• Fruchtkaramellen: Der Retro-Klassiker erobert jedes Jahr aufs neue den Karneval.
  • Dabei weiß kaum jemand, dass die Böhme Fruchtkaramellen eigentlich eine Mülheimer Erfindung sind.
  • Doch schon seit langer Zeit werden sie von einer Firma in Sachsen hergestellt.

Der Höhepunkt der jecken Tage steht kurz bevor. Auch in Mülheim werden große und kleine Karnevalisten beim Rosenmontagszug wieder eine Menge Kamelle auffangen. Wer sie genauer inspiziert, wird darunter sicher auch einige kleine quadratische Kaubonbons entdecken: Die „Böhme Fruchtkaramellen“ (Frukas) sind nämlich der Klassiker unter den Wurfmaterialien der Narren. Produziert werden sie Sachsen, erfunden aber wurden sie in Mülheim.

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Wie die Bonbons eigentlich heißen – kaum einer weiß es, aber jeder hat sie schon mal gesehen. „Wenn man die Leute fragt, dann sagen fast alle: Die kenn’ ich noch aus meiner Kindheit. Die haben wir beim Bäcker oder Metzger als kleines Geschenk dazubekommen“, berichtet Tino Müller, Sprecher der Delitzscher Schokoladenfabrik, die die Frukas herstellt.

Anderen Menschen sind sie geläufig, weil sie seit Jahrzehnten von den Karnevalisten in die Menge geschleudert werden. „Sie sind eben klein, leicht, bunt und lecker und lassen sich gut werfen“, erklärte Produktmanagerin Kathrin Knobbe dazu in einer ARD-Sendung.

Kultbonbons: Verpackung noch wie einst bei Wissoll in Mülheim

Das Erstaunlichste ist aber, dass das fruchtige Zuckerzeug noch genauso aussieht wie in den 50er Jahren, als es von der Mülheimer Süßwarenfirma Firma Wissoll auf den Markt gebracht wurde. Die Bonbons kommen also im Retro-Design daher, jedes ist in ein Papierchen eingepackt, das eine – altmodisch gestaltete – Kirsche, Himbeere, Zitrone oder Apfelsine zeigt.

„Das ist wirklich ein Phänomen. Wir haben versucht, das Design zu modernisieren, es jugendlicher und frischer zu machen, aber das hat sich nicht bewährt“, berichtet Tino Müller. Auch das Abfüllen in eine andere, modernere Umverpackung funktionierte nicht. „Keiner hat unserer Bonbons mehr gekauft“, so die Produktmanagerin. Man sei daher zur bewährten Verpackung zurückgekehrt – die durchsichtigen Plastikbeutel. Allerdings habe man das Bonbonpapier optimiert, statt Aluminium kommt nun Papier zum Einsatz, was zu einer Einsparung von 20 Tonnen Aluminium pro Jahr geführt hat. 

Die Wissoll-Schokoladenfabrik war bis 2003 auf dem Tengelmann-Areal in Mülheim-Speldorf ansässig.
Die Wissoll-Schokoladenfabrik war bis 2003 auf dem Tengelmann-Areal in Mülheim-Speldorf ansässig.© Martin Möller / Funke Foto Services | Martin Möller

Die Böhme Fruchtkaramellen gehören zu den Bestsellern der Delitzscher Schokoladenfabrik, die Nachfrage sei über die Jahrzehnte stabil geblieben, die Bonbons werden zu jeder Jahreszeit gut verkauft. „Besonders nachgefragt ist das Produkt aber im Januar und Februar, wenn Fasching näherrückt“, so Tino Müller.

Die Karnevalsgesellschaften kaufen das Wurfmaterial dann auch gleich in Zwei- oder Drei-Kilo-Beuteln. Insgesamt 3,5 Millionen Fruchtkaramellen werden laut Kathrin Knobbe (TV-Beitrag) täglich in Delitzsch hergestellt. Legte man alle Bonbons aneinander, die im Jahr rausgehen, würde die Schlange von Sachsen bis nach Vietnam reichen.

Maschinen für die Frukas wurden von Mülheim nach Delitzsch gebracht

Nicht nur das Äußere der flachen Frukas ist gleichgeblieben, „sie werden auch noch nach demselben Rezept wie einst gefertigt“, berichtet Werksleiter Sebastian Schliebe. In der Produktionshalle in Delitzsch stehen noch die alten Maschinen von Wissoll aus Mülheimer Zeiten.

Die Verpackung der kultigen Bonbons hat sich kaum verändert.
Die Verpackung der kultigen Bonbons hat sich kaum verändert.© dpa | Sebastian Willnow

Sie wurden nach Sachsen gebracht, als Wissoll nach der Wende das Schokoladenwerk verkaufte und Teile seiner Produktion dorthin auslagerte (Wissoll selbst wurde 2003 verkauft). In den Knet- und Ziehmaschinen wird der Teig gerührt und geformt, noch in der Maschine werden die süßen Bonbons ins Papier verpackt. Es sei hauptsächlich (aber nicht nur) die quadratische Form, die die Böhmer Fruchtkaramellen von Konkurrenzprodukten wie etwa Maoam unterscheide.

Beliebt sind die Frukas in den alten sowie in den neuen Bundesländern. Ein Tiktok-Video hatte die Bonbons jetzt auch bei den ganz jungen Leuten richtig bekannt und beliebt gemacht. Die Kaubonbons sind übrigens das einzige Produkt ohne Schokolade, das die Delitzscher produzieren.

Erfindung aus Mülheim: Frukas wecken Kindheitserinnerungen

„Die klassischen Sorten wecken bei den Kunden Kindheitserinnerungen“, sagte Gerrit Sachs, Geschäftsführer des Unternehmens, kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Sei es vom Schulanfang, Arzt- oder Bäckereibesuch sowie eben Karneval. Es sind die Sorten: Kirsche, Himbeere, Zitrone und Apfelsine. Die beliebteste Geschmacksrichtung ist laut Sachs mit Abstand Kirsche, gefolgt von Himbeere. Verrückte Geschmacksrichtungen seien nicht geplant, auch wenn es gelegentlich saure Varianten wie Cola gibt.

Knetmaschinen bearbeiten in der Delitzscher Schokoladenfabrik die Masse bei der Fertigung von Karnevalskaramellen.
Knetmaschinen bearbeiten in der Delitzscher Schokoladenfabrik die Masse bei der Fertigung von Karnevalskaramellen.© dpa | Sebastian Willnow

Doch bei der Rezeptur gibt es Überlegungen zu Veränderungen. Immer mehr Konsumenten wünschen sich eine vegetarische Variante – andere Mitbewerber haben diese bereits im Sortiment. „Es wird fast gefordert“, sagt Sachs.

Etwa im Dezember starten die Bestellungen von Frukas, damit sie pünktlich zur Karnevalszeit geliefert werden können. Das Unternehmen produziert jährlich etwa 1.000 Tonnen Frukas – das entspricht über 300 Millionen Bonbons. Ein Fruka wiegt nur 2,8 Gramm – zusammen ergibt das das Produktionsgewicht von etwa 200 erwachsenen Elefanten. Aufeinandergestapelt würde die jährliche Produktion einen Turm von über 3.500 Kilometern Höhe ergeben.

Hinweis: Dieser Text erschien erstmals im Februar 2023. Weil das Thema wieder aktuell ist, haben wir den Artikel aktualisiert und überarbeitet.

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