Feinstaub

Privatleute messen Luftverschmutzung selbst

An diesem hübschen Stromkasten beim Saalbau hängt das Feinstaubmessgerät des Landesamts für Natur und Umwelt: Es ist die unscheinbare Röhre rechts daneben. Das Gerät misst die „Abgase“ des nahen Edelstahlwerks. 

Foto: Thomas Nitsche

An diesem hübschen Stromkasten beim Saalbau hängt das Feinstaubmessgerät des Landesamts für Natur und Umwelt: Es ist die unscheinbare Röhre rechts daneben. Das Gerät misst die „Abgase“ des nahen Edelstahlwerks.  Foto: Thomas Nitsche

  Nicht nur das Umweltamt, auch Bürger können in Witten die Feinstaub-Belastung ermitteln. Profis zu der Piraten-Aktion: „Ein schöner Gag“.

Wittens Luft ist sauber, bescheinigen Umweltbehörden den Bürgern. Viele Wittener empfinden das aber anders, ihnen stinken die Abgase vor der eigenen Haustür mehr denn je. Wie sonst erklärt es sich, dass die Piratenpartei mit ihrer Aktion, Messstationen für den Hausgebrauch zu verschenken, auf positive Resonanz stößt? 15 Bewerbungen liegen der Partei bislang vor. Fachleute sehen die Aktion eher als „Werbegag“.

Wie berichtet, verschenken die Wittener Piraten bei der Aktion zehn Messstationen im Wert von je 33 Euro, mit denen Privatleute den Feinstaubgehalt messen können. Zurzeit kann man sich über die Internetseite der Partei bewerben, mit einer Begründung, warum gerade die Luft vor der eigenen Haustür so mieft. Und welche Stellen im Stadtgebiet werden da genannt?

„Dieselschwaden im Garten“

Mehrfach meldeten sich Anwohner der durch den Berufsverkehr stark belasteten Wittener Straße im Bereich Kämpen. „Wir haben in unserem Anliegerwohngebiet ein massives Berufsverkehrsproblem. Leider werden wir von den Verantwortlichen nicht ernst genommen“, formuliert es ein Kämpener in einem der Bewerbungsschreiben, die die Partei unserer Zeitung anonymisiert zur Verfügung stellte. „Morgens und nachmittags ist die Luft zum Schneiden dick. Dieselschwaden stehen bei Windstille minutenlang in unseren Gärten.“

Ebenso meldeten sich Wittener, die nahe den Autobahnen wohnen (A 43 in Heven und A 44 im Wullen), sowie aus der Pferdebachstraße, wo die Bebauung eine schlecht belüftete Gasse bilde und sich durch den Bahnübergang und die Ampelanlage der Verkehr stauen würde. Ein Wittener klagt: „Die Atemwegsbelastungen und das Verdrecken des Hauses durch das hohe Verkehrsaufkommen und den Schwerlastverkehr ist schon lange nicht mehr akzeptabel.“

Bürger befürchten eine Schadstoffbelastung durch die Dortmunder Einflugschneise und sorgen sich, weil umliegende Häuser offene Kamine haben und Holz verfeuern. Wie sich die Verbrennung von Festbrennstoffen auf den Feinstaubgehalt auswirkt, möchten viele mit Daten überprüfen.

Wo die Mess-Geräte stehen werden, will die Fraktion im April entscheiden. Fraktionsvorsitzender Stefan Borggraefe: „Durch die Aktion haben sich auch Technikfreaks bei uns gemeldet, die auf eigene Kosten eine Messstation auf ihrem Balkon angebracht haben.“

Leute stören sich an Staubbelastung

Was halten denn die „Mess-Profis“ davon, wenn Privatleute eigene Daten sammeln? Andreas Berg von der städtischen Stabsstelle Umwelt sieht das kritisch, weil die erhobenen Werte je nach Wetterlage stark variieren und nur in der Langzeitanalyse Sinn machten. „Ein schöner Gag, mehr ist das eigentlich nicht“, sagt er.

Birgit Kaiser de Garcia vom Landesumweltamt hält den Trend zum Partikelzählen für eine „interessante Geschichte“. Sie sei froh, dass die Menschen überhaupt sensibilisiert für den gesundheitsgefährdenden Feinstaub seien, wenngleich sie häufig den Staub von der Fensterbank mit den feinen, nicht sichtbaren Partikeln verwechseln würden. „Sie empfinden halt die Staubbelastung im Allgemeinen als störend.“ Verstehen kann sie die Leute durchaus. Gerade die Kaminöfen seien als Feinstaubquelle „nicht zu vernachlässigen“.

An zwei Stellen wird in Witten bereits gemessen

Ein Feinstaubproblem hat Witten nicht, ergaben im Jahr 2008 Messungen des Landesumweltamts an Wittens „schlimmster Stelle“, einer Straßenschlucht an der Ardeystraße. Doch da lag die Belastung unter den Grenzwerten der EU-Richtlinie. Darum gibt es in der Ruhrstadt auch keine Umweltzone.

Beim Burg-Kino an der Ruhrstraße steht aber ein „Passivsammler“ für Rußpartikel. Dessen Ergebnisse werden jeden Monat in einem Labor ausgewertet. Die Jahresauswertung für 2016 werde Ende März/Anfang April vorliegen, so Birgit Kaiser de Garcia, Sprecherin des Landesumweltamts. Die Messergebnisse findet man im Internet:
www.lanuv.nrw.de/umwelt/luft/immissionen/berichte-und-trends/einzelwerte-diskontinuierliche-messungen.

Umweltamt überprüft DEW-Ausstoß

Seit Anfang Januar misst das Landesumweltamt noch an einer zweiten Stelle in Witten – und zwar den Feinstaubausstoß der Deutschen Edelstahlwerke (DEW). Leser Wolfgang Seidel hat bereits bei uns angefragt, wo denn diese Messstation sei.

Man findet sie am Kreisverkehr Bergerstraße über einem Stromkasten (Bild ganz oben). Dort wird aber nicht die Menge des Feinstaubs erfasst, sondern dessen metallische Inhaltsstoffe. Wegen der Nähe zu DEW ist insbesondere der Nickel-Gehalt von Bedeutung. Im Jahr 2010 wurde an dieser Stelle schon einmal gemessen. Damals lag der Nickelgehalt bei 13 Nanogramm pro Kubikmeter Luft. Der Zielwert beträgt 20 Nanogramm, somit wurde der Wert eingehalten.

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