Integration

Krokodilklemmen verbinden – auch Flüchtlinge im Unterricht

Yara und Lara sind mit Eifer dabei. Ehrenamtler Hans Gerhard Rumpf steht den Schülerinnen beim Physik-Experiment helfend zur Seite. Seit 2016 engagiert er sich beim Projekt „Physik für Flüchtlinge“ an der Schule 2.0.

Yara und Lara sind mit Eifer dabei. Ehrenamtler Hans Gerhard Rumpf steht den Schülerinnen beim Physik-Experiment helfend zur Seite. Seit 2016 engagiert er sich beim Projekt „Physik für Flüchtlinge“ an der Schule 2.0.

Foto: Kerstin Bögeholz

Mülheim.   Mit Physik sollen junge Flüchtlinge an der „Schule 2.0“ spielerisch die deutsche Sprache lernen. Das Experiment zeigt: Krokodilklemmen verbinden.

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„Krokodilklemme!“ Kein leichtes Wort. Die Bezeichnung für die kleine Vorrichtung am Kabel, die wie eine winzige Wäscheklammer aussieht, geht Murteza dennoch leicht über die Lippen. Seit anderthalb Jahren lebt der 16-Jährige, der aus Afghanistan geflüchtet ist, in Deutschland. Mittwochsmittags, immer von halb 12 bis halb zwei, ist für ihn und die 15 anderen Schüler der Flüchtlingsklasse an der Bruchstraße 85 Krokodilklemmen-Zeit.

Für die Erwachsenen heißt die Stunde Physik für Flüchtlinge. Für die Schüler, die zwischen zehn und 16 Jahre alt sind, ist es ein Zeit zum Experimentieren.

Drei Ehrenamtliche engagieren sich in dem Projekt

Die Erwachsenen, das sind Klassenlehrerin Schene Salih und ihre „drei Herren“ – die Ehrenamtlichen. Zwei Ingenieure im Ruhestand und ein junger Maschinenbaustudent haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Jugendlichen einmal wöchentlich spielerisch an Naturphänomene heranzuführen. Sie beteiligen sich an einem großen Hilfsprojekt der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG).

2015 hatte der Physikverein die Idee, spielerischen Unterricht in Flüchtlingsunterkünften zu geben.“ Physik ist ein verbindendes Element“, erklärt Projekt-Koordinatorin Sara Schulz. „Ein Regenbogen ist überall gleich – egal aus welchem Land man kommt.“

CBE führte Projekt im Herbst 2016 ein

Mittlerweile sind viele ehrenamtliche Gruppen in ganz Deutschland aktiv. In der Mülheimer „Schule 2.0“ führte ein Team von Ehrenamtlichen aus dem Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) die Physikstunden im vergangenen Herbst ein.

In großen Boxen haben „die Herren“ die Unterrichtsmaterialien geliefert bekommen und in einem Workshop der Physikalischen Gesellschaft selbst erlernt, wie die Experimente funktionieren. Schon während der Pause haben Hans Günter Schulz, Hans-Gerhard Rumpf und Student Max Schmitz die Materialien im Klassenraum aufgebaut: Für jede Kleingruppe gibt es ein Set mit Stromkabeln, Batterien, Glühlämpchen und Leitern.

Den Unterschied lernen zwischen: der und die Leiter

Jetzt gehen sie zu Beginn der Stunde mit den Schülern an der Tafel die Begriffe durch. Die Batterie, der Leiter. „Richtig. Der Leiter. Es gibt auch die Leiter. Wisst ihr, was das ist?“ Hans-Gerhard Rumpf erklimmt pantomimisch imaginäre Sprossen. „Ahhh.“ Die Klasse hat verstanden.

Was „der Leiter“ ist, das wissen die Kinder längst. Heute sollen sie testen, ob auch Materialien wie Bleistiftminen Strom leiten können. Murteza ist mit Eifer dabei. Die Klasse arbeitet konzentriert. Lehrerin Schene Salih muss kaum eingreifen. Yara, die vor neun Monaten mit ihrer Familie aus Syrien floh, ist so fasziniert, dass sie zu Hause am liebsten gleich weitermacht: „Wenn es geht, zeige ich die Versuche meinen Geschwistern“, sagt die Zwölfjährige. Farblehre mit Hilfe von Wasserfarben etwa, das klappt auch zu Hause.

Murteza zeigt die Experimente auch ihren Geschwistern

Oder Optik: „Ein Wassertropfen aus einem Glas. Und schon hat man eine Lupe! – Mir gefällt, wie einfach die Experimente sind“, sagt Ehrenamtler Hans Günter Schulz. Spielerisch lernen die Schüler Physik- und Alltagsbegriffe. Klassenlehrerin Schene Salih ist stolz auf ihre Schützlinge. Bei dem Unterricht zeige sich, wie wichtig das Experimentieren sei, um schnell Vokabeln zu lernen, sagt sie.

Für Murteza sind „die Herren“ nebenbei längst zum Vorbild geworden. Was er später mal werden will? „Ingenieur – wie Herr Schulz.“

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