XXL-Ausgrabungen

Bagger buddeln sich tief in Wittener Industriegeschichte

Alte Eisenhütte bei Bauarbeiten in Witten gefunden

In Witten dokumentieren Archäologen zurzeit eines der ältesten Stahlwerke Europas dessen Überreste bei Bauarbeiten gefunden wurden.

In Witten dokumentieren Archäologen zurzeit eines der ältesten Stahlwerke Europas dessen Überreste bei Bauarbeiten gefunden wurden.

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Witten.   Archäologen sind begeistert von den Stahlwerksfunden im künftigen Wittener Gewerbegebiet. Einiges sei so gut erhalten wie nirgendwo in Europa.

Vier Bagger verschieben tonnenweise Erdreich, über den Köpfen schwebt eine Drohne. So sieht moderne Archäologie aus. Doch eigentlich führen die Forschungen auf dem Gelände Drei Könige tief in die Vergangenheit der Industriegeschichte des Ruhrgebiets.

Denn völlig unerwartet wurden vor acht Wochen bei der Bodenverdichtung des vier Hektar großen Areals für künftige Gewerbeansiedlung die Überreste von zwei Stahlwerken der Steinhauser Hütte entdeckt.

Die Besichtigung der etwa 1,5 Hektar großen Grabungsstätte durch Fachleute des Landschaftsverbandes und internationale Wissenschaftler belegte am Dienstag (20. 3.) nochmal die Besonderheit dieses Fundes, der unter anderem aus Gewölben, langen Mauern, Kaminfundamenten und Belüftungskanälen der Stahlöfen besteht.

Europaweit besterhaltenes Puddelwerk und Bessemer-Stahlwerk

„Witten verfügt mit den Überresten der Steinhauser Hütte über das bisher europaweit besterhaltene Puddelwerk und Bessemer-Stahlwerk aus der Zeit des Überganges von der Früh- zur Hochindustrialsierung“, betont LWL-Archäologe Wolfram Essling-Wintzer, der die Grabungen vor Ort betreut.

Das Puddelwerk entstand mit Gründung der Hütte im Jahr 1855 und als technische Weiterentwicklung das Bessemer Stahlwerk in den 1870er Jahren. Bis zu 450 Arbeiter seien in den besten Zeiten auf der Steinhauser Hütte beschäftigt gewesen, so die Experten. Der dort produzierte, formbare Stahl aus zugeliefertem Roheisen sei unter anderem für die Rheinbrücke in Köln-Deutz genutzt worden, so Essling-Wintzer.

„Bisher galt Witten durch das Muttental ja als Wiege des Bergbaus. Vielleicht gewinnt es nun zusätzlich Aufmerksamkeit als Wiege der Stahlindustrie“, meint Wittens Denkmalschützer Florian Schrader. Den großflächigen Fundort in ein Freilichtmuseum für anreisende Industriefans zu verwandeln, hält Prof. Dr. Michael Rind, Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen, für unwahrscheinlich: „Die Kosten für so ein Projekt wären immens.

Außerdem ist die Nutzung des Geländes als Gewerbefläche beschlossen.“ Ein weiteres Bessemer-Stahlwerk befinde sich auf der Henrichs-hütte in Hattingen, so Dr. Olaf Schmidt-Rutsch vom dortigen Industriemuseum.

Mauerreste bleiben gekürzt im Boden

Deshalb kann er sich gut vorstellen, dass die Wittener Erkenntnisse über jene Phase der Eisen- und Stahlindustrie in die dortige Dauerausstellung einfließen: „Zum Beispiel könnten wir die Dokumentation aus den Drohnenflügen zeigen oder Fundstücke wie den alten Arbeiterhut, der dort ausgegraben wurde.“ Nach Abschluss der Grabungen, die derzeit bis zu acht Meter in die Tiefe reichen, wird das gesamte Gelände zugeschüttet und erneut verdichtet.

Die Mauerreste bleiben um einen Meter gekürzt im Boden, die Gebäudebögen der alten Gemäuer im Erdreich werden aber zum Einsturz gebracht, damit das Gelände nach der Bebauung nicht an einigen Stellen nachsackt. Denn genau das war bei der ersten Verdichtung durch die bis zu 32 Tonnen schweren Maschinen geschehen. Erst dadurch waren die Reste der Stahlwerke vor einigen Wochen entdeckt worden.

Dass die Steinhauser Hütte einst auf dem Gelände Drei Könige gestanden hatte, war zwar bekannt. „Aber laut Unterlagen von 1913, die uns von der Bahn vorlagen, waren die Gebäude längst abgetragen worden“, sagt Anja Reinken, Leiterin des Amtes für Bodenmanagement und Wirtschaftsförderung.

Probebohrungen hätten keine Hinweise gegeben

Auch die Probebohrungen hätten noch keine Hinweise auf die unterirdischen Gebäude ergeben. Die Reichsbahn habe das Gelände einst für ihre Gleisharfe, die sich rund 60 Jahre lang dort befand, ungefähr zehn Meter hoch verfüllt, um es dadurch an ihr weiter hinten liegendes Areal anzugleichen.

Für insgesamt sechs Monate wurde das Gelände unter Denkmalschutz gestellt, das unter Leitung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe von zwei Fachfirmen archäologisch untersucht wird. Für die neue Gewerbefläche sollen die Baumaßnamen im Herbst beginnen. Und zwar im vorderen Bereich des Geländes, wo sich keine historischen Fundstellen befinden. Anja Reinken: „Ende des Jahres sind die Grundstücke erschlossen und können vermarktet werden.“

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