Martina Hinkens sitzt in ihrem Wohnzimmer und blickt zu ihrem Mann Michael hinüber, der in seinem Sessel ruht. „Du kannst ihn nicht einfach abgeben“, sagt sie, „das geht nicht. Du hast dich jahrelang selber gekümmert.“ Ihre Worte spiegeln die Realität von zirka 13.300 Menschen in Wuppertal wider, die ihre Angehörigen ohne professionelle Hilfe pflegen.

Wuppertaler Pflegezahlen sprechen deutliche Sprache

Von den insgesamt 21.000 Pflegebedürftigen in Wuppertal (Stand: 2023) werden 72 Prozent zu Hause versorgt – das sind über 15.000 Menschen. Der überwiegende Teil davon, nämlich 13.300 Personen, erhält ausschließlich Pflegegeld und wird von Angehörigen gepflegt. Nur 24 Prozent der häuslich Gepflegten nehmen zusätzlich ambulante Pflegedienste in Anspruch.

Pflegebedürftige Menschen in Wuppertal21.000
Pflegebedürftige in Pflegeheimen 3.600 (ca. 17%)
Auslastung Pflegeheime 94%
Reine Pflegegeldempfänger 13.300 (ca. 63%)

Wuppertal verfügt über 74 ambulante Pflegedienste und bietet aktuell 3.600 Menschen Plätze in Pflegeheimen. Die Heime sind damit zu 94 Prozent ausgelastet. Ohne die Pflege durch Angehörige würde das Pflegesystem in Wuppertal also nicht funktionieren.

Lesen Sie auch

„Ich bin Ehefrau, ich bin keine Pflegerin“

Trotzdem ist für viele Familien – wie bei Martina und Michael – die häusliche Pflege durch Angehörige oft die einzige Option oder wird als solche empfunden. Martinas Mann Michael lebt mit Chorea Huntington, einer unheilbaren neurologischen Erbkrankheit, die 2016 diagnostiziert wurde. Jahrelang stemmte sie die Pflege allein, bis es körperlich und vor allem von der Zeit her nicht nicht mehr ging. „Ich bin Ehefrau. Ich bin keine Assistenz, ich bin keine Pflegerin.“, sagt sie heute.

Ich arbeite vollzeit, wie soll ich das schaffen?

Martina Hinkens schaut an der Kamera vorbei
Martina Hinkens, Ehefrau von Michael, den sie jahrelang alleine gepflegt hat.

Mittlerweile hat Michael eine 24-Stunden-Betreuung. „So ist immer jemand da, anders geht es gar nicht“, erklärt Martina. Doch der Weg dorthin war lang und herausfordernd. Wie für viele Betroffene in ähnlichen Situationen.

Unsichtbare Helden am Limit

Die Pflegebedarfsplanung der Stadt Wuppertal bezeichnet pflegende Angehörige als „die wichtigste Versorgungsgruppe im häuslichen Bereich“ und betont, dass sie „einen wesentlichen Teil der Pflegeleistung in der Stadt“ tragen. Dennoch sind sie oft unsichtbar und übernehmen die Verantwortung allein.

Auch Martina kennt das Gefühl der Isolation: „Wenn ich Feierabend habe, ist da immer noch: Du musst jetzt nach Hause. Das ist im Hinterkopf drin. Obwohl ich gar nicht nach Hause muss, weil es ist ja jemand da, er ist ja versorgt. Aber irgendwie kriegst du das nicht raus.“ Diese psychische Belastung teilt sie mit Tausenden anderen in der Stadt.

Martina und Michael Hinkens sitzen auf Stühlen
Martina und Michael Hinkens aus Wuppertal sind seit 2001 unzertrennlich.© Lea Graf

Barrieren erschweren den Alltag zusätzlich

Die Herausforderungen gehen über die reine Pflege hinaus. „Wuppertal ist nicht behindertengerecht“, kritisiert Martina. „Es fängt an bei den Bordsteinen. Es fängt an mit den Bussen, die nicht nah genug an den Bordstein fahren. Die Aufzüge funktionieren nicht. Mit der Bahn kommst du schon mal gar nicht weit.“ Für Michael, der mittlerweile auf einen Rollstuhl angewiesen ist, bedeutet das zusätzliche Einschränkungen.

Auch der Wuppertaler Zoo mit seinen Bergen... Alles nicht so einfach mit dem Rollstuhl.

Martina Hinkens, Pflegte ihren Mann Michael allein

Martina hat einen elektrischen Rollstuhl für Michael beantragt, aber jeder Antrag zieht sich. „Du musst für alles kämpfen. Gerade bei den Krankenkassen“, berichtet sie. Aktuell sammelt sie Spenden für ein barrierefreies Auto, weil sie die Kosten nicht alleine aufbringen kann.

Auch interessant

Unterstützung in Wuppertal

Wuppertal bietet durchaus Hilfsangebote für pflegende Angehörige: 11 Pflegekurse und Demenz-Schulungen, 9 Gesprächskreise für Selbsthilfe und 36 verschiedene Entlastungsangebote stehen zur Verfügung. Dazu kommen Beratungsstellen und spezialisierte Dienste, die bei der Organisation der Pflege helfen können.

Das Problem: Viele Angehörige wissen nicht von diesen Angeboten oder finden erst spät den Weg dorthin. Die Stadt betont in ihrer Pflegeplanung, dass pflegende Angehörige „auf vielfältige Hilfsangebote angewiesen“ sind – von Pflegeberatungsstellen über Krankenhäuser bis hin zu Pflegestützpunkten.

Zwischen Hingabe und Überforderung

Martinas Geschichte zeigt exemplarisch, was viele Angehörige der über 13.000 Zuhause gepflegten Menschen in Wuppertal durchleben. „Ich nehme ihn so, wie er ist. Auch wenn er krank ist. Er ist immer noch mein Mann“, sagt sie über Michael.

Die Zahlen aus Wuppertal zeigen deutlich: Die häusliche Pflege steht und fällt mit den Angehörigen. Sie sind die stillen Helden des Pflegesystems – doch sie brauchen Unterstützung, bessere Rahmenbedingungen und vor allem Anerkennung für ihre enormen Leistungen.

Lesen Sie auch

Quelle:

Pflegebedarfsplanung 01.10.2023 – 30.09.2026 für die Stadt Wuppertal https://www.wuppertal.de/vv/produkte/201/201.51_Alten-_und_Pflegeplanung.php.media/487496/Verbindliche_Pflegebedarfsplanung_Wuppertal_2023bis2026_Stand_endgueltig.pdf