Paartherapie

Witten: Corona hat auch Paare in die Krise gestürzt

Ein junges Elternpaar streitet sich vor seinem Kind. Die Paare, die eine Paartherapie machten, würden dies auch mit der Hoffnung verbinden, die Beziehung für ein Kind oder für die Kinder zu retten, sagt der Wittener Paartherapeut Thomas Mürmann-Golding.

Ein junges Elternpaar streitet sich vor seinem Kind. Die Paare, die eine Paartherapie machten, würden dies auch mit der Hoffnung verbinden, die Beziehung für ein Kind oder für die Kinder zu retten, sagt der Wittener Paartherapeut Thomas Mürmann-Golding.

Foto: Silvia Marks / dpa

Witten.  In Corona-Zeiten fliegen Fremdgänger auf. Bei Paartherapeut Thomas Mürmann-Golding aus Witten suchen derzeit viele junge Eltern Hilfe.

Thomas Mürmann-Golding ist niedergelassener Paartherapeut. Zusammen mit seiner Bochumer Kollegin Annette Böhm versucht der Wittener, Paaren in und durch Krisen zu helfen. Die Corona-Krise hat dem 62-Jährigen viel zusätzliche Arbeit beschert. „Nach dem Lockdown haben sich die Anmeldezahlen bei uns verdoppelt“, sagt er.

Was Mürmann-Golding erstaunt: Normalerweise sind Paare, die ihn und seine Kollegin um Hilfe bitten, zwischen 45 und 65 Jahre alt. „Das sind Menschen mit langjährigen Partnerschaften. Oft sind die Kinder aus dem Haus und die Frau und der Mann fragen sich, wie die eigene Beziehung wieder gestaltet werden kann.“ Durch die Corona-Krise kämen nun Paare im Alter zwischen 27 und 35 in seine Praxis. Männer und Frauen mit kleinen Kindern, junge Familien, die auf der Kippe stehen.

Ein häufiger Auslöser für die Beziehungskrise: ein Seitensprung. „Bei den jungen Paaren, die wir kennenlernen, gehen mehr Frauen fremd. Das mag aber Zufall sein“, sagt Mürmann-Golding. Bei den älteren Paaren zwischen 50 und 60 seien häufig die Männer diejenigen, die eine Affäre hätten. „Alle Paare, die zu uns kommen, wollen sehen, ob die Beziehung dennoch weitergehen kann.“

„Wir als Therapeuten suchen Lösungen, mit denen beide zufrieden sind“

In Corona-Zeiten scheinen Seitensprünge schneller aufzufallen, meint der Therapeut. Paare sitzen unter Umständen gemeinsam im Homeoffice und haben seltener als sonst die Gelegenheit, eigene Wege zu gehen. „Da werden Probleme deutlicher, da kommen Konflikte viel mehr zum Tragen.“ Gehe ein Partner fremd, sei die Verletzung des anderen immer sehr groß. „Da ist das Vertrauen erschüttert. Viele Beziehungen scheitern auch an diesem Punkt.“

Mürmann-Golding und seine Kollegin Annette Böhm arbeiten immer gemeinsam mit den Paaren, die zu ihnen kommen. „Die Paare bekommen so immer weibliche und männliche Unterstützung. Wir als Therapeuten suchen Lösungen, mit denen beide zufrieden sind.“

Was Mürmann-Golding immer wieder erlebt: „Die meisten Paare sind tief enttäuscht, weil ihre Erwartungen, die sie am Anfang einer Beziehung hatten, nicht erfüllt worden sind.“ Die Paartherapeuten versuchen den Blick darauf zu lenken, was in einer Beziehung realistisch ist, was mit dem jeweiligen Partner noch geht. Menschen handelten in Beziehungen oft sehr kindlich, so Mürmann-Golding. „Man macht den anderen für vieles verantwortlich, ohne zu schauen, ob der das auch leisten kann.“

Paartherapeut aus Witten: „In langjährigen Beziehungen wird Sexualität oft nicht mehr gelebt“

Der Therapeut erlebt immer wieder, dass Paare nicht gut über kritische Themen sprechen können. Dazu zähle zum Beispiel das Thema Sexualität. „In langjährigen Beziehungen wird Sexualität oft nicht mehr gelebt.“ Konfliktpunkte könnten auch die Arbeitsverteilung und das Thema Geld sein.

„Der Mann sagt zum Beispiel: ,Ich arbeite 60 Stunden in der Woche.’ Die Frau entgegnet: ,Dafür machst Du auch nichts im Haushalt.’“ Oft hätten beide Partner den Eindruck, der andere profitiere von der Beziehung. „Das sind dann Machtdiskussionen.“

Viele glaubten außerdem, dass man für eine Liebesbeziehung, die man einmal eingegangen sei, nichts mehr tun müsse. Diese sei sozusagen ein Selbstläufer. Ein großer Irrtum, wie der Paartherapeut betont. „Man muss miteinander immer in Kontakt bleiben.“ Sehr wichtig sei der respektvolle Umgang mit dem anderen. Dies sei bei jüngeren Paaren meist der Fall, bei älteren eher weniger. Im Austausch mit den Therapeuten sind Beleidigungen gegenüber dem Partner immer verboten. Mürmann-Golding: „Wird dies nicht eingehalten, breche ich die Therapie sofort ab.“

„Viele Paare kommen erst sehr spät zu uns. Da wurde viel Geschirr zerschlagen“

Ganz wichtig sei, dass Paare, die Hilfe suchten, auch bereit seien, einen Schritt aufeinander zuzugehen. Oft kein einfacher Prozess, wie Thomas Mürmann-Golding weiß. „Denn viele kommen erst sehr spät zu uns. Da muss man erst einmal versuchen, wieder Frieden zu stiften. Da gab es vorher viele Verletzungen, da wurde viel Geschirr zerschlagen.“

Die Therapeuten schauen, ob es Möglichkeiten gibt, wieder gut miteinander zu leben. Dies gelinge nicht immer. „Auch Trennung ist eine Option bei der Paartherapie.“ Der Wunsch, sich Hilfe zu suchen, gehe übrigens meist von dem Partner aus, der mehr Angst habe, die Beziehung zu verlieren. „Das kann die Frau, das kann aber auch der Mann sein“.

Die Paare, die eine Therapie machten, kämen aus allen Berufsgruppen, „sogar Studenten sind darunter.“ Was auffällig sei: Es kommen viele Ärzte in Mürmann-Goldings Praxis. „Sie machen etwa zehn Prozent der Paare aus.“ Eine Berufsgruppe, die sehr viel Energie in die Arbeit stecke, die sehr viel organisieren müsse.

Bei älteren Paaren, die zur Therapie kommen, stimme oft das, was man von außen sehe. „Die Lebensgestaltung funktioniert gut. Mann und Frau haben zusammen vieles erreicht.“ Aber die Paare hätten festgestellt, dass ihre Beziehung weit von dem entfernt sei, was sie sich wünschten.

„Es geht dabei nicht nur um romantische Liebe und Leidenschaft“

Ein Therapeut müsse auch oft ein Dolmetscher sein, sagt der 62-Jährige. „Meine Kollegin und ich versuchen klar zu machen, was ein Partner meint. Wir versuchen, viel zu vermitteln.“ Die Therapeuten wollen dem jeweiligen Paar dabei helfen, zu einer Lösung zu kommen. Wichtig sei, dass diese nicht auf Kosten eines Partners zustande komme, sondern für beide tragfähig sei.

Die Therapeuten empfehlen auch Rituale. „Man kann zum Beispiel vereinbaren, dass man sich an jedem zweiten Abend zusammensetzt, um sich darüber zu unterhalten, was wichtig ist. Einer spricht zum Beispiel fünf Minuten und hört dann dem anderen zu.“

Thomas Mürmann-Golding ist es wichtig zu betonen, dass es wertvoll ist, nicht alleine, sondern zu zweit durch das Leben gehen zu können. „Es geht dabei nicht nur um romantische Liebe und Leidenschaft.“ Das Zusammensein mit einem Partner sei ein Wert, ein menschliches Bedürfnis, sagt er. Und fügt hinzu: „Deshalb macht es Sinn, es zu versuchen, das auch hinzubekommen.“

>>> Beziehungskompass für die Krise

Thomas Mürmann-Golding ist Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Psychotherapie. Seit 1988 hat er eine eigene Praxis. Seit 1998 unterhält der Wittener eine Praxisgemeinschaft für Paarberatung, Eheberatung und Paartherapie mit Annette Böhm, die als Paartherapeutin und Coach ihre Praxis in Bochum hat.

Mürmann-Golding hat vor zehn Jahren ein Buch für Menschen in einer kriselnden Beziehung geschrieben, die dieser eine neue Richtung geben wollen. Titel: „Beziehungskompass“ (Hierophant-Verlag). Das Buch ist vergriffen. Mindestens 60 Prozent der Paare, die in seiner Praxis eine Therapie machten, gehe es danach besser, sagt Thomas Mürmann-Golding.

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