Prävention

Polizei ist stolz auf ihr Erfolgsmodell „Kurve kriegen“

Bettina Hartmann und Akin Sat betreuen bei der Polizei das Projekt „Kurve kriegen“.

Bettina Hartmann und Akin Sat betreuen bei der Polizei das Projekt „Kurve kriegen“.

Foto: Joachim Kleine-Büning / Funke Foto Services GmbH

Gelsenkirchen.  Bei „Kurve kriegen“ versuchen Polizei und Pädagogen Gelsenkirchener Jugendliche von einer kriminellen Laufbahn abzubringen. Mit Erfolg.

Sie sind jung und haben schon etliche kriminelle Taten hinter sich. Die Initiative „Kurve kriegen“, die es in Gelsenkirchen seit Anfang 2016 gibt, will solche Jugendlichen stoppen, sie auf einen geraden Weg bringen, damit sie keine Intensivtäter werden. „Aber Kurve kriegen ist kein Selbstbedienungsladen, es gibt bei uns klare Regeln“, betont Kriminalhauptkommissarin Bettina Hartmann. Das habe dazu geführt, dass von den 40 Jugendlichen, die in den zweieinhalb Jahren die Initiative in Anspruch genommen haben, über 90 Prozent nicht mehr rückfällig geworden sind. „Das können wir deshalb so genau sagen, weil wir tagesaktuell gucken, wer wieder auffällig geworden ist. Wir führen genaue Statistik darüber“, betont Bettina Hartmann. „Das Programm ist ein Erfolgsmodell.“

Die Zielgruppe sind Jugendliche im Alter von acht bis 17 Jahren, die mit mindestens einer Gewalttat oder drei Eigentumsdelikten polizeilich in Erscheinung getreten sind. Von den insgesamt 47 Polizeibehörden in NRW machen mittlerweile 23 bei dieser Initiative mit. Wichtig ist, dass es für die Jugendlichen freiwillig und kostenlos ist. „Wir kennen alle unsere Pappenheimer“, sagt die Kommissarin. Vier Personen bemühen sich um die Jugendlichen, zwei Polizisten und zwei Pädagogen. Zum Beispiel Akin Sat, der seit acht Monaten in Gelsenkirchen mit den Kindern und Jugendlichen arbeitet.

Das Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe

„Es geht immer darum, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Ich sage immer, wir kochen zusammen die Suppe, damit ihr euch nachher selbst ernähren könnt“, erklärt der Pädagoge. Die Jugendlichen und deren Eltern sollen überzeugt werden, dass es eine große Hilfe und Chance ist, wann man in das Programm aufgenommen werde. Überredet werde niemand. Bei jedem straffällig gewordenen Jugendlichen wird zunächst einmal analysiert, worin die Gründe liegen, dass er auf die schiefe Bahn geraten ist. Die Fachleute müssen die Ursachen kennen, um ansetzen zu können. Natürlich gebe es immer mal wieder Rückschläge, Jugendliche, bei denen sich das kriminelle Handeln schon so weit verfestigt habe, dass sie nicht mehr „eingefangen“ werden könnten. Dann bleibe eben doch nur der Jugendarrest.

„Wir sind nicht die Kumpel der Jugendlichen, wir sind nicht die Freunde und nicht die Eltern“, sagt Bettina Hartmann. „Aber wir sind verlässlich und verschwiegen.“ Den Kindern und Jugendlichen Strukturen beizubringen, sei absolut wichtig. „Sie müssen lernen, Termine einzuhalten, sie müssen auch lernen, dass man als Mensch wichtig und wertvoll ist, gerade, wenn man sich nicht mit kriminellen Taten brüstet“, erklärt Akin Sat. Viele hätten überhaupt kein Selbstwertgefühl und kein Selbstbewusstsein. Gerade deshalb machten sie sich vor anderen mit Straftaten wichtig.

Eltern und Geschwister werden mit einbezogen

Die Initiative beruht darauf, dass die Jugendlichen tatsächlich sehr individuell betreut werden - Eltern und Geschwister immer einbezogen. „Oft sind die Eltern mit der Erziehung völlig überfordert. Wenn zum Beispiel Erziehung immer nur mit Gewalt abläuft, müssen wir zuerst den Eltern beibringen, dass man das anders machen kann“, sagt Sat. Ungefähr zehn Teilnehmer sind in dem Programm, in dem sie längstens zwei Jahre bleiben können. Für manche ist ein Anti-Aggressionstraining die richtige Strategie auf dem Weg in ein nicht kriminelles Leben. Andere brauchen Nachhilfe, weil sie in der Schule nicht klar kommen. Auch das vermitteln die Ansprechpartner von „Kurve kriegen“. Wieder andere kommen in einem Sportverein auf den richtigen Weg. „Wenn bei Jugendlichen rassistische Einstellungen festgestellt werden, besuchen wir auch schon mal eine Synagoge, den Kölner Dom und zum Schluss eine Moschee und reden über Religion“, sagt Sat.

„Wir sagen aber immer, dass sich die Jugendlichen erst einmal selbst kümmern sollen und herausfinden, woran sie Interesse haben“, erklärt Bettina Hartmann. Das Präventionsteam erlebe in der Regel Dankbarkeit der Eltern und auch der Kinder und Jugendlichen. Mit einigen habe sie vor dem Beginn der Cranger Kirmes das Jugendschutzgesetz gelesen und deutlich gemacht, dass darin klare Regeln stehen. „Wir haben dann abgemacht, wann sie von der Kirmes wieder zu Hause sein müssen“, erklärt die Kriminalhauptkommissarin. „Das hat geklappt“, sagt sie stolz. Und das schönste Kompliment ist, dass mittlerweile Jugendliche fragen, ob sie in das Programm aufgenommen werden können. „Das ist für sie eine Ehre“, strahlt Bettina Hartmann.

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