Stadtkonzern

Ex-Manager: Stadt Mülheim braucht dringend externe Sanierer

Hans-Gerd Bachmann stand 40 Jahre im Dienst der Stadt, er gründete die Medl.

Hans-Gerd Bachmann stand 40 Jahre im Dienst der Stadt, er gründete die Medl.

Foto: Archiv, Oliver Müller

Mülheim.   Medl-Gründer Hans-Gerd Bachmann sieht in Mülheim einen dramatischen Sanierungsfall. Unqualifiziertes Führungspersonal habe das zu verantworten.

Die Stadt – „ein dramatischer Sanierungsfall“. Ohne professionelle Hilfe von außen werde Mülheim nicht zu retten sein. . . Hans-Gerd-Bachmann, als dessen geistiger Vater lange Jahre Geschäftsführer des Mülheimer Energiedienstleisters Medl, sucht mit seinem Frust bewusst die Öffentlichkeit. Es ist eine schonungslose Abrechnung, auch mit seiner eigenen Partei, der SPD.

Zwei Milliarden Euro Schulden hat die Stadt aufgetürmt, in einem Tempo, das seinesgleichen sucht. „Die Stadt ist in den vergangenen Jahren abgewirtschaftet worden“, sagt Bachmann. Mülheim, eigentlich mit idealen Rahmenbedingungen ausgestattet, stehe nicht am Abgrund, es stehe mittendrin.

Bachmann beklagt fehlende Qualifiaktionen

Insbesondere macht Bachmann einen Mangel an qualifizierten Führungskräften in der Stadtverwaltung für die Misere verantwortlich. Beispielhaft nennt Bachmann die Besetzung der Kämmerei. Weder Uwe Bonan noch aktuell Frank Mendack brächten die nötigen Qualifikationen für Immobilienbewirtschaftung, Aktien und Co. mit, etwa ein betriebswirtschaftliches Studium. Im Immobilienbereich verortet Bachmann so manches in die Rubrik „skandalträchtig“: Feuerwache, VHS, Rathaus-Sanierung, Flüchtlingsunterkünfte, Schwimmbäder. . . In Zeiten des Haushaltsnotstands kämen vom Kämmerer keine konstruktiven Sanierungsvorschläge, „nur Hilferufe an Dritte“.

„Gewählt wurden Menschen mit Verwaltungserfahrung aus den nachgeordneten Hierarchien der Verwaltung; allerdings jahrelang gestählt im Dschungelkampf der Verwaltung“, kritisiert Bachmann, dass der Mangel an Qualifikationen in der mit Vetorecht ausgestatteten Funktion des Kämmerers dazu geführt habe, dass sich die Statik des Stadtkonzerns gefährlich verschoben habe. Durch eine „verfehlte Personalpolitik bei der Auswahl von Führungskräften“, weist Bachmann auch auf die vielen Skandale um Geschäftsführer der Stadttöchter hin, sei die Macht im Stadtkonzern einseitig verschoben zur Beteiligungsholding um deren Chef Hendrik Dönnebrink.

BHM-Chef mit Aufgabenfülle überfordert?

Dieser sei zweifellos als einer der wenigen Führungskräfte qualifiziert, steuere und gestalte inzwischen aber nahezu alle wesentlichen städtischen Prozesse – „gestützt, aber nicht beaufsichtigt“ durch seinen Aufsichtsratsvorsitzenden Claus Schindler (SPD). „Gemeinsam sind sie unantastbar“, spottet Bachmann und macht gleichsam deutlich, dass er die Machtkonzentration für ungesund hält. Dönnebrink sei ein gut ausgebildeter Controller. Durch das Machtvakuum im Stadtkonzern übernehme Dönnebrink „fast zwangsläufig die wesentlichen operativen Aufgaben sowie Investitions- und Personalentscheidungen“. Gleichzeitig sei zu beklagen, dass die Erträge von Beteiligungen sinken – Bachmann stellt infrage, ob Dönnebrink die auf ihn konzentrierte Aufgabenfülle nicht überfordere.

Unfähig zeige sich die Stadt im Sanierungsfall ÖPNV. Die Angebotsqualität sei gesunken, das Defizit gleichzeitig deutlich auf rund 35 Millionen Euro gestiegen. Ursache seien „fehlgeleitete Aufwendungen und unsinnige Ausgaben“, so Bachmann, sicher mit Blick etwa auf die unrentable Investition seinerzeit in den Ruhrtunnel. In den zurückliegenden 25 Jahren habe die Stadt im Nahverkehr circa eine Milliarde Euro fehlinvestiert. Bezeichnend sei, dass gleichzeitig weniger Geld für Fahrpersonal ausgegeben worden sei.

Bachmann: Die Machtstatik ist verschoben

„Wer will uns Glauben machen, dass der Mülheimer Ruhrbahn-Manager ohne fachlichen Hintergrund die Sanierung einleiten kann?“, fragt Bachmnann mit spitzer Zunge Richtung Ex-Kämmerer Bonan, der bei der Ruhrbahn nun Verantwortung trägt.

Kämmerer Mendack sieht Bachmann fachlich nicht in der Lage, den Geschäftsführern der Beteiligungen und Dönnebrink auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Feststellung stehe im krassen Missverhältnis zur Machtstatik im Stadtkonzern, die bei Gründung der Beteiligungsholding erdacht worden sei. Der Kämmerer habe den Geschäftsführer der Holding zu überwachen, zu steuern und das in der Holding nicht installierte Vier-Augen-Prinzip zu ersetzen. All dies sei aktuell nicht gegeben.

Überzeugungsversuche sind gescheitert

Er habe lange den Schritt gescheut, mit seiner schonungslosen Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Bachmann. Versuche, zuvor „überzeugend einzuwirken“, seien aber gescheitert. „Ohne gravierenden Eingriff verheißt der Blick in die Zukunft keine Besserung“, sagt der Medl-Gründer nun.

Er fordert Neubesetzungen von Schlüsselpositionen mit Fachleuten und eine professionelle, externe Begleitung einer Restrukturierung. Einen tauglichen Sanierungsmanager zu finden, sei sicher keine leichte Aufgabe, sagt Bachmann. Mit der OB-Affäre produziere die Stadt schließlich bundesweit negative Schlagzeilen, das sei abschreckend für potenzielle Bewerber.

Bachmann betont, er sei für Gespräche offen. . .

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Auch seine SPD, namentlich deren verkehrspolitischen Sprecher Daniel Mühlenfeld, nimmt der ehemalige Medl-Geschäftsführer Hans-Gerd Bachmann aufs Korn.

Die im Führungsvakuum der Verwaltung ergriffene SPD-Initiative für eine Straßenbahn nach Saarn habe „ohne Not“ bei einigen Bürgern Hoffnungen geweckt, bei anderen, die Enteignungen fürchten mussten, Wut. Letztlich sei das Urteil von Fachleuten eindeutig: „hausgemachter Blödsinn“. Fassungslos zeigt sich Bachmann, dass die SPD-Fraktion den „Unruhestifter“ Mühlenfeld nun auch noch als ÖPNV-Experten bezeichne.

Auch weil Mühlenfeld und die SPD eine 12 Millionen Euro schwere Sanierung des Friedrich-Wennmann-Bades mittragen, fühle er sich „veräppelt“, so Bachmann.

Im Rahmen des Leitbildprozesses hätten Ehrenamtler und Fachleute schließlich ein Konzept für ein neues Bad in Saarn erstellt, das für sieben Millionen Euro, womöglich noch deutlich günstiger, zu haben sei.

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