Kultur

„Luther 500“ erlebt Welturaufführung mitten in Mülheim

Im Stück verkörpern alle Akteure Martin Luther: ohne Requisiten, gekleidet in weiß getünchte Kostüme. Videos und Filmsequenzen werden an die weißen Wände des Kirchenraumes projiziert.

Im Stück verkörpern alle Akteure Martin Luther: ohne Requisiten, gekleidet in weiß getünchte Kostüme. Videos und Filmsequenzen werden an die weißen Wände des Kirchenraumes projiziert.

Foto: Heinrich Jung

Mülheim.  Experimentelles Musiktheater von Dieter Schnebel, inszeniert in der Petrikirche. Unter Leitung von Gijs Burger wirken über 30 Jugendliche mit.

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Im Nachgang der 500-Jahrfeier der Reformation im vergangenen Jahr war das Leben und Wirken Martin Luthers am Wochenende Gegenstand zweier Aufführungen in der Petrikirche. Dabei erlebte „Luther 500“, ein experimentelles Musiktheater des Avantgarde-Komponisten Dieter Schnebel, im Rahmen des Neue-Musik-Festivals „Utopie jetzt!“ seine Welturaufführung.

Kantor und Kreismusikdirektor Gijs Burger hat aus der Partitur ein schlüssiges Oratorium erarbeitet und mit dem Instrumentalensemble Crush in musikalische Form gegossen. Das Libretto, eine Abhandlung über Luthers äußere und innere Biographie, haben die niederländische Choreographin und Künstlerin Lidy Mouw sowie der Mülheimer Lehrer Mathias Kocks mit mehr als 30 jugendlichen Sängerinnen und Sängern aus dem Jungenchor und der Mädchenkantorei in ein beeindruckendes szenisches Theater umgesetzt.

Jugendliche verkörpern Luther vom Kind zum Gelehrten

Alle Akteure verkörpern Martin Luther, sie spielen seine Kindheit, seinen Glaubensweg mit allen Krisen und Anfechtungen, seine Ängste und sein Gelehrtentum. Ohne Requisiten, nur in schlichte, weiß getünchte Kostüme gehüllt, gelingt den Darstellern mit Hilfe klug eingesetzter Stilmittel eine wirkungsvolle, lebensnahe Choreographie: Langsamkeit, Nahaufnahmen, dynamische Klangkontraste, Einbeziehen des Publikums.

Viele assoziative Elemente ziehen Parallelen zwischen der damaligen Zeit des Umbruchs und der heutigen, ebenso in stetiger Veränderung begriffenen Zeit. Begleitend zum Stück geben Videos und Filmsequenzen, für deren Realisation Lou Raphael Mouw verantwortlich zeichnet, per Beamer auf alle weißen Flächen des Kirchenraums projiziert, weitere Impulse zum Thema. Die Bezüge der Visuals (teils eigene Aufnahmen der Sänger, teils kaleidoskopartige Sequenzen) zum gesprochenen, gespielten oder gesungenen Wort, Inhalt und Werkablauf des Stückes bleiben offen und individuell interpretierbar.

Oratorium beginnt unerhört leise

Der Beginn des Oratoriums: ein unerhört leiser und gehaltener Ton, über dem in kriechender Langsamkeit die Welt um 1500 beschrieben wird. Die Akteure finden sich in verschiedenen Tonhöhen summend auf der quadratischen Bühne ein, bewegen sich in Zeitlupe – bis sich, den Fortschritt und die technische wie auch geistige Revolution symbolisierend, ihr Summen zu einem lauten Cluster steigert und sich die Bewegungen beschleunigen.

Das alles in der Kirchenmitte auf einer im Karrée gebauten Bühne, umgeben von Bänken an vier Seiten: jedem Gast seine eigene Perspektive. Und aus der Mitte entspringt die Musik. Großer Beifall des begeisterten Publikums für ein gelungenes Experiment.

Technische Gründe verzögerten die Uraufführung

Gijs Burgers Singschule an der Petrikirche erteilte Schnebel den Kompositionsauftrag. Aus technischen Gründen konnte „Luther 500“ aber im Reformations-Jubiläumsjahr 2017 nicht verwirklicht werden.

Die Welturaufführung erfolgte jetzt nach intensiver Vorbereitung als Beitrag im Rahmen des Festivals „Utopie jetzt!“, das alle zwei Jahre auf dem Kirchenhügel veranstaltet wird.

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