
Die kleine Mia hat das Frühstück verpasst. Im Montessori-Kindergarten am Arrenberg dürfen die Kinder selbst entscheiden, wann sie frühstücken. Bis 11 Uhr haben sie die Möglichkeit dazu. Danach gibt es erst wieder etwas zum Mittagessen. Bei den Kleineren sehen die Erzieherinnen das Ganze nicht so eng. Aber Mia geht bald in die Schule.
„Wir erziehen die Kinder hier zu eigenständigen Mitgliedern unserer Gesellschaft“, sagt Kita-Leitung Petra Kirschbaum. Dazu gehöre, dass die Kinder Entscheidungen treffen und lernen, Konsequenzen abzuschätzen. Im Montessori-Kindergarten kümmern sich die Kleinen auch darum, ihr Geschirr abzuwaschen, und wer möchte, darf sogar am echten Herd kochen. Der ist dafür extra auf Kinderhöhe gebaut.
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Zur gleichen Zeit toben die Kinder der Kita Rasselbande am Ostersbaum im Turnraum. Leiterin Constanze Menken-Trovo schaut grade vorbei, als ein Kind ein anderes ein wenig ungestüm über den Haufen rennt. Der Junge entschuldigt sich und das Thema ist erledigt.
Eine Erzieherin ist weit und breit nicht zu sehen. „Die Kinder können ganz viele Probleme unter sich lösen, dafür brauchen die uns gar nicht“, sagt Menken-Trovo. „Wichtig ist, dass sie das Gefühl haben, dass sie bei uns sicher sind und dass sie wissen, wen sie ansprechen können, wenn sie alleine nicht weiterkommen.“
Kita-Leiter Nikolas Rau: „Jeden Monat muss ich dieselben Kita-Zahlen an die Stadt senden“
Wer sich mit Erzieherinnen, Erziehern und Leitungen über Kitas unterhält, erfährt als erstes etwas über das Einrichtigungskonzept. Offenes Konzept, teiloffenes Konzept, geschlossenes Konzept: die Meinungen darüber, welche Variante in welchem Kontext und für welches Team die beste ist, gehen auseinander.
Direkt auf das Thema Konzept folgen die Themen Personalmangel und Bürokratie. Nikolas Rau ist Leiter der Kita Pusteblumen an der Pahlkestraße und führt ein Team, das zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern besteht: „Einmal im Monat muss ich der Stadt die aktuellen Kinderzahlen melden. Das sind jeden Monat dieselben. Trotzdem müsste ich mich jeden Monat hinsetzen und die Namen einzeln in eine Liste eintragen. Zum Glück hat unser Vorstand mittlerweile eine App dafür gekauft.“
Kita-Stellen werden nicht besetzt, weil Bewerberinnen zu nah am Arbeitsplatz wohnen
Für Eltern hingegen sind das größte Thema die Schließzeiten. Als Mitte Juli drei Erzieherinnen der Langerfelder Kita Wilhelm-Hedtmann-Straße langfristig ausfielen, musste die Leitung auf eine 4-Tage-Woche umstellen. Daraufhin entbrannte Protest unter den Eltern.

„Es gab Bewerbungen auf die offenen Stellen“, sagt Susanne Hendel vom Elternbeirat, „aber teilweise wurden Erzieherinnen abgelehnt, weil sie zu nah an der Kita wohnen. Das ist doch absurd. Das wollten und konnten wir nicht mehr hinnehmen.“
Erzieherinnen in Wuppertaler Sprachförder-Kita sprechen kein Deutsch
Der Protest war erfolgreich. Kurz darauf wurde neues Personal eingestellt und sogenannte Springer verpflichtet. Springer sind Erzieherinnen und Erzieher, die bei Personalmangel auf Abruf bereitstehen. Die Kehrseite: Dieses Personal wird auch in Kitas gebraucht, die keinen lauten Elternbeirat haben. Wer mit diesen Kitas spricht, erfährt von Problemen, die sich die meisten gar nicht vorstellen können.
„Wir kümmern uns zu dritt um 43 Kinder, die auf zwei Gruppen aufgeteilt sind. Jeden Tag wechseln die Gruppen“, sagt Kita-Leitung Melissa Radjar. Radjar heißt nicht wirklich so, aber sie möchte anonym bleiben, weil sie Ärger mit ihrem Träger fürchtet. „Dazu kommt, dass meine beiden Kolleginnen kaum deutsch sprechen. Und wir sind eine Sprachförder-Kita.“
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Wuppertaler Kita-Leitung: „Zu uns kommen alle, die woanders keinen Platz bekommen“
In Wuppertal können sich die freien Träger ihre Kinder aussuchen. Offiziell haben natürlich alle Kinder die gleiche (geringe) Chance auf einen Platz, de facto entscheidet jedoch der Vorstand, „wie gut die Eltern ins Vereinsgefüge passen“.
Eltern, die keine Elternstunden, also ehrenamtliche Arbeit, leisten können, fliegen sofort raus. „Zu uns kommen alle, die woanders keinen Platz bekommen“, sagt Radjar.
In Remscheid werden Kita-Plätze zentral vergeben
Damit diese Tendenz ein wenig ausgeglichen wird, verläuft die Kita-Platzvergabe in Remscheid zentral gesteuert über das Programm Little Bird. Eltern können zwar weiterhin Präferenzen angeben und müssen sich schlussendlich auch bei den Kitas vorstellen, dafür hat die Stadt aber alle Daten auf einen Blick.
Das reduziert den bürokratischen Aufwand für Kitas, Eltern und Träger und ist zumindest ein kleiner Schritt in Richtung einer gerechteren Kita-Platzvergabe.
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Die Gesetzeslage ist eine der Hauptursachen für die schlechte Kita-Situation
Ein Großteil all dieser Probleme geht zurück auf das 2008 vom Land NRW eingeführte Kinderbildungsgesetz-Gesetz (abgekürzt als KiBiz-Gesetz). Schon bei seiner Einführung kritisierten Verbände und Gewerkschaften, dass das Gesetz zu mehr Bürokratie und Personalengpässen führen würde.

So prognostizierte die Gewerkschaft Verdi 2007 eine „dramatische Verschlechterung der Arbeitsbedingungen“. Auf die Verdi-Kritik hatte der damalige NRW-Familienminister Armin Laschet laut der Gewerkschaft mit dem Satz reagiert: „Das KiBiz-Gesetz ist kein Gesetz für Erzieherinnen.“
Absurde Anmeldesituationen für Eltern
Doch auch für Familien scheint das Gesetz nicht gemacht zu sein, wie Susanne Hendel vom Elternbeirat der Kita Wilhelm-Hedtmann-Straße berichtet. Damit ihr Sohn in die gleiche Kita wie ihre Tochter kommt, hat sie ihn für eine 35-Stunden-Betreuung angemeldet. Wegen der begrenzten Ganztagsplätze hätte sie keine Chance auf einen 45-Stunden-Platz gehabt.
„Das Ergebnis war, dass wir ein Jahr lang unsere Tochter, die einen 45-Stunden-Platz hat, gemeinsam mit unserem Sohn nach 35 Stunden aus der Kita abgeholt haben, bevor auch unser Sohn auf 45 Stunden nachrücken durfte.“
Kita-Leiter Nikolas Rau: „Die Politik hat entschieden, ohne mit den Menschen aus dem System zu sprechen.“
Das KiBiz-Gesetz war aber noch nicht alles. 2013 kam bundesweit der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder ab einem Jahr dazu. „Darauf war das System überhaupt nicht vorbereitet“, sagt Kita-Leiter Nikolas Rau.
„Du hast plötzlich doppelt so viele Kinder, die eine ganz andere Betreuung brauchen. Die Politik hat entschieden, ohne mit den Menschen aus dem System zu sprechen. Dann ging es nur noch darum, dass mehr Kindergärten gebaut werden. Aber Personal hatten wir nicht.“
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„Unsinnige“ Förderungen für Eltern und unklare Finanzierung
Das reformierte KiBiz-Gesetz in NRW machte zusätzlich die letzten zwei Kita-Jahre für alle Eltern beitragsfrei – unabhängig vom jeweiligen Einkommen. „Ich freue mich natürlich darüber, aber je nach Einkommen ist das doch Unsinn“, sagt Susanne Hendel. Trotzdem steht ein drittes beitragsfreies Jahr für alle in Aussicht.
Bei Kita-Leiter Nikolas Rau stößt das auf Unverständnis. „Irgendwann muss man auch schauen, wie sich so ein System refinanziert. Aktuell ist die Finanzierung ab August 2026 immer noch nicht geklärt“, sagt er.
„Es heißt immer nur, es ‚soll‘ eine Reform kommen. Aber Kitas brauchen auch Planbarkeit. Wenn die Reform nicht kommt, nimmt die Politik ein Stück weit in Kauf, dass viele Einrichtungen schließen müssen.“
Tagesmutter Janine Strecker: „Die Kitas nehmen uns die Kinder weg“
Neben den Eltern bekommen aber auch Kitas Förderungen, die fragwürdige Konsequenzen haben. So bekommen Kitas zusätzliches Geld für jedes unter-dreijährige Kind, das sie aufnehmen. Kinder, die früher von Tagesmüttern betreut wurden.

„Dadurch nehmen die Kitas uns die Kinder weg“, sagt Janine Strecker. Sie war früher mit Susanne Hendel im Elternbeirat der Kita Wilhelm-Hedtmann-Straße. Hauptberuflich ist sie Tagesmutter.
Die Politik sorgt dafür, dass Kinder immer früher in die Kitas gehen, obwohl das Personal fehlt
„Die Kitas wissen nicht, wohin mit den Kindern und auf der anderen Seite müssen etliche Tagesmütter aufhören, weil sie ihre Plätze nicht vollkriegen“, sagt Strecker.
Durch die Regelung der Unter-Dreijährigen ist es für Eltern nämlich kontraproduktiv, ihr Kind zu einer Tagesmutter zu geben. Die Kita-Plätze sind so begrenzt, dass neben Geschwisterkindern beinahe ausschließlich Unter-Drei-Jährige aufgenommen werden. Kinder, die in diesem Alter bei einer Tagesmutter sind, haben später kaum noch eine Chance auf einen Wunsch-Kitaplatz.
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Die Liste an Kita-Problemen ist beinahe endlos
Die Liste an Problemen ließe sich an dieser Stelle noch endlos lang fortführen. Man könnte über mangelhafte Aus- und Weiterbildung sprechen, über Hürden für in- und ausländische Fachkräfte und über Eltern, die die komplette Erziehung an die Kitas abgeben.
Über Kinder, die immer mehr Unterstützung brauchen, über Leitungen, die nur ihren Dienst nach Vorschrift machen, über fehlende Wertschätzung und über schlechte Kommunikation.
Was alle beklagen: Keine Zeit, sich um die Kinder zu kümmern
Doch am Ende läuft alles auf die gleiche Konsequenz hinaus. Auf einen Satz, den alle sagen, wenn sie gefragt werden, woran sie merken würden, dass ihre Probleme morgen verschwunden wären – ob Leitung, Erzieherin, Kinderpfleger oder Springer: „Ich könnte mich wieder richtig um die Kinder kümmern.“
Dieser Satz verrät, wer am Ende die Leidtragenden dieser ganzen Diskussionen sind: diejenigen, die die Situation weder verantworten, noch sich wehren, geschweige denn etwas verändern können.
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Die Hoffnung liegt auf einer weiteren KiBiz-Reform
„Das Gute ist: Wenn man mit Leuten aus der Politik spricht, hat man schon das Gefühl, dass allen bewusst ist, dass es so nicht weitergeht“, sagt Nikolas Rau. „Aber es dauert einfach zu lange.“ Es sei ein bisschen wie beim Klimawandel.
„Die Bemühungen sind da. Aber es fehlt so ein bisschen der Glaube, dass die nötigen Schritte schnell genug umgesetzt werden, bevor das System kollabiert.“ Darum sei das Wichtigste jetzt eine schnelle KiBiz-Reform.
Bessere Ausbildung und ein flexiblerer Personalschlüssel würden Abhilfe schaffen
Diese müsste nicht nur die Finanzierung langfristig klären, sondern auch neue Standards in der Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher setzen.
Ein weiterer Punkt ist neben der zentralen Kitaplatz-Vergabe, die die Stadt Wuppertal selbst in der Hand hätte, ein flexiblerer Personalschlüssel. „Aktuell ist es so, dass ein Kinderpfleger vor dem Gesetz nur als Ergänzungskraft zählt“, sagt Rau, „wenn die Fachkräfte ausfallen, ist es so als wäre er nicht da, obwohl er teilweise genau die gleiche Arbeit leistet. Da sollten die Kitas mehr Verantwortung übernehmen dürfen.“
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Verantwortung übernehmen: was die kleine Mia lernt, scheint zu viel für die große Politik
Gleichzeitig sollte laut Rau auch die Stadt ihrer Verantwortung bei der Datenerhebung gerecht werden. „Dinge wie die Kita-Zahlen. Das ist doch Quatsch. Die Stadt kann sich die Zahlen selbstständig beim Jugendamt holen. Warum fragen die mich jedes mal?“
Verantwortung übernehmen und selbstständige handeln: Was die kleine Mia am Frühstückstisch lernt, scheint für Erwachsene in Verwaltungs- und Entscheidungspositionen mitunter zu viel verlangt zu sein. Bleibt zu hoffen, dass Mia schnell groß wird, um es einmal besser zu machen. Und dass es dann noch nicht zu spät ist für die nächsten Generationen.











