Rohrbeck, einer weiteren ehemaligen Spielerin, organisiert wurde. „Ich habe immer versucht, das Menschliche in den Vordergrund zu stellen und ein offenes Ohr für alle zu haben.“ Einen besseren Beweis, dass ihr das wie keiner Zweiten gelungen ist, gibt es nicht.

SGS Essen: Zu Tränen gerührt
Sabrina Duhme und Sandra Deilmann gehörten beispielsweise zum Kader der ersten Bundesliga-Jahre. Ina Lehmann und Vanessa Martini führten Essen später als Kapitäninnen an. Lisa Weiß war die erste Spielerin, die an der Ardelhütte zur Nationalspielerin reifte. Sie alle waren gekommen – und rührten Schlosser zu Tränen. „Ich wusste, dass da was läuft“, erklärt sie. „Dass so viele kommen würden, hätte ich aber nie gedacht. Zusätzlich habe ich noch unzählige ganz liebe Nachrichten von Menschen bekommen, die nicht da sein konnten. Das hat mich einfach sprachlos gemacht.“
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Besonders berührt hat sie ein Brief, den ihr eine Spielerin aus dem aktuellen Kader später zusteckte. „Es ging um meinen 50. Geburtstag vor acht Jahren“, schmunzelt sie. Eine legendäre Party war das. Eine, auf der sich alle wohlfühlten. „In dem Brief stand, sie habe sich nicht wie unter Fremden, sondern wie zu Hause gefühlt.“ Und genau das zeigt, welchen Anteil Schlosser am Erfolg der SGS hat, die im Sommer in ihre 22. Saison in der Eliteliga geht. Die Co-Trainerin hat die familiäre Atmosphäre an der Ardelhütte als eine Voraussetzung für die sportliche Konkurrenzfähigkeit des Klubs geprägt.

SGS Essen: Vom Rhein-Ruhr-Bad in Duisburg zum Training
Doch die fortschreitende Professionalisierung machte es Schlosser immer schwieriger. Zumal sie hauptberuflich als Betriebsleiterin im Rhein-Ruhr-Bad in Duisburg arbeitet. An ihrem Einsatz lag es nicht: So ging es um sieben Uhr morgens zunächst ins Schwimmbad und von dort durch den Berufsverkehr auf der A40 direkt zum Training. „Vor 19.30 Uhr war ich selten zu Hause.“ 21 Jahre lang. Da die Spieltage mittlerweile neben dem traditionellen Sonntag auch noch Freitag, Samstag und Montag sind, gingen weitere Urlaubstage für die SGS drauf.
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„Ich stand unter Dauerstrom. Aber ich bin eben fußballverrückt. Der Sport und die Mädels haben mir einfach unheimlich viel zurückgegeben“, sagt sie, merkte aber auch immer mehr, dass sie an ihre Grenzen stößt. Als dann der DFB noch forderte, dass alle Erstligisten einen hauptamtlichen Co-Trainer bräuchten, war Schlossers Ende fast absehbar. Denn das kam für sie nie infrage. „Ich arbeite seit 41 Jahren bei der Stadt Duisburg. Da wäre ich doch gepudert gewesen, das aufzugeben.“

SGS Essen: Ein symbolischer Erstliga-Einsatz
Schließlich kam der Verein ihr zuvor und teilte ihr im April mit, dass man sich sportlich neuaufstellen und auf Schlossers Dienste künftig verzichten wolle. „Diese Entscheidung hätte ich gerne selber getroffen, aber ich bin mittlerweile fein damit“, sagt sie. Nach 38 Jahren im Verein hätte ihr das auch zugestanden. Schon vor ihrer Trainerlaufbahn kickte Schlosser selbst für die SGS. Allerdings musste sie nach dem Bundesliga-Aufstieg 2004 ihre aktive Karriere aufgrund einer Rückenverletzung beenden, bekam von Trainer Ralf Agolli aber noch einen symbolischen Erstliga-Einsatz.
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Und jener Agolli war es auch, der Schlosser an die Seitenlinie lockte. „Er hat mich gefragt, ob ich nicht so ein bisschen Co-Trainer machen möchte“, erinnert sich Schlosser lachend. Aus „so ein bisschen“ sind 21 Jahre geworden, in denen Schlosser eine Verwandlung des Frauenfußballs miterlebte. „Technisch sind heute alle zehn Mal besser, das Spiel ist schneller und athletischer, die Spielerinnen robuster und taktisch ganz anders ausgebildet.“ Allerdings geht mit dieser sportlichen Professionalisierung auch eine Kommerzialisierung einher.
SGS Essen: „Und sie wissen, in Essen kriegen sie nichts“
„Heute gibt es Berater, die Geld verdienen wollen und sich fragen: Wo bringe ich meine Spielerin hin? Und sie wissen, in Essen kriegen sie nichts“, erklärt Schlosser, die selbst bei der SGS nie einen Vertrag hatte. „Wenn ich ein Versprechen gebe, halte ich das. Und wenn ich für drei Jahre zusage, bleibe ich auch für drei Jahre.“ Aber das Geschäft läuft mittlerweile anders. „Diese Entwicklung macht es der SGS schwer. Die Luft wird dünner, weil selbst in der 2. Liga immer mehr investiert wird.“ Schlosser wird fortan mit etwas mehr Abstand die Daumen drücken.
Wie sie nun ihre gewonnene Zeit nutzen möchte, weiß sie noch gar nicht. Fest steht nur: So ganz vom Fußball verabschieden möchte sie sich keinesfalls. Für eine neue Aufgabe, die etwas weniger zeitintensiv daherkommt, ist Schlosser durchaus offen: „Ich möchte dem Fußball auf jeden Fall treu bleiben.“


