Mieterverein

Haus-Sperrung hat Familie aus Witten kalt erwischt

Am Donnerstag wurden die Leitungen des Hauses in der Steinstraße 14 gekappt.

Foto: Jürgen Theobald

Am Donnerstag wurden die Leitungen des Hauses in der Steinstraße 14 gekappt. Foto: Jürgen Theobald

Witten.   Nach der Versiegelung ihres Hauses musste die Familie bei Verwandten unterkommen. Der Mieterverein nennt die Maßnahme „völlig unverhältnismäßig“

Buchstäblich kalt erwischt worden ist eine Familie mit drei kleinen Kindern von der Sperrung des Hauses in der Steinstraße 14. Die Stadt hatte das Haus am Montag für unbewohnbar erklärt und versiegelt. Die Mieter, die ihren Namen aus Angst vor Repressalien nicht in der Zeitung lesen möchten, standen plötzlich vor verschlossener Tür. Zusammen mit Knut Unger vom Mieterverein klagen sie nun über das „unverhältnismäßige und absurde Vorgehen“ von Stadt und Stadtwerken.

Die sechsköpfige Familie, zu der auch noch eine Großmutter gehört, wohnt seit Januar in zwei Wohnungen in dem denkmalgeschützten Haus in der Steinstraße. Die Heizung funktionierte von Anfang an nicht, obwohl der Vermieter bei der Vorbesichtigung versprochen hatte, alles bis zum Einzug reparieren zu lassen, so berichtet das Ehepaar. Die Familie behalf sich mit Heizlüftern, alle schliefen zusammen im Wohnzimmer, „weil es so kalt war“. Bestimmt 100 Mal hätten sie vergeblich versucht, den Eigentümer des Hauses zu erreichen. Auch Gespräche mit dem Jobcenter und dem Jugendamt hätten keine Lösung gebracht. „Es hat sich nichts getan.“

„Wir wussten von nichts“

Letzten Freitag ist die Situation dann eskaliert. Ganz ohne Vorwarnung seien plötzlich die Zähler ausgebaut, Strom und Wasser abgestellt worden. „Wir wussten von nichts“, klagt die Familie, die sich daraufhin an den Mieterverein wandte. Knut Unger informierte noch am Freitag die Stadt über die Situation und forderte sie auf, einzuschreiten. Was die auch prompt tat – allerdings nicht so, wie Unger gehofft hatte: Am Montag wurde das Haus für unbewohnbar erklärt.

„Totalen Unsinn“ nennt Unger diese Maßnahme. Eine Gefahrenabwehr sei hier überhaupt nicht nötig. „Die Stadtwerke haben die Unbewohnbarkeit ja überhaupt erst herbeigeführt.“ Der Mieterverein habe die Stadt bereits im September – damals wohnte eine andere Familie in dem Haus – über die Missstände informiert. Auch damals drohten die Stadtwerke bereits mit einer Versorgungssperre, weil der Vermieter seine Rechnungen nicht gezahlt hatte. Mit den Stadtwerken sei dann ein Vertrag ausgehandelt worden, mit dem die damaligen Mieter ihre Energiekosten direkt überweisen konnten. Dann sei die Familie aber doch ausgezogen, die jetzigen Mieter zogen ein.

Stadt könnte auf Kosten des Eigentümers tätig werden

Schon damals habe der Mieterverein die Stadt gebeten, nach dem Wohnungsaufsichtsgesetz vorzugehen. „Die Stadt könnte auf Kosten des Eigentümers tätig werden und Missstände beseitigen.“ Das Geld dafür könne sie sich beispielsweise über Mietpfändungen zurückholen. Bislang sei aber nichts passiert.

Knut Unger fordert jetzt rasches Handeln. „Man kann nicht zulassen, dass das Haus vor die Hunde geht – wenn die so weitermachen, steht bald eine Ruine in einem der angesagtesten Viertel der Stadt.“ Schnellstmöglichst müsse die Versorgung wieder hergestellt werden, damit der Wohnraum erhalten bleibt und die obdachlosen Mieter, die kurzfristig bei Verwandten untergekommen sind, zurück in ihre Wohnung könnten.

„Für die Betroffenen tut uns das leid und weh“

Doch das sieht schlecht aus. Gestern wurden die Wasser-Leitungen auch baulich gekappt – sonst könnte es zu Verkeimungen kommen, erklärt Stadtwerke-Sprecher Thomas Lindner. Er bedauert die Maßnahmen. „Für die Betroffenen tut uns das leid und weh.“ Aber die Schulden des Eigentümers lägen inzwischen im fünfstelligen Bereich, alle Mahnungen und Verfahren hätten nichts gebracht.

„Also müssen wir sicherstellen, dass der Schaden nicht noch größer wird.“ Er versichert, die Maßnahmen seien angekündigt worden – allerdings nur den ihnen bekannten Mietern – die, mit denen die Sondervereinbarung geschlossen worden war. Doch die waren ja bereits ausgezogen. Lindner betont, sein Unternehmen versuche immer, sozialverträgliche Lösungen zu finden. Er rät den Mietern, jetzt den Kontakt zur Stadt zu suchen, damit ihnen rasch eine Ersatzwohnung zugewiesen werden könne.

Das hat die Familie bereits getan. Doch in die angebotene Not-Unterkunft in der Brauckstraße will sie nicht. Sie will weg aus Witten, ins Münsterland. „Wir haben die Nase voll von dieser Stadt.“

>>> INFO: Stadt bereitet Stellungnahme vor

  • Die Stadt konnte gestern keine Stellungnahme zu den Vorwürfen des Mietervereins abgeben. Es werde aber eine detaillierte Antwort vorbereitet, da es inzwischen auch politische Anfragen zu dem Thema gebe.

  • Die Stadt geht – anders als der Mieterverein – nicht davon aus, dass sie sich Geld für Vorleistungen über Mieten zurückholen kann. Als Gemeinde mit Haushaltssicherungskonzept dürfe sie zudem kein finanzielles Risiko eingehen.

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