Syrer in Witten

Sechs Schüsse statt Olympia

Der syrische Boxer Nasser Al  Chamie wird mit einer schweren Schussverletzung im Marien-Hospital behandelt. Foto: Walter Fischer, waz-Fotopool

Der syrische Boxer Nasser Al Chamie wird mit einer schweren Schussverletzung im Marien-Hospital behandelt. Foto: Walter Fischer, waz-Fotopool

Foto: Walter Fischer

Witten.   Er hat bei der Olympiade 2004 in Athen die Bronzemedaille geholt, doch der schwerste Kampf ist noch nicht gewonnen. „Ich wünsche mir, dass das syrische Volk seine Freiheit erringt.“

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Er hat bei der Olympiade 2004 in Athen die Bronzemedaille geholt, doch der schwerste Kampf ist noch nicht gewonnen. „Ich wünsche mir, dass das syrische Volk seine Freiheit erringt.“

Eigentlich hätte Nasser Al Shami gerade von den Olympischen Spielen in London zurückkehren sollen. Der Schwergewichtsboxer hatte sich schon auf die Spiele vorbereitet, als er bei einer Demonstration vor einem Jahr in seiner Heimatstadt Hama schwer verletzt wurde. Fünf Schüsse trafen ihn in den Ober-, einer in den Unterschenkel.

Als er versuchte, die Wunde mit seinen Händen abzudrücken, explodierte noch ein Geschoss in seinem Oberschenkel“, erklärt der Leitende Oberarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie im Marien-Hospital, Dr. Klaus Flucks (59). Dabei wurde Al Shami noch der kleine Finger der linken Hand abgerissen.

Über einen syrischen Kinderarzt aus Dortmund, der schon fünf Opfer mit Schussverletzungen nach Deutschland gebracht hat, kam der zweifache Familienvater ins Marien-Hospital. OP--Versuche im Nahen Osten waren nicht wirklich erfolgreich gewesen. „Sein Bein war fünf Zentimeter kürzer, entzündet und schief“, sagt Dr. Flucks. Die Wittener Ärzte verpassten dem 30-Jährigen eine Titanplatte, die den Knochen stabilisiert.

Eine weitere Operation soll folgen

Der Heilungsprozess macht gute Fortschritte, Al Chami kann schon wieder laufen. Jetzt ist nur noch der Fuß das Problem. Den kann er wegen eines Nervenschadens nicht anheben. Dank elektrischer Stimulation hat der Syrer inzwischen aber wieder „bis ganz unten“ ein Gefühl. Mit Ärzten im Bochumer Bergmannsheil soll nun noch eine OP folgen.

Röntgenbilder zeigen, wie schwer verletzt Al Shami, der seit seinem elften Lebensjahr boxt, war. Trotz der erfolgreichen Behandlung in Witten stecken noch Schrapnells, also Geschosse, im Körper. Dr. Flucks deutet auf einen länglichen Gegenstand. „Was das ist, weiß nicht.“ Eine womöglich noch intakte Sprengladung? Sein Patient macht trotzdem einen gelassenen Eindruck.

Die Verletzung, die entgangene Olympiade - all das zählt für ihn nicht. Er will so schnell wie möglich zu seiner Frau und den beiden Töchtern, die in Jordanien in Sicherheit sind, zurückkehren. Und irgendwann natürlich auch wieder nach Syrien.

Bei der Demonstration in Hama, einer Rebellenhochburg, seien 60 Menschen getötet und über 200 verletzt worden, erzählt Al Chami. „Panzer rollten über die Verletzten und Leichen.“ Viele Freunde und Verwandte seien umgekommen. Als der Boxer getroffen wurde, wollte er gerade seine Schwägerin zur Entbindung ins Krankenhaus bringen. Sein Bruder trug den Schwerverletzten davon. Eine Frau, die die Blutungen stoppen wollte, kam selbst ums Leben.

Nach mehreren OP-Versuchen gelang es Al Chami, das Land zu verlassen. Der Geheimdienst hat ihn auf der Liste. Viele Sportler, die sich gegen das Regime auflehnten, seien verhaftet, ein Teil getötet worden. „Ihre Angehörigen wissen nicht, wo sie sind.“ Als der Boxer in Jordanien ein Interview für den Sender Al Dschasira gab, wurde noch am selben Tag sein Haus bombardiert, auch das der Geschwister und Cousinen.

Al Chami, der seinen Vater nicht kannte, weil er Anfang der Achtziger unter dem alten Assad zu Tode kam, ballt die Faust. Bald werde das syrische Volk siegen. Und 2016 will er wieder zu Olympia.

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