Pflege

„Pflege-Päpstin“ Prof. Christel Bienstein geht in Rente

Leistete Pionierarbeit: Prof. Christel Bienstein. Seit 21 Jahren kann man an der Universität Witten/Herdecke Pflegewissenschaft studieren. Bienstein setzte sich für die Einrichtung des Studienganges einst bei Uni-Gründungspräsident Konrad Schily ein. Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Leistete Pionierarbeit: Prof. Christel Bienstein. Seit 21 Jahren kann man an der Universität Witten/Herdecke Pflegewissenschaft studieren. Bienstein setzte sich für die Einrichtung des Studienganges einst bei Uni-Gründungspräsident Konrad Schily ein. Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.   Prof. Christel Bienstein hat das erste Pflege-Studium an einer deutschen Uni auf den Weg gebracht. Eine Macherin geht in Rente.

Die ersten 29 Studenten bewiesen Mut, als sie 1996 mit ihrem pflegewissenschaftlichen Studium an der Uni Witten/Herdecke starteten. Denn erst drei Jahre später erkannte das NRW-Wissenschaftsministerium den neuen Studiengang als Modellprojekt an. Christel Bienstein hat diese Aufbruchzeit, als Pflege eine Wissenschaft wurde, hautnah miterlebt. Denn sie hat damals, zusammen mit drei Mitstreitern, das Konzept für das erste Pflege-Studium an einer deutschen Universität entworfen. Jetzt verabschiedet sich Deutschlands bekannteste Pflegewissenschaftlerin in den Ruhestand.


Aber noch geht sie nicht ganz. Ende Mai wird die 65-Jährige die Leitung des Departments für Pflegewissenschaft, das früher Institut für Pflegewissenschaft hieß, an einen Kreis von Kollegen an der Universität abgeben. Kommissarisch. Denn wer Christel Bienstein nachfolgt, ist noch nicht ganz klar. Ein Kandidat, der es wohl werden könnte, habe noch nicht zugesagt, heißt es. Bienstein wird auch noch im kommenden Wintersemester als Lehrbeauftragte für das Bachelor-Programm der Pflegewissenschaft an der Hochschule sein.

Sie hat viel für die Pflege erreicht

Die Professorin, die erst Krankenschwester war, später Germanistik und Geschichte, dann Pädagogik studierte, hat viel für die Pflege erreicht. Mit ihrem Team hat die gebürtige Bottroperin nicht nur den ersten Pflege- Studiengang an einer deutschen Uni aufgebaut, sondern war von Anfang an auch dessen Chefin.

Dass die neue Privatuni ein solches Studienangebot benötigt, davon hat Bienstein einst Konrad Schily, den Gründungspräsidenten der Hochschule, überzeugt. „Er hat damals gesagt: Dann machen Sie das mal“, erzählt sie schmunzelnd. Und sie machte, gemeinsam unter anderem mit Angelika Zegelin, die später ebenfalls als Pflegewissenschaftlerin der Hochschule bundesweit bekannt wurde.

„Das ist gefährlich für die Patienten!“

Christel Bienstein und ihr Team machen junge Menschen fit für einen nicht ganz einfachen Beruf. Die Wittener haben auch viele Studien gemacht, die für Aufsehen sorgten. Und sie haben Missstände in der Pflege aufgezeigt. Die letzte Studie beschäftigte sich mit Altenheim-Bewohnern. Diese müssten bei gesundheitlichen Problemen nicht so oft in eine Klinik eingewiesen werden, wie es der Fall sei, betont Bienstein. Und fügt hinzu: „Klinik-Aufenthalte können insbesondere den Zustand von Menschen mit Demenz verschlechtern.“

Eine andere Wittener Untersuchung ergab, dass in Krankenhäusern nachts im Schnitt „lediglich eine Pflegekraft für 28 Patienten zuständig ist“. Christel Bienstein, eine der Autorinnen der Studie, kritisiert: „Das ist gefährlich für die Patienten!“ Denn Pfleger und Schwestern könnten nicht überall gleichzeitig sein. Der Stress, dem Pflegekräfte in Krankenhäusern ausgesetzt seien, schlage sich auch in einer Zahl nieder. „Rund 50 Prozent arbeiten deswegen nur in Teilzeit.“ Dies sei auch so – in noch höherer Zahl – bei Pflegekräften in Altenheimen und bei ambulanten Diensten.

Präsidentin des Berufsverbandes für Pflegeberufe

Die Wissenschaftlerin macht sich auch dafür stark, dass alte, pflegebedürftige und auch demente Menschen so lange wie möglich im eigenen Zuhause leben können. Unterstützt nicht nur von Angehörigen, die sich oft bis zur eigenen Erschöpfung einsetzten, sondern durch ein Netzwerk an Helfern – von Nachbarn bis hin zur Friseurin, die Hausbesuche macht.

Die Professorin, die in Recklinghausen zuhause ist, ist für ihre Arbeit mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt worden, darunter das Bundesverdienstkreuz. Auch im Ruhestand will sie sich weiter engagieren. Bis 2020 ist Christel Bienstein noch Präsidentin des deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe.

„Ich möchte mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren“

Was wird sich in der neuen Lebensphase künftig bei ihr privat ändern? Die Mutter zweier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter freut sich auf mehr Zeit mit der Familie. „Ich möchte auch noch einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren“, verrät sie. Und segeln! Das habe sie als junge Frau gerne mit ihrem Mann zusammen gemacht. „Dies wäre wieder etwas!“

>>> DIE PFLEGE-STUDIENGÄNGE

Am Department für Pflegewissenschaft der Uni Witten/Herdecke studieren rund 70 Studenten. Außerdem schreiben 100 Pflegewissenschaftler dort derzeit ihre Doktorarbeiten.

Die angebotenen Studiengänge: Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen (Abschluss: M.A.), der Studiengang Pflegewissenschaft mit dem Abschluss: Master of Science (M.Sc.).

Der Studiengang Innovative Pflegepraxis läuft im September 2018 aus (Abschluss: Bachelor of Arts).

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