Theater-Premiere

Syrische Flüchtlinge spielen Orpheus-Mythos in Mülheim

Karg ausgestattet, doch atmosphärisch dicht ist die Uraufführung von „Inmitten der Dunkelheit rief ich dich“.

Karg ausgestattet, doch atmosphärisch dicht ist die Uraufführung von „Inmitten der Dunkelheit rief ich dich“.

Foto: Franziska Götzen

Mülheim.   Die Theatergruppe Ruhrorter spielt den Orpheus-Mythos in Mülheim. Der Schmerz des Sängers spiegelt sich in seiner Fluchterfahrung.

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Man wünschte sich, sie einmal lachend, fröhlich und feiernd zu erleben. Immerhin ist Orpheus ein Sänger, aber für diese Ausgelassenheit ist es weder die richtige Zeit noch der richtige Ort. Auch in der Mythologie steht Orpheus nicht dem rauschhaften Dionysos nahe. Und da seine junge Frau Eurydike von einer Schlange tödlich gebissen wurde, sind für ihn Abschied, Trauer und Einsamkeit die prägendenden Stimmungen.

Emotional passt dieser Schmerz auch zu den syrischen Flüchtlingen, in deren Heimat seit sieben Jahren der Bürgerkrieg tobt und Verlust, Zerstörung und Sehnsucht eine tägliche Erfahrung ist.

Uraufführung in leerstehendem Ladenlokal

Im Orpheus-Mythos findet das siebenköpfige Ruhrorter-Ensemble, sechs Männer und eine Frau aus Syrien, für ihre Erfahrung eine allegorische Entsprechung. Das Orpheus-Zitat „Inmitten der Dunkelheit rief ich dich“ gibt dem Stück seinen Namen. Uraufgeführt wurde der rund einstündige, eindringliche und berührende Abend nun in einem leerstehenden Ladenlokal an der Leineweberstraße, das früher einmal eine Plus-Filiale beherbergt hat. Adem Köstereli und Julian Rauter haben das Stück mit den jungen Leuten im Alter von 17 bis 27 Jahren im vergangenen halben Jahr gemeinsam entwickelt.

Die Geschichte von Orpheus und Eurydike wird nicht nacherzählt. Alexander Weinstock, Dramaturg der Produktion, skizziert vor der Aufführung kurz den Rahmen, nennt den Schritt Orpheus in Unterwelt, um dort um seine Geliebte zu kämpfen, „eine radikale Grenzüberschreitung“.

Ringen um Sprache steht im Zentrum

Es gelingt ihm bekanntlich, sie aus dem Reich der Schatten zu befreien, aber nur unter der Bedingung, dass er sich nicht umdreht, was er natürlich ausgerechnet an der Schwelle zum Leben dann doch tut. Und das eben noch überwunden geglaubte Leid beginnt von Neuem, aber den Mut, weiterhin für sie zu kämpfen, den verliert Orpheus nicht.

Es sind vor allem die kraftvollen Worte und die dazu entstehenden Bilder, die den Abend tragen. Sie stammen überwiegend aus arabischsprachigen Werken über den Mythos und werden zum Teil auch zweisprachig vorgetragen. Die Einsamkeit und das Ringen um die Sprache stehen oft im Zentrum. „Hätte ich, was ich nicht habe, eine Sprache“, heißt es einmal.

Aber das Reden verursacht auch Pein, denn das Gedicht prallt wirkungslos gegen das Wasser, schält durch die Wiederholung die Zunge bis diese blutet. „Du kennst sie gut, diese Zunge, die mich quält. Nur weil ich höre“, heißt es da. Neben atmosphärischen Geräuschen vom Meer und Tieren und barocker Musik, erklingt auch ein hebräischer Klagegesang. Kargheit auch hier.

Das Spiel ist minimalistisch

Auf der weiten Spielfläche, die an zwei Seiten das Publikum flankiert, passiert wenig, bleibt das Spiel minimalistisch. Im Reich der Schatten ist es meist finster, einmal funkelt eine Lichterkette, die einer der Akteure um die Schultern trägt und Hoffnung weckt wie glitzernde Sterne am Firmament.

„Immer wenn ich an das Leben denke, fühle ich, wir leben“, heißt es hoffnungsvoll. Schon am Anfang hörte man Eurydikes Herz pochen. Dann schleift einer wie ein ermatteter Krieger laut knarzend den Mikroständer hinter sich her. Auch auf die Gemeinschaft ist Verlass: Der Stürzende wird immer wieder gefangen oder gestützt.

>> Karten und Termine

Es spielen: Mohammad Dahdal, Alaa Alarsan, Omar Mohamad, Militan Alo, Mohammad Saad Kharouf, Raghad Al-Khatib, Yazan Abo Hassoun. Weitere Termine im Juni: am Samstag sowie 5. (Di.), 8. (Fr.), 9. (Sa) 13. (Mi.) 15. (Fr.)16. (Sa.), jeweils 19.30 Uhr, Leineweberstr. 41-43.

Karten für 8 Euro/erm. 4 Euro, Hartz-IV-Empfänger und Flüchtlinge wie immer am der Theater an der Ruhr freier Einritt. Reservierungen: 0208/599 01 88 oder info@ruhrorter.com.
Im Spätsommer wird Ruhrorter im Stadtzentrum außerdem eine Installation präsentieren.

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