Die großen Klubs sprechen von Erleichterung und neuen Möglichkeiten, die kleinere von Überforderung, Sorgen und der Angst, Mitglieder zu verlieren. Die ersten zwei Wochen mit dem digitalen Pass im Judosport zeigt: Digitalisierung ist mehr als eine rein technische Umstellung – sie verändert den Alltag im Ehrenamt.

Mit dem 1. Januar wurde die analoge Passbestellung im Judo endgültig abgeschafft. Pässe werden seither ausschließlich digital beantragt und verwaltet. Der Schritt ist Teil einer bundesweiten Entwicklung und wird vom Nordrhein-Westfälischer Judo-Verband umgesetzt. Ziel ist es, Abläufe zu vereinfachen, Daten transparenter zu machen und den Sport zukunftsfähig aufzustellen.

In der Praxis zeigt sich jedoch schnell: Die Umstellung trifft Vereine mit unterschiedlichen Voraussetzungen – organisatorisch, personell und digital. Während Einige reibungslos durch die Einführung gekommen sind, stehen andere noch vor offenen Fragen. Nachfrage in der Region.

JC 66 Bottrop: Positives Grundgefühl trotz Stolpersteinen

Beim JC 66 Bottrop lautet das Zwischenfazit, dass die Digitalisierung der Pässe vom Prinzip her „recht einfach“ sei. Die eigentlichen Herausforderungen lägen für den Club weniger im System selbst, sondern bei der Umsetzung im Vereinsalltag. „Die Eltern müssen beim Eintragen der Daten mitarbeiten. Dort, wo Sprachbarrieren bestehen oder Menschen mit digitalen Abläufen langsamer sind, wird es schwierig“, heißt es aus Bottrop.

In der Judo-Bundesliga treffen am Samstag, 23. August 2025, in der Dieter-Renz-Sporthalle in Bottrop die Teams von JC66 Bottrop und UJKC Potsdam aufeinander.
Der Judo-Bundesligist JC 66 Bottrop hat einen insgesamt sehr großen und diversen Kader an Junioren und Senioren – die Umstellung auf den digitalen Pass war nicht für alle von ihnen barrierefrei. © FUNKE Foto Services | Thomas Gödde

Die Vervollständigung der Daten sei gut beschrieben, das Supportcenter mit bebilderten Anleitungen werde ausdrücklich gelobt. Dennoch traten zwischendurch technische Fehler auf, die zunächst unerklärlich wirkten. „Am Ende konnten sie behoben werden, aber es hat Zeit gekostet.“

Kritischer bewertet wird der Supportservice. Anfragen seien teilweise nur sehr langsam beantwortet worden, zudem habe man Rückfragen erhalten, die sich nicht aus vorhandenen Informationen klären ließen. Komplett abgeschlossen ist die Umstellung im Verein noch nicht – auch im neuen Jahr trat erneut ein Fehler auf. Trotzdem bleibt das Grundgefühl positiv: Das System werde als sinnvoll empfunden, auch wenn der Weg dorthin holprig gewesen sei.

SU Annen in Witten: Viel Arbeit, aber klare Vorteile

Bei der SUA Witten wurde der digitale Judopass ebenfalls grundsätzlich positiv aufgenommen. „Aus Trainersicht sind viele Dinge deutlich einfacher geworden“, heißt es aus dem Verein. Meldungen für Einzelturniere oder Bundesliga-Kämpfe seien inzwischen „nur noch ein paar Klicks“. Prozesse, die früher zeitaufwendig und fehleranfällig waren, ließen sich nun deutlich schneller erledigen.

Judo Bundesliga der Frauen mit SU Annen
Emily Gränitz, SUA, gegen Joni Geilen, TSV, am Samstag, dem 27. April 2024 in der Judo Bundesliga der Frauen mit SU Annen, in hellgrün, gegen TSV Hertha Walheim in der Sporthalle in Witten Annen.
Die SU Annen aus Witten kämpft mit seinen Judo-Frauen und -Männern in der Bundesliga.© FUNKE Foto Services | Walter Fischer

Ganz ohne Probleme verlief die Einführung jedoch auch hier nicht. Besonders kritisch sehen Verantwortliche den Zeitpunkt. Die Umstellung kam sehr spät und kurzfristig – unmittelbar vor der letzten Bundesligasaison. „Plötzlich brauchten alle einen digitalen Judopass“, schildert das Trainerteam. Da in NRW nahezu alles ehrenamtlich organisiert ist, seien selbst die Wittener als großer Verein an Grenzen gekommen. Dennoch überwiege der positive Eindruck, anfängliche Probleme seien gelöst worden.

Extrem schwierige Situation beim MSV Duisburg: Datenschutz, Ablehnung und Existenzsorgen

Ganz anders stellt sich die Lage in kleineren Vereinen oder Judo-Abteilungen dar. Beim MSV Duisburg gibt es bislang nur sehr wenige digitale Pässe. Der Hauptgrund liege in der Zurückhaltung vieler Eltern. „Aus Datenschutzgründen sind sie kaum zu überzeugen“, berichtet Andy Lang, Verantwortlicher beim MSV. Viele Familien möchten weiterhin mit dem alten Judopass kämpfen und lehnen einen QR-Code auf dem Smartphone strikt ab.

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Die Situation wird als extrem schwierig beschrieben. Die Sorge reicht weit über organisatorische Fragen hinaus. „Es sieht im Moment so aus, als würden künftig kaum noch Kinder aus unserem Verein an Wettkämpfen teilnehmen.“ Damit stünde nicht nur der sportliche Betrieb, sondern langfristig auch die Zukunft des Judos beim MSV Duisburg auf dem Spiel.

Auch in anderen kleinen Vereinen, in denen wenige Ehrenamtliche den Betrieb für viele Judoka organisieren müssen, sind die Erfahrungen bisher negativ. Die Einführung des digitalen Judopasses bedeutete für sie zunächst einen immensen Mehraufwand. Gerade in der Anfangsphase funktionierte vieles nicht reibungslos, Abläufe und Kommunikation waren unklar, Zugänge fehlten oder mussten mehrfach geprüft werden. Wissen entstand nicht durch Schulungen im Vereinsheim, sondern mühsam Schritt für Schritt. Ein Großteil dieser Arbeit verlagerte sich in die Abendstunden, wurde nebenbei erledigt.

Emotionaler Verlust für Judoka: Die alten Papierpässe mit vielen Erinnerungen sind Geschichte

Die Debatte hat noch eine Ebene, viele Judoka tief berührt – unabhängig von Vereinsgröße oder Leistungsniveau. Trainer Stefan Oldenburg von der SUA Witten spricht dabei wohl Einigen aus der Seele: „Ich finde es schade, dass der Papierpass dadurch verloren geht.“ Für viele sei der Judopass nie nur ein Verwaltungsdokument, sondern ein persönlicher Begleiter über Jahre hinweg.

Judo/Bundesliga:
SU Annen gegen KSC Asahi Spremberg
Stefan Oldenburg (Mitte), Trainer der Bundesliga-Judoka der SU Annen aus Witten.© FUNKE Foto Services | Sebastian Sternemann

„Wenn er mir in die Hände fällt, schaut man doch noch einmal rein und freut sich über alte Lehrgänge und Erfolge“, beschreibt Oldenburg dieses Gefühl. Handschriftliche Einträge, Stempel von Vereinen oder Verbänden, der Nachweis eines internationalen Trainingslagers – jede Seite erzählte ein Stück der eigenen Judo-Geschichte. „Es war ein gesammeltes Buch an Erinnerungen.“