Stolpersteine

Stein für Stein erwacht die Erinnerung

Vier Stolpersteine erinnern an die Familie Rosenthal, die an der Hörder Straße 326 in Stockum lebte. Foto:Thomas Nitsche

Vier Stolpersteine erinnern an die Familie Rosenthal, die an der Hörder Straße 326 in Stockum lebte. Foto:Thomas Nitsche

Foto: Funke Foto Services

Witten.  Viele Bürger gedachten bei der Verlegung der 15 neuen Stolpersteine der NS-Opfer. Besonders ergreifend war dies für die Nachfahren, die anreisten.

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Usi Ron senkt den Blick. Den karierten Schal hat er weit ins Gesicht gezogen. Während er die weiße Rose auf die frisch verlegten Stolpersteine legt, die an seine Familie erinnern, die einst unter dem Namen Rosenthal in Stockum lebte, werden seine Augen feucht. Dutzende Wittener umringen ihn, machen Videos und Handyfotos von den Steinen. Im Hintergrund singen helle Stimmen eines Chores. Doch der 74-Jährige scheint sie alle in diesem Moment nicht wahrzunehmen. Neben ihm stehen seine Geschwister, den Arm um ihn gelegt.

Die Großeltern von Usi Ron besaßen ein Lebensmittel- und Gemischtwarengeschäft in Stockum: „Glück auf“, hieß es. Doch mit Beginn des Nazi-Regimes und der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 endete die glückliche Zeit der Familie an der Hörder Straße. Usi Rons Großeltern wurden deportiert und in Riga ermordet. Nur dem Vater und der Tante gelang die Flucht nach Palästina. Dort „hebräisierte“ Hans-Jakob Rosenthal seinen Namen, wollte neu anfangen und vergessen. „Heute würde ich das nicht mehr machen“, meint sein Sohn Usi Ron.

Holzkampschüler tragen Biografien vor

Der 74-Jähige ist ergriffen. Nicht nur von der Erinnerung an die Großeltern, sondern auch von dem Engagement, mit dem so viele Gruppen und Vereine in Witten an der Erinnerung arbeiten. Zum Schluss geht Usi Ron einzeln auf die Schüler der Holzkampschule zu, die zuvor auf Deutsch und Englisch die Biografien der Opfer verlesen hatten. „Sie haben das sehr schön gemacht, vielen Dank. Ich wusste nicht, dass es für mich so rührend werden würde.“ – Emma Beke Bandmann (18) reicht ihm die Hand. „Es war mir eine Ehre, mich mit ihrer Familie näher beschäftigen zu dürfen.“

Auch Christina Esteves-Wolff ist mit gemischten Gefühlen angereist. Die 28-Jährige lebt in Puerto Rico. Ihr Großvater Hans-Günther Katz war in Witten aufgewachsen, hatte mit seiner Mutter Nelli Katz und der Großmutter Rosa in der Mozart­straße gelebt. Sie mussten sich vor den Nazis verstecken, getrennt unter falschen Namen reisen. Doch Christinas Vorfahren gelang die Flucht ins Ausland.

Nachfahren loben Gastfreundschaft

„Ich finde, es ist eine sehr schöne und wichtige Geste, dass die Steine verlegt werden“, sagt die 28-Jährige auf Englisch. Witten hatte sie zuvor erst einmal besucht – gemeinsam mit dem Großvater, der seiner Enkelin die Wurzeln der Familie zeigen wollte. „Für ihn war das damals keine so leichte Reise“, erinnert sich Christina. Auch sie ist berührt. Auch von der herzlichen Art, mit der sie und ihre Mutter willkommen geheißen worden seien. „Alle waren sehr gastfreundlich und die Art, wie die Deutschen heute mit der Geschichte umgehen, finde ich sehr gut.“

Tross folgt Demnig von Ort zu Ort

Vereine, Chöre, Initiativen, Lokalpolitiker, Schüler, Archivmitarbeiter, Beamte, Musiker und interessierte Bürger: Sie alle stehen bei der Kälte dicht gedrängt, um zuzusehen, wie Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine in den Boden einlässt. Wer motorisiert ist, folgt im Tross von Ort zu Ort: An fünf Stellen im Stadtgebiet werden Biografien verlesen und Steine verlegt. Immer mit einem anderen kleinen Rahmenprogramm: mal mit Gesang, mal mit instrumentaler Begleitung.

Besucher Paul Janßen ist aus Meinerzhagen gekommen, um die Stolpersteine für Familie Stern in der Annener Kreisstraße 3 zu sehen. „Ich engagiere mich dort selbst stark für Stolpersteine“, sagt der Ruheständler. „In Meinerzhagen haben auch Verwandte der Familie Stern gelebt und dort vor der NS-Zeit viele Vereine mit aufgebaut.“ Er findet es wichtig, dass an das Leben der Opfer erinnert werde: „Am besten auch mit Fotos im Internet – dort, wo es junge Menschen sehen.“

15 neue Steine

Zum vierten Mal wurden Stolpersteine in Witten verlegt. Sie erinnern auf besondere Weise an von den Nationalsozialisten verfolgte und ermordete Bürger dieser Stadt. Die im Boden versenkten Steine wurden von Künstler Gunter Demnig entworfen und sind mittlerweile im gesamten Bundesgebiet verbreitet.

Seit März 2014 wurden bereits 50 Stolpersteine in der Ruhrstadt verlegt. In dieser Woche kamen 15 neue Steine hinzu. Sie erinnern an die Familie Rosenthal (Hörder Straße 326, Stockum), Familie Stern (Kreisstraße 3, Annen), an die Eheleute Mühlhaus (Siegfriedstraße/Ecke Steinbachstraße, Annen), an den jung hingerichteten Erich Scheer (Kohlensiepen 117, Ardey) und die Familie Rosenbaum-Katz (Mozartstraße 12, Innenstadt). Auf den Stolpersteinen werden Namen der Opfer und Geburtsjahr genannt. Stichworte wie „Flucht“, „ermordet“, „deportiert“ geben Hinweis auf das Schicksal.

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