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Wittener findet eine neue Heimat in Guatemala

Mit der Botschafterin für das Reformationsjubiläum Margot Käßmann traf sich Hartmut Schostak in der Ev.-luth. Epiphanias-Gemeinde in Guatemala-City.

Mit der Botschafterin für das Reformationsjubiläum Margot Käßmann traf sich Hartmut Schostak in der Ev.-luth. Epiphanias-Gemeinde in Guatemala-City.

Foto: Privat

Witten.   Hartmut Schostak hat in Witten einst die Biafra-Hilfe und eine Folkgruppe gegründet. Seit 20 Jahren lebt der heute 65-Jährige in Zentralamerika.

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Zunächst vollkommen unbeachtet von der Welt, brach am 6. Juli 1967 der Biafra-Krieg aus, der drei Jahre lang dauern sollte. Das Elend, das die Kämpfe den Menschen in Nigeria brachten, ließ den damals 16-jährigen Hartmut Schostak aus Witten nicht kalt.

Der Teena­ger von der Baptistengemeinde war einer der ersten, der Ju­gendgottesdienste mit moderner Musik in verschiedenen Kirchen durch­führte. Im Januar 1968 rief der engagierte Christ die „Biafra-Hilfe Witten“ ins Leben und sammelte Geld.

Zeitung, Sparkasse und Bogestra unterstützen die Aktion

„Ich weiß noch, dass am Anfang unsere frei­kirchliche Jugendgruppe mit dem CVJM und der katholischen Jugendorganisa­tion zusammengearbeitet haben“, erinnert sich der heute 65-Jährige. „Alle lokalen Zeitungen, die Sparkasse, die Bogestra und viele private Helfer kamen dazu und machten daraus eine überaus erfolgreiche Aktion.“

Nachdem Schostak das Ruhrgymnasium ohne Abitur verlassen hatte, führte ihn sein Lebensweg nach Dortmund, wo er den Zivildienst absolvierte: „Ich habe in zwei Kirchengemeinden und der Exmittiertensiedlung in Huckarde gearbeitet, wo zwangsgeräumte Personen wohnten. An diese Arbeit denke ich gerne zurück.“

Mit 20 Jahren Folkgruppe gegründet

Mit 20 Jahren gründete Schostak in Witten die Folkloregruppe „Rumpelstilz“. „Wir spielten Folksongs und auch schon bald eigene Lieder. Die Urbesetzung war mit Reinhard Claus und Kalle Ricken. Wir gaben Konzerte in fast allen Teilen der damaligen Bundesrepublik“, sagt Schostak.

Mit 26 Jahren wohnte er auf einem Bauernhof in Spenge bei Bie­lefeld und gründete dort eine Fachzeitschrift für Folkmusik. „Apropos Folk“ existierte aber nur zwei Jahre. Nach dieser kurzen Bauern­hof-Episode zog Schostak nach West-Berlin mit seiner in jeder Hinsicht alterna­tiven Szene – musikalisch, politisch, sozial, ökologisch und kosmopolitisch.

In Berlin lernt er seine Frau aus Guatemala kennen

Schostak sog alles in sich auf, gründete eine Druckerei, arbeitete in einem Geschäft für Kunstgewerbe aus Lateinamerika und lernte eine Frau aus Guatemala kennen. Sie hei­rateten und be­kamen zwei Kinder. 20 Jahre später zog die Familie in die mittelamerikanische Heimat von Schostaks Frau.

Der verliebte sich dort erneut – in Guatemala. Im Gegensatz zu seiner Frau, der das Land inzwischen fremd geworden war. Sie zog mit den Kindern wieder zu­rück in die Bundeshauptstadt, Schostak blieb in Guatemala-City.

Hier lebt er nun seit 20 Jahren und ist heimisch geworden. „Ich arbeite für die Alexander-von-Humboldt-Gesellschaft, die auch die Deutsche Schule Guatemala trägt“, sagt der 65-Jährige. „Seit einigen Jahren bin ich Leiter des Deutschen Sprachinstituts und auch der Kulturabteilung. In diesen Eigenschaf­ten arbeite ich eng mit dem Goethe-Institut und der Deutschen Botschaft zu­sammen. Das Institut hat zwischen 300 und 400 Schüler.“

Rückkehr zu den Wurzeln

Privat ist Schostak zu seinen christlichen Wurzeln zurückgekehrt. In der deutschen Gemeinde „Epiphanias“ ist er Präsident, spielt Klavier im Gottesdienst (wie damals in Witten), pre­digt neben dem Pfarrer und engagiert sich in ver­schiedenen Ge­meindekreisen und im Redaktionsteam des Gemeindebriefes mit dem Namen „Guter Stern“.

Durch seine kirchlichen Aktivitäten kam Schostak auch in Kontakt mit dem Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dort fragte er an, ob die Beauftragte für das Lutherjahr, Dr. Mar­got Käßmann, 2017 nicht mal vorbeikommen könnte. Und sie kam im Februar.

Er will nicht zurück nach Deutschland

Kurze Zeit später stieg Schostak selbst ins Flugzeug. Sein Bruder hatte 80. Geburtstag. Gefeiert wurde im Gemeindehaus im Oberdorf – so wie damals. Als der Exil-Deutsche durch seine alte Heimat Witten spazierte, traf er auf der Straße einen alten Klassenkameraden. „Bist du Hartmut Schostak?“, fragte dieser. Sein typischer Gang, seine volle (inzwischen weiße) Haarpracht und sein dichter Bart – genauso wie früher.

Ob er als Rentner zurück nach Deutschland kommen wolle? „Nein. Ich habe das Gefühl, in Guatemala angekommen zu sein – nach einem langen Weg.“

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