Homophobie

Homo- und Transsexuelle leben in Gelsenkirchen in Angst

Händchen halten in der Öffentlichkeit: Das trauen sich in Gelsenkirchen nur wenige gleichgeschlechtliche Paare. Zu groß ist die Angst, angefeindet zu werden

Händchen halten in der Öffentlichkeit: Das trauen sich in Gelsenkirchen nur wenige gleichgeschlechtliche Paare. Zu groß ist die Angst, angefeindet zu werden

Foto: arifoto UG

Gelsenkirchen.   Junge Homosexuelle erwartet in Gelsenkirchen ein wahrer Spießrutenlauf. Jugendliche erzählen von ihren erschreckenden Erlebnissen.

Wer in Gelsenkirchen als Homo- oder Transsexueller auf der Straße unterwegs ist, hat es nicht leicht. Getuschel, Beleidigungen und sogar körperliche Gewalt sind Alltag. In kaum einer anderen Stadt reagierten so viele Menschen intolerant, abwertend und grenzüberschreitend, wenn zwei Menschen des selben Geschlechts in der Öffentlichkeit Händchen halten, berichten Betroffene. Eine schwierige Situation, besonders für junge Menschen.

„In den Schulen ist kaum jemand öffentlich schwul“, sagt Pascal Rieck. Der 22-Jährige ist in Gelsenkirchen aufgewachsen und hat das Grillo Gymnasium besucht. Dass er auf Männer steht, hat er mit 15 gemerkt. Sein Outing folgte mit 17. In der Schule, das betont er, sei er zwar nie offen angefeindet worden. Trotzdem trauten viele Jugendliche sich aus Angst vor Mobbing nicht, zu ihrer Homosexualität zu stehen.

Schulen blocken Anfragen ab

An den Schulen scheint man tatsächlich nicht gerne über das Thema zu sprechen. Mehrere WAZ-Anfragen bezüglich des Umgangs mit dem sensiblen Sujet wurden ignoriert oder abgeblockt. „Kein Interesse“, hieß es. Maike Selter-Beer, Direktorin der Gesamtschule Berger Feld, plädiert indes für einen offenen Umgang mit dem Tabuthema. „Überall, wo Menschen zusammenkommen, ist das ein Thema“, sagt sie.

Dass es früher auch an ihrer Schule Probleme gegeben hätte, will sie nicht leugnen. Seit sie das Zepter dort vor gut zwei Jahren übernommen habe, sei aber kein Fall bekannt geworden. Auch Jürgen Hoffmann von der Gesamtschule Ückendorf spricht Konflikte aus der Vergangenheit an. „Manche Schüler konnten nicht gut damit umgehen.“ Beide Schulleiter wollen Jugendliche aber ermutigen, sich im Zweifel an Klassen- oder Vertrauenslehrer zu wenden. „Wir versuchen, zu unterstützen, wo es nur möglich ist“, verspricht Selter-Beer.

Im Unterricht wird Homosexualität nicht thematisiert

Dabei sollte die Initiative, über das Thema zu sprechen, eigentlich von Lehrerseite aus kommen, findet Rieck. „Wir haben nie im Unterricht über Homosexualität gesprochen“, erinnert er sich. „Wenigstens zu sagen, dass es das gibt, das wäre nett gewesen.“ Denn für junge Menschen sei es ohnehin schon schwer: „Identitätsfindung ist kein leichtes Thema. Wenn man dann noch merkt, dass man vielleicht schwul oder lesbisch ist, wird es nicht leichter.“

Auf Nachfrage fällt den Schulleitern dann doch ein Beispiel dafür ein, wie ein offener Diskurs im Schulkontext aussehen kann. Selter-Beer berichtet von einer jungen Frau mit dem Wunsch nach einem männlichen Körper. Der Jugendliche habe sowohl vor der Lehrerkonferenz als auch in den Klassen über die richtige Anrede referiert. „Ich habe den Prozess als große Bereicherung empfunden“, sagt Selter-Beer.

Viele Jugendliche trauen sich nicht, sich zu outen

Doch nicht jedem Homo- oder Transsexuellen fällt es so leicht, über seine Sexualität zu sprechen. Unsicherheit und die Angst vor negativer Resonanz sind Gründe, aus denen Jugendliche sich nicht öffentlich outen. „Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann ich nicht sagen“, gibt Hoffmann zu. Das, so Rieck, beschränke sich nicht nur auf die Schule. Mit Anfeindungen würden sie auf der Straße immer wieder konfrontiert.

„Ich wurde beleidigt, weil mein Freund und ich Händchen gehalten haben“, erzählt er. Etwas, das ihm bis heute passiere: „Wenn ich in Gelsenkirchen am Hauptbahnhof bin, fühle ich mich unwohl.“ Mittlerweile wohnt er zwar in Essen, besucht seine Eltern aber regelmäßig in seiner Heimatstadt.

Überfallen auf dem Rückweg vom Treffpunkt

Die Entscheidung umzuziehen habe er auch getroffen, weil die Freizeitmöglichkeiten vor Ort minimal seien. „Hier gibt es nur das ‘Together’“, sagt er. Der Treffpunkt ist für junge Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle der einzige Zufluchtsort in der Stadt, wo sie unter sich sein und sich austauchen können. In den Nachbarstädten dagegen, so Rieck, gebe es eine richtige Szene.

Auf dem Heimweg vom Together erlebte die Transsexuelle Michelle Klockhaus erst vor wenigen Tagen Gewalt. Jugendliche griffen sie mit einem Feuerlöscher an und beleidigten sie. „Es ist morgens immer ein Problem gewesen, zur Schule zu gehen“, erinnert sie sich. Nun hat sie Angst, das Haus ohne Begleitung zu verlassen.

„Mordgedanken an der eigenen Familie“

Wie viel Nachholbedarf im Bereich Aufklärung es wirklich gibt, weiß Waldemar Ginter. Er arbeitet für das Together, den Treffpunkt für homo-, trans- und bisexuelle Jugendliche. Außerdem gibt er Sexualkundeunterricht an Schulen. „Das Thema ist in der Stadt sehr schwer zu behandeln“, sagt er. Bei vielen Klassen stoße er auf Ablehnung, wenn er mit ihnen über Homo- oder Transsexualität sprechen möchte. „Manchmal ist es unmöglich, Zugang zu finden.“

Das nehme in einigen Fällen ex­treme Formen an, ginge „bis zu Mordgedanken an der eigenen Familie“. Die Idee, Geschwister wegen ihrer Sexualität zu verstoßen sei nahezu verbreitet unter Schülern. Besonders intolerant zeigten sich Kinder aus bildungsfernen Familien, hat Ginter beobachtet. „Man verschließt sich regelrecht vor Aufklärung.“

Gesellschaftliche Ablehnung, unter der andere leiden müssen. „Für viele reicht es schon, wenn sie auf der Straße total schräg angesehen werden, als wären sie Aliens“, erklärt der Jugendarbeiter. Das passiere gerade Transsexuellen regelmäßig und treffe sie tief. „Das ist fast genau so, als würde man auf sie einschlagen.“

Angst vor Übergriffen allgegenwärtig

Denn sich zu outen sei ohnehin schwer genug. Die Angst, deswegen verurteilt zu werden, allgegenwärtig. „Jugendliche fühlen sich oft erst wohl, wenn sie hier bei uns in der Einrichtung sind“, erzählt Ginter. Bei den Treffen sind sie unter Gleichgesinnten und können sich offen austauschen. „Bevor es an den Heimweg geht, kommt oft die Frage auf: ,Werde ich vielleicht auf dem Weg zum Bahnhof verprügelt?’“

Die drei bis vier Schulstunden, die Ginter und seine Kollegen Zeit haben, Fragen zu beantworten und mit Vorurteilen aufzuräumen, seien einfach zu wenig. „Wir brauchen mehr Stunden!“ fordert er. Denn damit sich die Situation in der Stadt auf Dauer verbessern könne, helfe nur Aufklärung, ist sich Ginter sicher. Dazu müssten möglichst viele angesprochen werden: „Wenn man die Eltern mit erreichen würde, sehe ich eine Chance für gesellschaftlichen Umschwung.“

Schwerstbehindert nach homophobem Überfall

Der 10. Februar 2012 wurde für den damals 22-jährigen Dennis Reske zum Schicksalstag. Wegen seiner Homosexualität war der junge Mann aus Horst oft angefeindet und beleidigt worden. An jenem Freitag blieb es nicht nur bei verbalen Angriffen. Zwei Jugendliche schlugen Dennis Reske auf der Industriestraße von hinten nieder, nachdem so zuvor auffällig getuschelt hatten. Seitdem ist er schwerstbehindert, bekommt häufig Krampfanfälle.

Sein Ehemann Sven Reske pflegt ihn liebevoll. Mittlerweile wohnen die beiden im Münsterland. An Gelsenkirchen haben sie nur schlechte Erinnerungen. „Die Situation da ist total mies, weil viel zu wenig Aufklärung betrieben wird“, sagt Sven Reske der WAZ. Er wünscht sich, dass Stadtbeauftragte und Schulen Homosexualität offen thematisieren. Denn schließlich unterscheide homosexuelle Paare nichts von heterosexuellen. „Nur der Sex ist anders und darüber spricht man sowieso nicht.“

Mit derartiger Homophobie seien die beiden nur in Gelsenkirchen konfrontiert worden. „Anderswo ist es viel toleranter“, sagt Sven Reske.

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