Bresüthe und Renette: Alte Sorten neu entdeckt

Der Apfel ist des Deutschen liebstes Obst: Im Schnitt verzehrt jeder von uns 20 Kilo Äpfel pro Jahr. Dementsprechend bietet auch der kleinste Supermarkt gleich mehrere Sorten an. Zu den Verkaufsschlagern gehören etwa Braeburn, Golden Delicious, Jonagold, Elstar oder Gala.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Der Apfel ist des Deutschen liebstes Obst: Im Schnitt verzehrt jeder von uns 20 Kilo Äpfel pro Jahr. Dementsprechend bietet auch der kleinste Supermarkt gleich mehrere Sorten an. Zu den Verkaufsschlagern gehören etwa Braeburn, Golden Delicious, Jonagold, Elstar oder Gala.

Viele moderne Sorten habeneinen ähnlichen Stammbaum

Doch die vermeintliche Vielfalt täuscht. Geschmacklich sind Gala und Co. gar nicht so weit voneinander entfernt. Denn: „Nahezu sämtliche Sorten der letzten 90 Jahre weltweit gehen auf fünf bis sechs Stammsorten zurück“, sagt Hans-Joachim Bannier. Als Pomologe ist er nicht nur Fachmann für Obstbaukunde – er gilt auch als führender Experte für „alte Apfelsorten“. Eine genaue Definition dieses Begriffs gebe es zwar nicht, erklärt Bannier – im Allgemeinen verstehe man darunter aber Sorten, die nicht Ergebnis aufwendiger Züchtungsprogramme sind, sondern mehr oder weniger zufällig durch das Keimen von Apfelsamen entstanden sind.

Der knackige, saftig-süße Golden Delicious gehört eigentlich zu den alten Sorten. Bis zur Entwicklung chemischer Spritzmittel habe man ihn jedoch kaum angebaut, so Bannier – er war einfach zu empfindlich. Dann aber legte er eine steile Karriere hin, wurde zu einem der „Urväter“ moderner Apfelsorten. In deren Stammbäumen taucht er teilweise gleich mehrfach auf.

Während einige wenige Sorten also vor vielen Jahrzehnten als massentauglich identifiziert und in der Folge entsprechend intensiv angebaut wurden, verloren andere an Bedeutung und gerieten in Vergessenheit. Oder haben Sie schon einmal Horneburger Pfannkuchenapfel, Rheinischen Bohnapfel, Doppelten Härtling oder Dülmener Rose eingekauft?

Anders als die heutigen Supermarktäpfel, die hauptsächlich für den Frischverzehr produziert werden, eigneten sich viele dieser alten Sorten besonders für einen bestimmten Verwendungszweck, wie Bannier erklärt: „Einige wurden ausschließlich oder überwiegend als Kuchen- oder Backapfel verwendet und mussten säuerlich sein, je nach Verwendungszweck fest bleibend – beim Kochen – oder zerfallend. Meist sollten sie nach dem Zerkleinern nicht zu sehr bräunen. Andere wurden vor allem zum Mosten verwendet – sie sollten also Säure und Süße und etwas Aroma enthalten. Wieder andere wurden, speziell im Rheinland, ausschließlich für das einst beliebte Apfelkraut genutzt – sie sollten nur süß sein und keine Säure enthalten.“

So ist zum Beispiel der Rheinische Bohnapfel ein typischer Mostapfel; die Bresüthe eignet sich zum Krautkochen, der Boikenapfel zum Backen. Der Schöne aus Burscheid hingegen oder der Freiherr von Berlepsch sind Tafelapfel. Die Liste ließe sich noch eine Weile fortführen – vor etwa 100 Jahren gab es allein in Deutschland noch über 1000 in der Literatur dokumentierte Apfelsorten.

Studie untersuchtVerträglichkeit für Allergiker

Wie Hans-Joachim Bannier ist auch der Mülheimer Baumpfleger Johannes Schmitz ein Freund der alten Sorten. Er hat sich zum Baumwart weiterbilden lassen, also zum Experten für Obstgehölze. „Ich habe das Gefühl, dass die alten Sorten langsam wieder populärer werden“, sagt Schmitz.

Das passt zum Zeitgeist: Viele Menschen interessieren sich plötzlich dafür, woher eigentlich die Lebensmittel kommen, die sie auf den Tisch bringen – ob sie „bio“ und „fair gehandelt“ sind, aus der Region stammen. Und sie liebäugeln mit dem eigenen Gemüsebeet oder dem Obstbaum im Garten, mieten sich eine Parzelle im Kleingarten oder ordern wenigstens eine Gemüsekiste beim lokalen Landwirt. Auch alte Gemüsesorten werden immer beliebter, und sogar Sterneköche haben Brennnesseln und Löwenzahn wiederentdeckt.

Doch ganz ungeachtet aller Trends und Philosophien – die alten Apfelsorten können offenbar mit einer kuriosen Eigenschaft punkten: Viele Apfelallergiker vertragen sie nämlich erstaunlich gut. So gut, dass Experten der Berliner Uniklinik Charité dem Thema in einer Studie nachgehen. Ergebnisse dazu werden noch in diesem Jahr erwartet.

Johannes Schmitz ist jetzt schon davon überzeugt, dass die alten Sorten allergikerfreundlich sind. Denn konnte er früher seinem Appetit auf Äpfel nur ein- bis zweimal im Jahr nachgeben – der Juckreiz in Mund und Rachen war einfach zu unangenehm – genießt er die alte Sorte Gravensteiner bedenkenlos. „Der erste Apfel, den ich ohne allergische Reaktion essen konnte.“ Allerdings, so schränkt Schmitz ein, müsse das natürlich nicht pauschal für alle Allergiker gelten. „Jeder sollte für sich selbst feststellen, ob er eine der alten Sorten gut verträgt.

Und allen anderen empfiehlt er sie sowieso – als kulinarische Bereicherung.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben