Die Anfänge waren bescheiden, heute ist die Manifesta neben der Biennale in Venedig und der Documenta eines der drei größten europäischen Kunstevents. Und das ist, wenn nicht ausschließlich, so doch sehr maßgeblich dem Engagement der Niederländerin Hedwig Fijen (65) geschuldet. Im großen Interview erzählt die studierte Historikerin und Kunstgeschichtlerin von europäischer Zusammenarbeit, gesellschaftlichem Engagement und auch vom Abschied, denn die Manifesta 16 Ruhr wird ihre letzte als Direktorin sein.

Liebe Hedwig Fijen, die Manifesta geht ins 30. Jahr ihres Bestehens. Sie ist sozusagen Ihr Baby …

Eigentlich haben wir sogar schon 1993 angefangen, um die erste Ausgabe 1996 in Rotterdam in den Niederlanden vorzubereiten. Und natürlich waren ein paar Leute mehr beteiligt als ich allein (lacht), aber ich habe Manifesta tatsächlich gegründet.

Wenn Sie selbst eine Schlagzeile über diese drei Jahrzehnte schreiben müssten – welche wäre es?

Oh, das ist eine sehr hübsche Frage!  Es wäre wohl so etwas wie: Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, wie wichtig Europa und die europäische Zusammenarbeit heute sein werden?

Interessant. Warum gerade diese?

Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Osteuropas und dem Fall der Berliner Mauer wollten acht europäische Länder eine neue Plattform schaffen, um eine Lücke zu schließen. Eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen Ost und West mit den Mitteln der Kultur. Ich glaube, Manifesta hat bewiesen, dass Europa viele Geschichten zu erzählen hat. In dieser Zeit, wo Russland und die USA sich von uns entfernt haben, wo Krieg auf unserem eigenen Kontinent herrscht, muss Europa heute sein eigenes Bewusstsein und seine Macht überdenken und neu definieren.

Und das sicher nicht nur im militärischen Sinne …?

Nein, sondern vor allem auch im Bewusstsein unserer Geschichte. Es geht um die Einheit, die aus einer kulturellen und gesellschaftlichen Verbundenheit heraus entsteht. Und das ist einer der Gründe, warum wir auf die Idee kamen, uns mit verlassenen Kirchen zu beschäftigen und diese mit neuem Leben zu füllen. Ich komme aus den Niederlanden, da gibt es diese Idee schon seit 30 oder 40 Jahren, weil wir keine Kirchensteuer kennen und die Kirchen schon viel früher umgenutzt wurden. Vielen Gemeinden ging einfach das Geld aus. Deshalb besteht bei uns schon viel länger das Problem leerstehender Gotteshäuser.

Manifesta 16 Ruhr Basketball in der St.-Josef-Kirche Ückendorf
Kein Sakrileg: Basketball in der Kirche, hier in Gelsenkirchen-Ückendorf. Die Manifesta 16 Ruhr bespielt leerstehende Gotteshäuser.© Manifest 16 Ruhr | Manifesta

Und das führte Sie dazu, sich die Kirchen im Ruhrgebiet näher anzuschauen.

Genau! Hier gibt es so viele „Pantoffelkirchen“, also solche, die so nah an Wohngebieten gebaut wurden, dass man sie bequem zu Fuß erreichen konnte.  

Was heißt „Pantoffelkirche“ auf Niederländisch?

Oh, das ist ganz ähnlich: „Pantoffelkerk“. Als ich im Jahr 2023 hier ankam und einige dieser architektonischen Ikonen sah – zum Beispiel von Gottfried Böhm oder Rudolf Schwarz – da war ich tief beeindruckt. Wir haben verstanden, dass die in diesem brutalistischen Stil neuerbauten Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg auch Symbole der zurückgekehrten Demokratie waren. Es gab ja eine Zäsur, weil die Bombardements im Ruhrgebiet 90 Prozent der Städte zerstört hatten. Das hat uns sehr interessiert.

Alle Infos zur Manifesta 16 Ruhr

Zeit und Orte
Die Manifesta findet vom 21. Juni bis 4. Oktober statt. Die Hauptveranstaltungsorte befinden sich in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Darüber hinaus präsentiert das Manifesta 16+ Programm regionale Projekte in Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Marl, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen.

Öffnungszeiten
Mo.: geschlossen (außer: 22. Juni, 11 bis 18 Uhr). Di. – Do. 11 bis 18 Uhr. Fr. und Sa. 11 bis 19 Uhr. So. 11 bis 18 Uhr.

Eintrittskarten
Der Eintritt zur Manifesta 16 Ruhr ist frei und für alle offen.

Veranstaltungen
Eröffnungsevent: 20. Juni 2026. Ein umfangreiches Programm mit Workshops, Ausstellungen, Performances, Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen, Familientagen, Live-Shows, Kooperationen mit regionalen Institutionen und vielem mehr findet während des Biennale-Zeitraums statt.

Geführte Spaziergänge („Walks“)
Im Rahmen des Vermittlungsprogramms sind Gäste eingeladen, Fragen zu stellen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Manifesta 16 Ruhr bietet Open Walks für Einzelpersonen und Group Walks an. Zu finden wie auch Aktivitäten für Schulen und Familien hier.

Barrierefreiheit
Alle Veranstaltungsorte sind über Rampen stufenlos zugänglich, die meisten Hauptveranstaltungsorte rollstuhlgerecht. In einigen Kirchengebäuden kann die Barrierefreiheit aufgrund der historischen Architektur eingeschränkt sein. Assistenzhunde sind willkommen.

Info- und Merchandise-Points
Liebfrauenkirche, Duisburg (König-Heinrich-Platz 3)
St. Gertrud, Essen (Pferdemarkt 3)
St. Bonifatius, Gelsenkirchen (Cranger Straße 338)
Christ König, Bochum (Steinring 34).
Geöffnet fr. und sa. 11-19 Uhr und so. 11-18 Uhr (mo.-do. geschlossen).

Anreise & Mobilität
Die Biennale lädt dazu ein, die Region entlang von Kanälen, ehemaligen Bahntrassen und durch verschiedene Stadtviertel zu entdecken. Das weitläufige Radwegenetz verbindet viele Veranstaltungsorte. In Essen, Gelsenkirchen und Bochum können Gruppen ehemaliger Kirchengebäude bequem mit dem Fahrrad erkundet werden. Verbunden sind sie über die Erzbahntrasse – eine ehemalige Güterbahnstrecke, die heute einer der schönsten Radwege der Region ist. Hier geht es zur interaktiven Karte.

Wie viele Kirchen bei uns haben Sie insgesamt besucht?

Das waren sicher an die 200. Was uns überrascht hat: Praktisch alle kann man im wörtlichen Sinne Gemeindezentren nennen. In der Nachkriegszeit haben sie Kindergärten, Schulen und Pfarrhäuser erhalten. So entstand ein Mikrokosmos. Ein kleines Dorf. Aber es stellt sich die Frage: Was machen Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren, wenn bundesweit 20.000 Pantoffelkirchen leer stehen werden? In Holland haben wir landesweit einen Richtlinienplan, der jedem Dorf ein Protokoll gibt, was mit seiner Kirche zu tun ist, wenn sie leer ist: Sie können Unterstützung für dies, dies oder das erhalten. So gibt es bei uns Bibliotheken, Musiksäle, Restaurants, sogar ein Schwimmbad und eine Tanzschule in ehemaligen Sakralbauten. Mittlerweile erkennen auch die Regierung und viele Menschen in Ihrem Land das Problem.

Lassen Sie uns doch bitte noch einmal über die europäische Vernetzung der Manifesta reden – und auch ihre politische Relevanz. Überall in Europa und auf der ganzen Welt erstarken rechte Kräfte. Ihr Land scheint da in seinen Erfahrungen schon etwas weiter zu sein – weil sich Wilders und seine Populisten selbst entzaubert haben?

Tatsächlich haben wir mit Geert Wilders eine Katastrophe erlebt, denn 23,5 Prozent der Niederländer - die ja zu den reichsten Menschen der Welt gehören - haben für ihn gestimmt. Zum Glück haben wir nun eine andere Regierung, mit einem 38-jährigen, schwulen Ministerpräsidenten, von einer linksliberalen Partei. Trotzdem ist offensichtlich etwas schiefgelaufen. Wenn man auf Philosophen oder Soziologen hört, liegt das am Mangel an Vertrauen in die Regierung, auch in den Niederlanden. Es ist eine Polarisierung durch soziale Medien und die Tech-Industrie, aber es sind auch Menschen, die den Kontakt zur Community verloren haben.

Was machen Sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren, wenn bundesweit 20.000 Pantoffelkirchen leer stehen werden? In Holland haben wir landesweit einen Richtlinienplan, der jedem Dorf ein Protokoll gibt, was mit seiner Kirche zu tun ist, wenn sie leer ist.

Hedwig Fijen (NL) Direktorin Manifesta 16 Ruhr
Hedwig Fijen, Manifesta-Gründerin und (letztmalig) -Direktorin

Was fehlt diesen Menschen am meisten?

Ich glaube, Vertrauen in die Zukunft. Hier im Ruhrgebiet sind das nicht-kommerzielle Räume, wo sie sich treffen und Rückzugsräume finden. Jugendtreffs, Sporthallen, so etwas. In diese Richtung denken wir mit unserem Projekt: Dies ist keine Kirche, jedenfalls keine Kirche mehr, sondern etwas Neues. Die Begegnung untereinander und die Rolle der Kultur als Brutkasten für Verbindungen sind absolut notwendig, denn wir stehen an der Grenze des Wandels in Europa, nicht nur in den Niederlanden und in Deutschland.

So gesehen war die Manifesta noch nie so wichtig wie heute …

Ja, dem stimme ich voll und ganz zu, denn viele Leute haben gefragt, warum bist du im Ruhrgebiet? Aber ich denke, und das ist gut, dass Sie das erwähnt haben, wir betrachten Teile Europas, die wie Spiegelbilder sind, was sich zu einer Art neuer politischer Gesellschaftslage entwickeln kann.

Hedwig Fijen bei der Manifesta in Barcelona.
Hedwig Fijen bei der Manifesta in Barcelona.© Flaminia Pelazzi | FLAMINIA PELAZZI

Wie politisch kann, wie politisch muss Kunst in unserer Zeit sein?

Nun, Künstler sind keine Politiker, und Kunstbiennalen sind keine politischen Parteien. Das würde die Leute auch abschrecken. Aber es gibt ja, wie Sie sagten, viele gesellschaftliche Themen, die sehr eng mit der Politik verbunden sind. Wir können durch Kreativität alternative Ideen schaffen. Das kann Journalismus, das kann Kunst: alternative Modelle entwickeln. Und das ist auch der Grund, warum wir nicht nur Ausstellungen machen, sondern vielmehr künstlerische und urbanistische Interventionen. Ähm, hier haben wir das Buch der Manifesta in Barcelona (deutet auf ein Magazincover). Dies sind die drei Schornsteine, ein stillgelegtes Wärmekraftwerk. Das war eigentlich verwaist. Im Zuge der Manifesta wurde es in ein Architekturmuseum und eine Multimedia-Location verwandelt. In einem verlassenen Industriegebäude erwacht als Catalunya Media City neues Leben.

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Ein Ausstellungsort der Manifesta 15 Barcelona: Die „drei Schornsteine“ in Sant Adria des Besós.
Ein Ausstellungsort der Manifesta 15 Barcelona: Die „drei Schornsteine“ in Sant Adria des Besós.© Manifesta 16 Ruhr/Arnau Rovira | Arnau Rovira

Haben Sie noch ein anderes Beispiel?

Im Kosovo, in Pristina, haben wir 2022 Projekte gestartet, die für das Verständnis des Jugoslawienkrieges wirklich entscheidend waren, die sich zum Beispiel intensiv mit dem Thema der durch den Krieg verlorenen Kinder befassten. Auch damit berühren wir nicht direkt Politik, aber wir zeigen eine Art Kontext mit Alternativen auf. So konnten wir zum Beispiel den 1.000 Journalisten in bei der Manifesta in Pristina vermitteln, dass die Stadt wie ein großes Gefängnis war. Aufgrund der Visabeschränkungen durften die Menschen im Kosovo nicht reisen. 2024 wurden die Visabeschränkungen dann aufgehoben, nicht zuletzt, weil das Thema so präsent geworden war.

Was könnte die Manifesta 16 Ruhr in diesem Sinn bewirken?

Ganz pragmatisch: Ich bin hier in Gelsenkirchen-Ückendorf, in der St.-Josef-Kirche. Wir haben diese schon vor einem halben Jahr für Kids mit Migrationshintergrund geöffnet, damit die dort jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag Basketball spielen können. Die Körbe haben wir natürlich auch gestellt. Einer der Jungs fragte mich dann: Sind Sie von dieser Manifesta? Ja? Also, die Manifesta ist mir ehrlich gesagt egal, aber wir würden die Kirche gerne weiter nutzen, wenn ihr weg seid. Können Sie mal mit dem Bürgermeister sprechen? Unser Vermächtnis könnte also sein, dass wir die Idee der Nutzung leerer Kirchen publik machen – und auch auf die politische Tagesordnung setzen. Das kann auch eine Antwort auf den Klimawandel sein. Diese Kirchengebäude sind bei großer Hitze wunderbar kühl, das wäre ein guter Zufluchtsort für Seniorinnen und Senioren.

Basketball spielen in der Kirche – das hätte vor ein paar Jahrzehnten wahrscheinlich noch für einige Aufregung gesorgt.

Es ist ja allein deshalb schon keine Blasphemie, weil die Kirchen vollständig entweiht worden sind. Genau diese haben wir gesucht. Einige davon sollen sogar abgerissen werden, wie die wunderschöne Marienkirche in Essen, die auch zu unseren Hauptorten gehört. Deshalb lautet unser Motto ja: Dies ist keine Kirche!

Welche Bedeutung hat die Manifesta 16 Ruhr in der internationalen Wahrnehmung? Mit wie vielen internationalen Besuchern rechnen Sie?

Na ja, wir sind kein UFO, das aus dem Ausland einfliegt, sondern eine radikal lokale Initiative, weil 90 Prozent der Menschen, die an der Manifesta arbeiten, aus dem Ruhrgebiet kommen. 25 Prozent der beteiligten Künstler sind Deutsche, 21 Prozent haben einen türkischen und 9 Prozent einen polnischen Migrationshintergrund. Die Mehrheit der Besucher wird natürlich aus Deutschland kommen, aus ganz Deutschland. Aber wir erwarten auch Delegationen aus Portugal, Österreich, den Niederlanden, Bürgermeister aus vielen Städten, zwei Kulturminister, aus Spanien und Portugal.

Und wie interessiert ist ihr Heimatland an der Manifesta im nahegelegenen Ruhrgebiet?

Wir gehen davon aus, dass die niederländische Eisenbahn Holländer ins Ruhrgebiet bringt und die Mitnahme von Fahrrädern kostenlos ist.  Es ist also ein europäisches Thema, aber wir betrachten es aus der Perspektive des Ruhrgebiets.

Die Manifesta 16 wird auch für Sie persönlich ein ganz besonderes Ereignis sein, denn es wird Ihre letzte als Direktorin. Was überwiegt? Der Stolz auf das Erreichte – oder das Bedauern, dass man nun loslassen muss?

Nun, es war meine eigene Entscheidung. Der Vorstand wollte, dass ich länger bleibe. Aber Sie verstehen vielleicht, dass es ziemlich schwierig ist, alle zwei Jahre in ein neues Land zu gehen, mit einer neuen Sprache, einem neuen Team, einem neuen Budget. Ich bin 65 und mache diese Arbeit seit über 30 Jahren, daher bin ich auch superglücklich, dass ich ein neues Team gefunden habe. Es ist eine neue Generation, die jetzt in ihren Dreißigern ist, so wie ich es war, als ich Manifesta gründete.

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, sagt man bei uns. Liebe Hedwig Fijen, alles Gute für Sie und Ihre Nachfolgerinnen.