Stadtentwicklung

Das Baugebiet an der Tinkrathstraße spaltet Heißen

Enge Straßen, kostbares Grün: Auch zu Info-Veranstaltung protestieren Anwohner gegen Bauplanung an der Tinkrathstraße mit 60 Wohneinheiten.

Enge Straßen, kostbares Grün: Auch zu Info-Veranstaltung protestieren Anwohner gegen Bauplanung an der Tinkrathstraße mit 60 Wohneinheiten.

Foto: Oliver Müller

Mülheim.   Bei der Bürgerbeteiligung zum geplanten Baugebiet werfen sich Eigentümer und Anwohner gegenseitig Egoismus vor. Stadt plant 60 Wohneinheiten.

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Zweieinhalb Stunden schwelt der Ärger in den Reihen der Anwohner, die zur rappelvollen Informationsveranstaltung über die mögliche Bebauung an der Velauer Straße in Heißen gekommen sind. Dann platzt der Kragen: „Es gibt hier keine egoistischen Motive, hören Sie auf, die Leute zu beleidigen“, fährt MBI-Sprecher Lothar Reinhardt hoch.

Der angegangene Hermann Schulten-Baumers, Miteigentümer des umstrittenen Areals auf dem möglicherweise 60 Wohneinheiten errichtet werden könnten, kantert zurück: Von Egoismus habe er nicht gesprochen. Doch sein Vorwurf, Mitglieder der gebildeten Bürgerinitiative gegen die Bebauung hätten „keine Ahnung, wie Gutachten zu verstehen sind“ und wollten in Wahrheit „die Leute, die hier hinziehen wollen, nicht haben“, hat die Atmosphäre vergiftet.

Gutachten stehen noch aus

Längst stehen der vermeintliche Egoismus der Anwohner den angeprangerten „Gewinninteressen“ von Grundstücksbesitzern nahezu unversöhnlich gegenüber. Dabei ist die Zukunft des Gebiets zwischen Diepenbeck und Velauer Straße ungewiss. Für das fragliche Areal existiert lediglich ein „Planungsauftrag“ durch die Politik.

Einige notwendige Gutachten zur überlasteten Verkehrssituation vor Ort, zur ebenso problematischen Entwässerung, zu Bergbauschäden und zum Artenschutz sind nicht einmal in Auftrag gegeben. Das stellt Felix Blasch, kommissarischer Amtsleiter in der Stadtplanung, in der langen Abendveranstaltung im Gemeindezentrum der katholischen Kirche Heißen klar.

Stadt muss Wohnungsangebote schaffen

Blasch hat jedoch die schwierige Aufgabe das zerschnittene Tuch zwischen den Bürger- und Grundbesitzerinteressen mit den Aufgaben der Stadtentwicklung zu vernähen: „Die Stadtplanung muss Wohnungsangebote schaffen, sonst gehen die Mietpreise durch die Decke“, agumentiert der Planer. Von bis zu 350 neu zu errichtenden Eigenheimen jährlich geht die Stadt aus. Dabei sollen bevorzugt bestehende Siedlungen ausgebaut werden, statt neuer Flächen.

Dass es eine Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum gibt, verdeutlichen an diesem Abend zwei Mülheimerinnen: „Wir wohnen in Heimaterde und suchen als Familie seit zwei Jahren nach einem Haus.“ Ein Häuschen in Heißen wäre schön. „Gegen 20 Wohneinheiten hätte ich nichts“, sagt ein Anwohner, aber 60?

Zu viel Verkehr in Tinkrath- und Velauer Straße

Doch nicht einmal diese Zahl ist gewiss, sondern nur eine Ausgangslage, betont Blasch, die durch Gutachten, letztlich auch die Politik zu entscheiden ist. Und gerade sie hat sich in den vergangenen 20 Jahren schwer getan mit einer Bebauung genau dieser Fläche (siehe Info-Kasten) - aus vielen Gründen.

Einige Gründe schildern die Anwohner aus ihrer täglichen Erfahrung: Zu viel Verkehr fließe durch die zu enge Tinkrath und Velauer Straße. Nachts könne man vor Autolärm kaum die Fenster offen lassen. Keller laufen bei Starkregen voll, weil die Abwasserkanäle jetzt schon zu klein seien. Wie soll das werden, wenn weitere 60 Wohnungen mit wohl 120 Autos das Viertel belasten? Kritische Stimmen gibt es aber auch unter den Anwohnern: „Warum muss jeder zwei Autos haben, warum wurde der ÖPNV nicht genutzt, so dass man Linien eingestellt hat? Wir sind auch selbst schuld am Verkehr.“

Auch die Politik zeigt sich gespalten

Das ursprüngliche Bauvorhaben 1992 mit 160 Wohneinheiten wurde fallen gelassen, 2002 lehnte die Politik den Bau von 110 Einheiten sogar ab.

Auch die nun zur Debatte stehenden 60 sind politisch umstritten: In der Planungsausschusssitzung votierten Grüne, MBI, BAMH, Linke und MH 5 vor 12 gegen die Einleitung des Plans. Selbst die Befürworter aus SPD, CDU und FDP äußerten im Planungsausschuss ihre Vorbehalte.

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