Flüchtlinge

Der erste Tag in der Wittener Notunterkunft

Die Wittener Jahnhalle: Am Donnerstagmorgen hatte man zunächst befürchtet, die Flüchtlinge wegen des nahen Großbrandes evakuieren zu müssen.

Die Wittener Jahnhalle: Am Donnerstagmorgen hatte man zunächst befürchtet, die Flüchtlinge wegen des nahen Großbrandes evakuieren zu müssen.

Foto: WAZ

Witten.   158 Flüchtlinge leben jetzt vorübergehend in der Jahnhalle. Das Rote Kreuz ist überwältigt von der Hilfsbereitschaft vieler Wittener Bürger.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Für 158 Flüchtlinge ist die Jahnhalle jetzt ihr provisorisches Zuhause. Die Menschen, überwiegend Familien, kamen am Mittwochabend mit drei Bussen in Witten an. „Leute jeden Alters, aus aller Herren Länder“, so Stadtsprecherin Lena Kücük. Dank der hervorragenden Zusammenarbeit von Feuerwehr und Hilfsorganisationen – darunter zahlreiche ehrenamtliche Kräfte – verlief der erste Tag in der Notunterkunft gut.

Viele Flüchtlinge seien von Bielefeld aus nach Witten gekommen, sagte Bürgermeisterin Sonja Leidemann, die sich am Donnerstagmorgen ein Bild von der Lage in der Unterkunft an der Jahnstraße machte. Durch den Brand im Weichenwerk habe man zunächst befürchtet, die in unmittelbarer Nähe liegende Sporthalle evakuieren zu müssen. „Das war zum Glück nicht notwendig.“ Da morgens noch keine Dolmetscher vor Ort waren, sei es etwas schwierig gewesen, den Menschen zu erklären, dass sie aufgrund der Rauchentwicklung vorübergehend nicht ins Freie gehen durften, hieß es vom Roten Kreuz.

Zwischen der kleinen und der großen Jahnhalle wurde die Küche für die Notunterkunft errichtet. Beim ersten Mittagessen konnten die dort Einquartierten zwischen zwei Gerichte wählen: Hühnersuppe und Chili con Carne mit Rindfleisch. Schweinefleisch ist tabu, aus Rücksicht auf die Muslime in der Unterkunft. Gegessen wird in der kleinen Jahnhalle an Biergartentischen.

„Es haben sich schon 130 Freiwillige bei uns gemeldet“

Am ersten Tag hatten die Neuankömmlinge viele Fragen, wie Bürgermeister Leidemann erlebte. „Ein Mann erzählte, dass seine Frau in einer anderen Unterkunft untergebracht worden ist. Menschen kamen mit akuten gesundheitlichen Problemen wie etwa einem Bandscheibenvorfall, mit Diabetes, Zahnschmerzen, ein Kind litt unter Asthma.“ Die Flüchtlinge seien, bevor sie nach Witten kamen, schon einmal gesundheitlich untersucht worden, so Leidemann.

Tanja Knopp, Leiterin des Einsatzstabes des Roten Kreuzes, war überwältigt von der großen Zahl von Menschen, die sich spontan bereit erklärten, in der Jahnhalle zu helfen. „Es haben sich schon 130 Freiwillige bei uns gemeldet. Wir werden allen Bescheid geben, wann und wofür wir sie brauchen“, verspricht die 42-Jährige, bittet aber um etwas Geduld. „Wir haben im Moment noch alle Hände voll zu tun.“ Unter den ehrenamtlichen Helfern war gestern schon der Wittener Kinderarzt Mirahmad Bahrinipour, ein gebürtiger Teheraner. Außerdem ein Clown, der schon am Mittwochabend die eintreffenden Menschen aufheiterte. Für viel Gelächter sorgte der Ehrenamtler gestern, als er versuchte, einigen Flüchtlingen die ersten Brocken Deutsch beizubringen.

„Die Familien sollen gemeinsam übernachten können“

Tanja Knopp lobt die Geduld der Flüchtlinge. „Ich habe schon viele Unterkünfte gesehen. Hier glaube ich, ist die Stimmung gut, eben familiär. Das ist in Unterkünften, wo mehr alleinstehende Männer zusammen sind, manchmal anders.“ Um ein wenig mehr Privatsphäre in der Sporthalle zu schaffen, werden die Schlafplätze der Familien mit Stellwänden voneinander abgetrennt. Knopp, im Hauptberuf Schulleiterin einer Grundschule in Bochum-Wattenscheid: „Es gibt Einrichtungen, wo Männer und Frauen getrennt voneinander schlafen. Hier haben wir uns dagegen entschieden. Die Familien sollen gemeinsam übernachten können.“

Hosen, Röcke, Hemden, Kleider, Blusen, Kindersachen – Sabine Schmelzer vom Wittener Help- Kiosk und drei ehrenamtliche Helfer haben gestern für die Flüchtlinge in der Jahnhalle Kleidung organisiert.

Im Baumarkt hatten sie zuvor Regale gekauft, die am Donnerstagnachmittag in der Sporthalle aufgebaut wurden. Schmelzer: „Es kamen Menschen zu uns, die sagten, dass sie sich in ihren Sachen ganz unwohl, ganz schmutzig fühlen.“ Bei der Einrichtung der Kleiderkammer in der Notunterkunft wurde die ehemalige Rektorin der Bruchschule von der Studentin Carla Keller und von Xhervat und Luzim unterstützt, zwei Flüchtlingen aus dem Kosovo.

Am Freitag können sich die Menschen in der Notunterkunft Kleidung aussuchen. Sabine Schmelzer freut sich, dass die Bereitschaft, Kleidung zu spenden, groß ist. „Wir nehmen die Sachen in den ehemaligen Räumen des Reisebüros Wedhorn an der Hauptstraße entgegen. Immer montags und freitags von 10 bis 13 Uhr, samstags von 13 bis 16 Uhr.“ Mangelware sind: Unterwäsche, Handtücher, Bettwäsche und Kleidung für Säuglinge und Kinder bis zum sechsten Lebensjahr.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben