Antisemitismus

Junge (10) in Gelsenkirchen als „schwuler Jude“ beschimpft

Rabbiner Chaim Kornblum beim Tag der offenen Tür in der Synagoge mit der alten Thora.

Rabbiner Chaim Kornblum beim Tag der offenen Tür in der Synagoge mit der alten Thora.

Foto: Foto: Martin Möller / FFS

Gelsenkirchen.  In Gelsenkirchen wurde ein Zehnjähriger auf dem Schulhof eines Gymnasiums als „fetter, schwuler Jude“ beschimpft. Und das ist keine Ausnahme.

„Du fetter, schwuler Jude“ – wenn das ein Elfjähriger zu einem Zehnjährigen sagt, ist das nicht irgendein blöder Spruch. Sondern eine Beschimpfung, die von einigen Vorurteilen und sehr viel Unwissen zeugt. Am Schalker Gymnasium ist ein Fünftklässler genau so beschimpft worden – ohne jede Konsequenz für den Schmähenden bisher, obwohl der Vorfall einer Lehrerin gemeldet wurde – klagt der Vater des gedemütigten Jungen. Er hat deshalb eine Dienstaufsichtsbeschwerde angestrengt.

Beschimpfungen auf Schulhöfen sind keine Ausnahme

Antisemitische und diskriminierende Beschimpfungen auf Schulhöfen sind mittlerweile alles andere als eine Ausnahme, an allen Schulformen und an sehr vielen Schulen. Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde und ständige Botschafterin eines freundlichen Miteinander weiß das genauer als ihr lieb ist. Immer wieder berichten Jugendliche aus ihrer Gemeinde über ähnliche Vorfälle, muss sie Angriffe auf die Synagoge erleben.

Land empfiehlt Meldung bei Polizei und Schulaufsicht

Das NRW-Bildungsministerium hat 2018 eine Rundmail zum Thema antisemitische Übergriffe an alle Schulen geschickt. Darin heißt es: „Antisemitische Straftaten sind bei der Polizei anzuzeigen. Dies gilt nicht nur für körperliche Angriffe. Antisemitische Äußerungen erfüllen in vielen Fällen den Straftatbestand der Volksverhetzung, der Nötigung oder der Beleidigung. Bitte beziehen Sie bei der Meldung entsprechender Vorfälle auch die jeweils zuständige Schulaufsicht mit ein.“ Um es klar zu sagen: Das ist nicht, was der Vater des betroffenen Jungen sich gewünscht hätte und auch Judith Neuwald-Tasbach hält das nicht in allen Fällen für angemessen. Aber es müsse eine offizielle Reaktion geben, Aufklärung in die Wege geleitet werden, so ihre einhellige Meinung.

Politische Bildung zu demokratischem Handeln wichtig

Auch Bildungsdezernentin Annette Berg ist überzeugt, dass reagiert werden muss. „Antisemitische Äußerungen an Schulen sind absolut nicht zu tolerieren und in jedem Falle durch die Schulleitung zu ahnden. Dem Schüler/der Schülerin gegenüber sind durch die Schulleitung die Folgen als auch die Bedeutung solcher Äußerungen zu verdeutlichen und mögliche Konsequenzen aufzuzeigen. Unter Umständen sollten die Eltern hinzugezogen werden. Antisemitische Äußerungen sollten immer dazu führen, das Thema Holocaust im Unterricht oder in Projekten aufzubereiten, zur Auseinandersetzung mit dem Thema anzuregen und so politische Bildung zu demokratischem Denken und Handeln sicherzustellen.“

Mehr Wissen über praktisches Leben und Alltag nötig

Die Dienstaufsichtsbeschwerde habe er nur gestellt wegen der Nicht-Reaktion der Schule, erklärt der Vater. Die Lehrerin hatte den Vorfall offenbar nicht weitergemeldet, soll kurz darauf erkrankt ausgefallen sein, ohne die Schulleitung informiert zu haben. Die Mail mit der Nachfrage des Vaters, was unternommen worden sei zur Aufarbeitung, habe er – so der Schulleiter Wilhelm Derichs – zu spät gesehen, weil das Sekretariat mehrere Tage nicht besetzt war. Er selbst möchte sich auf WAZ-Nachfrage nicht zu dem Vorfall und dem Umgang damit – den er sehr bedauere – nicht weitergehend äußern. Die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung in Münster prüft, will aber nur mit der Schulleitung sprechen.

Mittlerweile gab es auch ein Gespräch in der Schule, bei dem es um die Gründung eines Arbeitskreises gegangen sei. „Aber ich würde mir wünschen, dass mehr praktisches Wissen über jüdisches Leben vermittelt wird, um Vorurteile abzubauen. Berichte über die Gräuel des Holocaust allein greifen nicht. Ich fände es gut, wenn man Angebote wie „Rent a Jew“ nutzen würde. Das ist näher an der Welt der Jugendlichen, hat mehr Alltagsbezug, “ so der Vater. „Rent a Jew“ ist ein Projekt der europäischen Janusz Korczak Akademie, über die Juden aller Alters- gruppen „gemietet“ werden können, um so mit gegenseitigen Fragen mehr übereinander zu lernen.

Zeigen, wozu Menschen fähig sind

Judith Neuwald-Tasbach indes hält es weiterhin für unverzichtbar, an die Gräuel des Holocaust zu erinnern; idealerweise an Gedenkstätten, wo die Grausamkeit konkreter fühlbar werde für Jugendliche als durch Zahlen im Geschichtsunterricht. Das erlebe sie immer wieder im Gespräch mit Jugendlichen, die etwa in Auschwitz waren. „Es ist wichtig, Jugendlichen zu zeigen, wozu Menschen fähig sind und wie wichtig das Miteinander ist.“

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