Sommergespräch

Film über die Elternschule in Buer soll ins Kino kommen

Das Filmteam hat auch Vorträge des Kinder- und Jugendpsychologen Dietmar Langer vor den Eltern der Patienten dokumentiert.

Das Filmteam hat auch Vorträge des Kinder- und Jugendpsychologen Dietmar Langer vor den Eltern der Patienten dokumentiert.

Foto: Foto: if… Productions

Gelsenkirchen-Buer.   Dietmar Langer hat an der Kinder- und Jugendklinik am Bergmannsheil Buer die Elternschule begründet. Ein Kinofilm dokumentiert nun seine Arbeit.

Dietmar Langer ist Diplom-Psychologe und leitender Therapeut an der Kinder- und Jugendklinik am Bergmannsheil. Mit seinem Konzept der „Elternschule“ auf der Grundlage liebevoll konsequenter Erziehung ist er ein gefragter Referent im ganzen Land.

Herr Langer, Sie arbeiten schon sehr lange nach dem Konzept der Elternschule. Ein Filmteam hat ihre Arbeit mehr als ein Jahr lang begleitet. Bildet der Film ihre komplexe Arbeit nachvollziehbar ab?

Ja, ich denke schon. Der Film zeigt sehr gut, wie die Kinder und auch die Eltern sich unter der Therapie verändern. Das Team hat immer eine Patientengruppe über den kompletten Aufenthalt begleitet und erneut bei den Kontrollen nach einem halben und einem Jahr, bei denen wir prüfen, wie das Programm angeschlagen hat, wie es Zuhause funktioniert. Man sieht im Film, wie ein Kind, das sich wegen einer schweren Neurodermitis kaum bewegen konnte, am Ende sehr mobil, ja so gut wie symptomfrei ist. Auch die Eltern haben sich verändert. Wenn ich ein Kind habe, dass nicht isst und nicht schläft, dann schlafe ich ja selbst auch nicht und bin entsprechend angespannt. Nach der Therapie haben sich die Gesichter verändert und die Körperhaltung. Sie sind entspannter. Und das zeigt der Film – ohne jeden Kommentar.

Das heißt, es wird nichts erklärt?

Genau. Am Anfang entstehen da natürlich Fragen. Es braucht ein wenig Geduld zu Beginn. Aber im Laufe des Films kommen die Antworten von allein, auch ohne erklärenden Kommentar. Es sind die gleichen Fragen, die sich auch die Eltern am Anfang der Therapie stellen. Am Ende der Therapie und des Films sieht das anders aus, da versteht man das, was in der Therapie geschieht und wie es funktioniert. Diesen Prozess erlebt man als Zuschauer mit. Dabei wurden auch die Vorträge mitgefilmt, in denen den Patienten und Eltern erklärt wird, wie die Therapie aufgebaut ist.

Ist es ein Film, den auch Laien verstehen?

Ja, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Er wird auch in einer etwas verkürzten Version im nächsten Jahr in den dritten Programmen und auf Arte zu sehen sein.

War es schwer, die Eltern davon zu überzeugen, sich filmen zu lassen?

Wir haben alles lange und gut vorbereitet, die Eltern rechtzeitig und ausführlich informiert. Das Film-Team ist sehr einfühlsam und gezielt vorgegangen und hat zu persönliche Dinge nicht aufgenommen. Es wird kein Teilnehmer vor dem Zuschauer psychisch ausgezogen.

Was für Störungen hatten die gefilmten Patienten?

Es waren meist noch sehr junge Patienten, Neurodermitis, Schlafstörungen, Schreikinder, Fütterungsstörungen – das ist die komplizierteste Therapie. Kinder, die unstillbar schreien, die die Nahrungsaufnahme verweigern: diese Kinder sind ja ernsthaft gefährdet. Wir müssen sie erst einmal aufpäppeln, bevor wir mit der Therapie beginnen können. Das dauert lange. Wir haben zwar auch eine Schreiambulanz, aber es gibt einfach Fälle, die ambulant nicht behandelbar sind.

Ihre Elternschule arbeitet grundsätzlich mit den Eltern gemeinsam, Verhaltenstherapie ist dabei wesentlich. Wie kann es sein, dass ein Kind mit einem Jahr schon Verhaltensstörungen zeigt?

Manchmal kommt es zu Anpassungskrisen im Säuglingsalter, die in die Erkrankung hineinführen. Bei Regulationsstörungen spielt Stress oft eine große Rolle. Rituale und feste Rhythmen beugen dagegen vor, senken den Stress. Das geht uns selbst ja nicht anders. Was nicht vorhersehbar ist, macht uns mehr Stress.

Heißt das, die Eltern sind Schuld?

Nein. Wir benötigen die Eltern als Co-Therapeuten. Sie wollen ja auch wissen: Was kann ich tun, um meinem Kind zu helfen, da raus zu kommen. Ein Schreikind kann zum Beispiel auch durch Stress in der Schwangerschaft aus dem Rhythmus geraten sein. Manchmal baut sich dieser Stress nach der Geburt nicht ab. Die Eltern machen sich dann Sorgen und wenn man sich Sorgen macht, gerät man selbst unter Stress. Man kann schnell in eine solche Falle geraten, hat kaum eine Chance, dem zu entkommen. Das hat mit Schuld nichts zu tun.

Was ist das Wichtigste für Kinder?

Ein Kind ist von Anfang an auf persönliche Bindung und Verlässlichkeit angewiesen. Es braucht eine Orientierung. Wenn die Vorhersagbarkeit fehlt, gerät ein Kind unter Stress. Es gibt Mythen, ein kleines Kind könne man nicht verwöhnen. Das stimmt so nicht, denn es würde ja bedeuten, dass ein kleines Kind nichts lernt. Es geht vielmehr von Anfang an darum, daraufhin zu arbeiten, dass sich Rhythmen und Rituale entwickeln. Wenn wir liebevoll konsequent erziehen, fahren wir das Stressmaß herunter.

Psychosomatische Erkrankungen bei Kindern nehmen offenbar zu. Wie kommt es dazu?

Der Alltagsstress hat zugenommen, auch für Kinder. Kinder reagieren auch auf das Stressmass ihrer Umgebung. Wenn Schulkinder Konzentrationsstörungen oder immer wieder Bauchschmerzen haben, stehen die Probleme oft mit früheren Regulationsstörungen in Zusammenhang.

Warum nehmen Anpassungsstörungen zu? Hat das etwas mit den vielen Ein-Kind-Familien zu tun?

Da spielen sicher viele persönliche und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Grundsätzlich ist ein Kind mit der absoluten Mittelpunktposition überfordert. Bei Einzelkindern kann der Fokus der Eltern manchmal zu sehr auf diesem einen Kind liegen. Manche Kinder entwickeln dann Perfektionismusbestrebungen und können schlecht mit Frustration umgehen, insbesondere, wenn Eltern geradezu dem Kind dienen, das Kind zum Bestimmer in der Familie wird. Dies kann dann später in der Schule zu Problemen führen, wie Angst vor Misserfolg, psychosomatischen Beschwerden oder Machtkämpfen mit dem Lehrer. Kinder können nicht wie Erwachsene vorausschauend für sich entscheiden, sie dürfen sich auch mal über Entscheidungen der „blöden“ Eltern beschweren. Wir als Eltern stehen in der Verantwortung, unseren Kindern eine Orientierung zu geben. Wer immer nur fragt und fragt, verliert selbst an Führung - und das Kind an Orientierung. Die Folge ist auf beiden Seiten Stress.

Über Verlässlichkeit baut sich Bindung auf

Was ist denn das Wichtigste in der Erziehung von Anfang an?

Verlässlichkeit. Ein Kind muss von Anfang an erfahren, dass Vater oder Mutter zuverlässig sind, im „Ja“ wie im „Nein“. Darüber baut sich Bindung auf und darüber entwickelt ein Kind sein Verhalten. Ob Quengeln zu einer Erfolgsstrategie des Kindes wird oder nicht, hat mit unserer Reaktion darauf zu tun.

Wäre es hilfreich, wenn eine Elternschule für alle werdenden Eltern verpflichtend wäre?

Ich halte nichts von Zwang. Eltern, die nur im Kurs sitzen, um Sanktionen zu vermeiden, profitieren davon nicht. Es wäre wichtig, das gesellschaftliche Bewusstsein für die Grundlagen guter Erziehung zu schärfen, für liebevoll konsequentes Erziehen. Es müsste jedem bewusst sein, dass es zum guten Ton gehört, sich darauf vorzubereiten, wie es bei der Geburtsvorbereitung längst der Fall ist, da gehen Eltern ganz selbstverständlich hin. Das muss von den Meinungsmachern vertreten werden.

Gibt es ein Buch zur Elternschule?

Ich schreibe daran. Ganz intensiv. Ich hoffe, 2019 ist es soweit.

Sie haben selbst zwei Kinder. Waren Sie immer konsequent?

Natürlich haben unsere Kinder mich auch mal ausgetrickst, ab und zu ist ok, Kinder testen halt. Deshalb ist es das Wichtigste, neben festen Regeln, den Humor nicht zu verlieren.

Welche ambulanten Hilfsangebote gibt es für Eltern von Kindern mit Regulationsstörungen?

Neben unserer Schreiambulanz gibt es auch sehr aktive Selbsthilfegruppen von Eltern. Die kommunizieren auf verschiedensten Wegen, auch Whatsapp- oder Chats, weil unsere Patienten ja aus der ganzen Republik kommen. Die unterstützen sich gegenseitig sehr.

Eine Frage jenseits der Elternschule: Ist es richtig, Schüler mit besonderem Förderbedarf, vor allem in der emotional-sozialen Entwicklung, an Regelschulen lernen zu lassen?

Das hängt vom Einzelfall ab. Generell wäre es gut, wenn es beide Möglichkeiten gäbe: Schwerpunkt-Regelschulen mit entsprechenden Fachkräften und Förderschulen, so kann man dem einzelnen Kind besser gerecht werden. Wenn wir jetzt die Förderschulen auflösen, geht soviel Kompetenz verloren.

Wann können wir den Film sehen?

Er kommt im Herbst in die Kinos, voraussichtlich als Matinée auch in der Schauburg in Buer, mit den Regisseuren und mir. Die DVD mit 120-minütiger Langfassung erscheint erst im Frühling.

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