Serie „Mein Stadtteil - mit dem Leserbeirat unterwegs“

Inseln der Ruhe

Vor der Villa Müllensiefen: Leserbeirats-Mitglied Manfred H. Wolff.  Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool

Vor der Villa Müllensiefen: Leserbeirats-Mitglied Manfred H. Wolff. Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool

Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Witten. Draußen tobt der Verkehr, drinnen herrscht Ruhe. Die alte Bauweise mit ihren mächtigen Wänden hatte schon etwas für sich. In der Villa Müllensiefen an der Crengeldanzstraße starten wir einen Spaziergang in vergangene Zeiten.

Dass Professor Manfred H. Wolff mal auf fast 20 Jahre Witten zurückblicken kann, hätte sich der Mikrobiologe früher nicht träumen lassen. Er, der in Berlin aufgewachsen ist und dann ihn Bonn wohnte, hatte mit dem Ruhrgebiet nur wenig am Hut. Doch dann sprachen ihn Mitte der achtziger Jahre Studenten der frisch gegründeten Uni Witten/Herdecke an und baten ihn, Vorlesungen zu geben und später ein mikrobiologisches Praktikum zu leiten.

Ein Jahr lief das so, bis ihn die Uni 1986 auf einen Lehrstuhl berief. „Das war im wahrsten Sinne ein leerer Stuhl“, schmunzelt der 69-Jährige. Ein kleines Büro genauer gesagt, das kurze Zeit später auch noch einem neuen Fahrstuhlschacht weichen musste. Fünf Jahre lang pendelte er zwischen Bonn und Witten. „Ich habe mich innerlich ein bisschen dagegen gewehrt, ins Ruhrgebiet zu ziehen“, erinnert sich Wolff.

Doch nach der Wende sei es immer voller auf den Autobahnen geworden und ein Baby war im Anmarsch – also suchte sich die Familie eine neue Bleibe in Witten. Durch einen Doktoranden kam Wolff dann auf die Villa Müllensiefen und mietete eine Wohnung. Die Industriellenfamilie Müllensiefen hatte 1825 am Crengeldanz eine große Glasfabrik gegründet (heute Pilkington). Die Wittener Tafelglasproduktion zählte im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten in Deutschland. Die Villa aus schon etwas geschwärztem Sandstein entstand 1872 – inklusive Kutscherhaus, Gesinderäumen und parkähnlichem Garten, durch den man direkt zum idyllischen See am Haus Crengeldanz gelangt. „Früher“, erinnert sich Manfred H. Wolff, „lebten darin noch Karpfen“. Heute machten sich sogar die Enten rar.

Trotzdem könne man dort noch wunderschön sitzen. Ein anderer Lieblingsweg führt nur wenige Meter weiter durch die denkmalgeschützte Gartenstadt Schott-Siedlung – wie auch die Villa Müllensiefen eine Insel der Ruhe. Die Gesellschaft Westfälische Straßenbahn und die Stadt Witten gründeten die Siedlung 1913, um die Bahner nahe des Betriebshofs anzusiedeln. Die Häuser sind im bergischen Stil erbaut – verkleidet mit Schiefer und grünen Fensterläden ausgestattet. „Die Siedlung ist wie ein kleines Dorf für sich.“

Seine nähere Umgebung in Mitte wie das ganze Ruhrgebiet hat sich der Kunstfan im Laufe der Jahre „erobert“: „Wir sind fast jedes Wochenende irgendwohin gefahren und haben uns umgesehen.“ So habe er gut beobachten können, wie sich das Ruhrgebiet im Sinne des Kulturwandels verändert hat. Apropos Kultur: Da könne das Ruhrgebiet mit einer breiten Brust daherkommen: „Ich habe immer geglaubt, Berlin wäre die Zentrale der Kultur, aber das Ruhrgebiet kann durchaus konkurrieren.“

Mittlerweile fühlt sich Wolff im Ruhrgebiet und besonders in Witten zu Hause. Die „Tage für neue Kammermusik“ sind ein Muss für ihn, im Märkischen Museum sei er Stammgast, nur ins Theater gehe er lieber nach Bochum. Auf den ersten Blick sei Witten nicht so aufregend, aber wer die Stadt kennenlerne, der könne sich hier sehr wohlfühlen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben