16 Jahre nach dem Kulturhauptstadtjahr rückt die Manifesta das Ruhrgebiet wieder in den Fokus der internationalen Kunst- und Kulturszene: Die europäische Kunstbiennale, die alle zwei Jahre in einem anderen europäischen Land läuft, nimmt in der nun startenden 16. Ausgabe mehr denn je den gesellschaftlichen Wandel in den Blick. Und welche Orte eigneten sich da besser als stillgelegte Kirchen, von denen es hier mehr als genug gibt? Wurden nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg etliche Gotteshäuser in Windeseile neugebaut, mussten allein im Ruhrgebiet seit dem Jahr 2000 mehr als 450 Kirchen schließen.
Von Juni bis Oktober werden zwölf leerstehende Kirchen in Duisburg, Essen, Bochum und Gelsenkirchen von mehr als 100 teilnehmenden Kreativen und Kunst-Kollektiven bespielt. In der St.-Josef-Kirche Ückendorf, wo das Manifesta-Team seinen Sitz hat, zeigt sich dabei schon jetzt, wie Kirchen wieder zu Gemeinschaftsorten werden können: Jeden Donnerstag verwandeln die „Social BallerZ“ das stillgelegte Gotteshaus in einen offenen Basketball-Platz. Ein Beispiel, das aus Sicht von Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen besonders gut den Kern der 16. Biennale trifft: „Manifesta ist für alle da.“ Auch aus diesem Grund soll das zehn Millionen Euro teure Projekt komplett kostenfrei für seine Besucher sein. Die Kosten werden in großen Teilen von Stiftungen getragen.
Nicht nur Biennale, auch Stadtentwicklerin
Für Andrea Henze, Gelsenkirchener OB, ist das Ruhrgebiet ein „logischer Ort“ für die Manifesta, die sich seit 30 Jahren mit dem Wandel beschäftige, damit habe man hier schließlich ebenso Erfahrung. Die Biennale verstehe sie als große Chance für die gesamte Region und ihre Quartiere. Ähnlich sieht das auch Frank Dudda als Vorsitzender des Ruhrparlaments und Aufsichtsrat der Manifesta: „Wir sind gewillt, das zu einem großen Ding fürs Ruhrgebiet zu machen.“ Die Zahlen zurückliegender Manifesta-Ausgaben stimmen ihn hoffnungsvoll: 300.000 Besucherinnen und Besucher kamen zur letzten Ausgabe 2024 nach Barcelona.
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Dabei sieht sich die Manifesta nicht nur als hochkarätige Kunstbiennale sondern auch als Stadtentwicklerin, wie Hedwig Fijen betonte: „Jede Manifesta-Ausgabe reagiert auf spezifische gesellschaftspolitische Fragestellungen vor Ort.“ In der Vorbereitung seien etliche Bürgerinnen und Bürger mitgenommen und befragt worden. Ein Ergebnis: Das große Bedürfnis, die Kirchen nicht nur zu erhalten, sondern als soziale Räume zu reaktivieren. Dazu gründete die Manifesta Tandems, in denen drei Generationen zusammenkommen: von der Nachkriegsgeneration bis zur GenZ. Bildungs- und Vermittlungsarbeit sei dabei kein Zusatz, sondern bilde eine wichtige Säule des gesamten Programms, das sich auch an Schulen richten wird. Im Programm „Youth Shift“ etwa werden 12- bis 18-Jährige zum Dialog bitten.
Jede Manifesta-Ausgabe reagiert auf spezifische gesellschaftspolitische Fragestellungen vor Ort.“
Hedwig Fijen, Direktor Manifesta
Orgel als Gemeinschaftsort
Leonie Herweg, Creative Mediator der Manifesta, will den Bogen vom Vergangenen in die Zukunft spannen. Sie gab einen Ausblick auf einige der geplanten Installationen, ohne zu viel zu verraten: „Diese Gebäude sind Strukturen, in denen verschiedene Momente der Geschichte gleichzeitig präsent bleiben: Zerstörung, Wiederaufbau und die Frage danach, was als Nächstes kommt.“ In der Liebfrauenkirche in Duisburg etwa nimmt der in London lebende britisch-iranische Künstler Abbas Zahedi eine große schwarze Orgel aus den 1960er Jahren als Ausgangspunkt und setzt sie mit außer Betrieb genommenen Instrumenten aus ganz Europa zusammen: „Im Verlauf der Biennale wird die Orgel zu einem Ort des gemeinsamen Hörens, für Versammlungen, für Momente kollektiver Aufmerksamkeit und des Trauerns“, so Herweg.
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In der Thomaskirche in Gelsenkirchen liegt der Fokus – kuratiert von Gürsoy Doğtaş – auf der Migrationsgeschichte von Frauen im Ruhrgebiet. Dabei erzählt er auch die Geschichte seiner eigenen Mutter, die Anfang der 1970er Jahre als sogenannte „Gastarbeiterin“ nach Deutschland kam und spinnt das Projekt zu einer Reflexion über Arbeitsbedingungen, strukturelle Ungleichheit und die gelebten Realitäten migrantischer Frauen weiter. Überhaupt wird das Thema Migration ein prägendes der Manifesta: Anda Rottenberg und Krzysztof Kościuczuk etwa werden sich in Bochum mit den Geschichten und der anhaltenden Präsenz der polnischen Diaspora beschäftigen und dabei eine Vielzahl von Perspektiven über mehrere Kirchenstandorte hinweg zusammenbringen.
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Etliche hochkarätige Künstlerinnen und Künstler werden sich an der Manifesta beteiligen: von Šejla Kamerić und Ayşe Erkmen über Mona Hatoum und die in Essen geborene Katharina Fritsch, bis hin zu jüngeren Künstlerinnen aus der Region wie Mira M. Yang, Donja Nasseri, Emil Walde und Lilli Laake. Katharina Fritsch, deren Kunstwerk „Hahn und Podest“ jüngst im Museum Folkwang einzog, wird für die Manifesta ein eigenes Werk schaffen, das in der ehemaligen Kirche St. Marien in Karnap zu sehen sein wird.
Die Manifesta läuft vom 21. Juni bis 4. Oktober in Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg. Die offizielle Eröffnung ist am 20. Juni auf Zollverein.








