Breitbandausbau

Piraten: Netcologne-Technik nicht nachhaltig für Witten

Netcologne ist auf Expansionskurs: Auch in Hattingen und Heiligenhaus (Foto) investieren die Kölner ins Breitbandnetz.

Foto: Heinz-Werner Rieck

Netcologne ist auf Expansionskurs: Auch in Hattingen und Heiligenhaus (Foto) investieren die Kölner ins Breitbandnetz. Foto: Heinz-Werner Rieck

Witten.   Die Piraten kritisieren den Breitbandausbau durch die Netcologne. Doch der Kölner Investor verteidigt sich.

Die als Internet-Partei groß gewordenen Piraten üben massive Kritik an dem Ausbau des Breitbandnetzes in Witten durch die Netcologne. Die Kölner Stadtwerke-Tochter will die Glasfaserkabel bis zu den Verteilerkästen legen und die vorhandenen Kupferkabel bis in Haus weiter verwenden und diese durch Vectoring-Technik schneller machen.

„Was da bejubelt wird, ist in Wahrheit kein Ausbau, sondern dessen Verhinderung“, sagt Stefan Borggraefe, Piraten-Ratsherr in Witten. „Die Piraten wollen mehr. Wir fordern den nachhaltigen Ausbau mit Glasfaserkabeln bis in die einzelnen Häuser und nicht nur bis zu den Verteilerkästen.“

Surf-Tempo sinkt mit Entfernung

Die Vectoring-Lösung taugt in seinen Augen höchstens als „Übergangslösung für städtische Randgebiete“. Die Geschwindigkeit werde durch Vectoring nur gering gesteigert. Die Kupferkabel führten zu Dämpfungseffekten. Borggraefe: „Die gedämpfte Geschwindigkeit wird auch noch umso geringer, je weiter man vom nächsten Kabelverteiler entfernt wohnt. Viele Wittener werden enttäuscht sei“, warnt der Pirat, „weil von den versprochenen bis zu 100 MBit/s nur ein Bruchteil bei ihnen ankommen wird“.

Netcologne bestätigte auf Anfrage, dass man in Kooperation mit Innogy die Glasfaser in Witten bis zum Verteilerkasten (FttC, Fiber to the Curb/Bordstein) und nicht bis in die Häuser (FttB, Fiber to the Building) legen werde. Das allein ermögliche schon Bandbreiten bis zu 50 Mbit/s, die aufgesetzte Vectoring-Technik bis zu 100 Mbit/s. „Da die Leitungslängen aber unterschiedlich sind, ist die zu erreichende Surfgeschwindigkeit von Haushalt zu Haushalt verschieden. Bis zu 100 Mbit/s sind maximal möglich“. Als „die nachthaltige Breitbandlösung“ bezeichnet auch Netcologne selbst „eine Glasfaseranbindung bis in die Häuser“.

Mit Streit um Schotterschicht Zukunftschance verspielt

In Köln habe man deshalb auch bereits ein dichtes FttB-Netz errichtet. In „ländlichen Regionen“ – damit bezieht sich Netcologne auch auf Witten – sei der FttB-Ausbau „jedoch häufig wirtschaftlich nicht darstellbar. Um dennoch und vor allem flächendeckend schnelle Surfgeschwindigkeiten anbieten zu können, bauen wir mit FttC aus“. Also: bis zum Bordstein plus Vectoring. Netcologne hebt hervor, dass „FttC aus unserer Sicht die einzig denkbar finanzierbare Breitbandtechnologie für die Region ist“.

Und diese Breitbandtechnologie sei auch zukunftsorientiert, Denn: Damit setze man einen „Grundstein“, den man in Zukunft „problemlos erweitern könne.“

Die „Schuld dran“, dass aus seiner Sicht „kein nachhaltiger Breitbandausbau in Witten stattfindet“, gibt Pirat Stefan Borggraefe aber auch der Stadt Witten und dem EN-Kreis. Witten habe vor vier Jahren, als die Telekom die Glasfaser bis ins Haus legen wollte, durch den Streit um die notwendige Dicke der Schotterschicht „die riesige Zukunftsschance verspielt“, als Modellkommune mit einer Übertragungsrate von 200 MBit/s zu punkten. Vom EN-Kreis fordert Borggraefe, dass der selbst als Betreiber von Glasfasernetzen auftreten solle.

Um ein Breitbandnetz wirtschaftlich zu betreiben, müsse man mindestens 400 000 Kunden haben, weist Ulrich Schilling, Breitbandbeauftragter des EN-Kreises, das zurück. Die Kritik der Piraten an der Vectoring-Technik teilt er indes: „Damit setzt man auf ein altes Pferd, wenn man die neueste und zukunftssichere Technik haben will, legt man heute Fiberglas bis zum Haus“. Auch er verweist aber auf die Wirtschaftlichkeit: „Sie finden keinen Investor, der das machen will.“ Die Netzbetreiber müssten sich an der Nachfrage orientieren.

„Und der Kunde stimmt mit dem Portemonnaie ab. Wenn der für 19,95 Euro 30 MBit/s bekommt, ist er nicht bereit, 150 Euro für 100 MBit/s und Glasfaser bis ins Haus zu bezahlen.“ Im Übrigen seien die Eingriffsmöglichkeiten für die Kommunen und die Kreise begrenzt. Der private Ausbau des Breitbandnetzes richte sich danach, welcher Investor diesen zuerst in einem jeweiligen Ausbaugebiet bei der Bundesnetzagentur angemeldet habe.

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