Stolpersteine

Die dunkle Vergangenheit nicht vergessen

Ron Gompertz las aus den Memoiren seines Vaters vor.

Foto: Thomas Schmidtke

Ron Gompertz las aus den Memoiren seines Vaters vor. Foto: Thomas Schmidtke

Gelsenkirchen.   Ron Gompertz Vater sah als Junge aus einem Dachgeschossfenster die Synagoge brennen. Der Sohn stiftete Stolpersteine für seine Familie.

Das Zitat, das Heike Jordan nach der Verlegung der letzten fünf Stolpersteine am Freitag vorliest, stammt von Jean Améry, jüdischer Schriftsteller, Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus (1912 - 1978). „Man soll und darf die Vergangenheit nicht ,auf sich beruhen lassen’, weil sie sonst auferstehen und zu neuer Gegenwärtigkeit werden könnte.“ Damit erhält die Verlegung von 25 Stolpersteinen an sieben Orten eine Klammer.

Jeder Stein ist Erinnerung und Mahnung

Eine, die es auf den Punkt bringt: Jeder Name auf den Pflastersteinen aus der Werkstatt des Künstlers Gunter Demnig ist Erinnerung und Mahnung gleichzeitig. Zu den bereits vorhandenen Steinen kommen am Freitag: die Familie Josef Günsberg (Poststraße 20), Familie Siegfried Block (Schalker Straße 75), Elisabeth Makowiak (Florastraße 76), Familie David Nussbaum (Hildegardstraße 21), Fritz Gompertz (Grillo-Gymnasium) und Familie Siegfried Cohn (Wittekind-straße 21). Ein ganz besonderer Ort ist die Bahnhofstraße 22. Auch hier stehen Angehörige: Carole Ries und Ron Gompertz, Cousine und Cousin, Urenkel von Albert Gompertz, dem früheren Hauseigentümer und Gründer des gleichnamigen, florierenden Pelzhauses. Bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen...

Der Vater sah die brennende Synagoge

Die eigens aus den USA angereisten Angehörigen sind sichtlich bewegt. Für Leo Gompertz Sohn Ron geht Freitag ein großer Wunsch in Erfüllung. Er steht vor dem Haus, aus dessen Fenster im Obergeschoss sein Vater 1938 die Synagoge brennen und den braunen, blindwütig-entfesselten Mob unten auf der Straße wüten sah. Und am Ende klettert er selbst im Obergeschoss durchs Fenster auf den Laubengang, um diesen Blick 79 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen der Pogromnacht einzufangen. Seine Tochter Minna sei heute im gleichen Alter wie sein Vater zu der Zeit, als er aus Deutschland geflohen sei, erzählt Ron Gompertz.

Vor 150 Jahren ein kleines Haus mit Pferdestall

Er lässt die Umstehenden Teil haben an der Geschichte seines Vaters, die dieser erst gegen Ende seines Lebens niedergeschrieben hatte. Aufgewachsen sei er, sagt Gompertz, ohne Geschichten aus dieser dunklen Zeit. Er trägt in Englisch vor, später verliest Heike Jordan die deutsche Übersetzung. Und so erfahren seine Zuhörer auch, dass hier vor 150 Jahren ein kleines Haus mit Pferdestall stand, dass 1907 abgerissen wurde. Ein gewisser Josef Franke wurde als Architekt beauftragt, einen Entwurf für ein Gebäude auf dem dreieckigen Grundstück anzufertigen.

„Unser Zuhause, es wurde uns geraubt!“

1919 kaufte sein Großvater das Haus. Die Steine, die jetzt vor dem Haus verlegt sind, kündeten auch von großem Unrecht: „Dieses Gebäude war unser Zuhause, und es wurde uns geraubt!“ Die Lektion, die er für sich persönlich aus der Familiengeschichte gelernt habe: „Immer einen Fluchtweg haben.“

Lang ist die Liste derer, denen Ron Gompertz dankt: Andreas Jordan von Gelsenzentrum und Gunter Demnig gehören dazu oder etwa die Historikerin Andrea Niewerth, die ihn auch bei den Recherchen für ein Buch unterstützt.

>>> Info: 63 000 Stolpersteine in ganz Europa verlegt

Gunter Demnig, gerade 70 Jahre alt geworden, berichtet am Rande der Verlegung: „Es werden immer mehr.“ Und noch immer machen ihn die Geschichten, die diese Steine erzählen, tief betroffen.

Mittlerweile hat er rund 63 000 Stolpersteine in ganz Europa verlegt. 181 Steine erinnern in GE an Nazi-Opfer.

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