• Ein Schulstart fast ohne Deutschkenntnisse ist an der Schalker Meile eher Regel als Ausnahme
  • Lehrermangel macht Förderunterricht im angemessenen Umfang dennoch kaum möglich
  • Schule versucht verzweifelt, das Vertrauen von Eltern der Roma-Community zu gewinnen

Am Karsamstag, also am 8. April, ist Internationaler Roma Tag. Es ist ein wichtiger Tag für sehr viele Menschen, die in Gelsenkirchen leben. Die meisten von ihnen sind aus Rumänien, einige aus Bulgarien zugewandert, auch deutschstämmige Roma sind hier. Doch es gibt Probleme. Der Verband für Bildung und Antiziganismusforschung, Romnokher, hat in einer Studie zur Bildungsbenachteiligung nachgewiesen, was Schulen in Gelsenkirchen längst wissen: Bildungskarrieren sind bei Kindern aus Roma- und Sinti-Familien deutlich seltener erfolgreich als bei anderen Kindern, Kindern von anderen Zuwanderern inklusive.

Studie des Bildungsverbandes der Roma befragte 600 Roma und Sinti zum Schulerfolg

Die Studie ist zwar nicht repräsentativ: Aber es wurden 600 Roma und Sinti befragt, und demnach hat fast die Hälfte der 18- bis 25-Jährigen keinen beruflichen Abschluss, 15 Prozent haben die Schule vorzeitig verlassen. Insgesamt tun das bundesweit nur fünf Prozent aller Schüler. Nur 42 Prozent der über dreijährigen Roma-Kinder besuchen eine Kita, 94,2 Prozent der Gesamtbevölkerung waren es im Vergleichzeitraum.

Studie: Mehr als die Hälfte der Befragten hat keinen beruflichen Abschluss

Thorsten Seiß, Leiter der Grundschule an der Kurt-Schumacher-Straße, hat die gleichen Erfahrungen gemacht. Seine Schule hat den wohl höchsten Anteil an Kindern aus Roma-Familien in der Stadt, der liegt nach seiner Schätzung bei 60 bis 70 Prozent der Schülerschaft. Die meisten von ihnen sind aus Rumänien zugewandert, einige auch aus Bulgarien. Die wenigsten Kinder haben eine Kita besucht, bestenfalls für kurze Zeit die „Erdmännchengruppe“, die Vorbereitungsgruppe auf die Grundschule. Um Deutsch zu lernen, ist diese Zeit aber meist zu kurz. Und auch von den Eltern sprechen beziehungsweise verstehen höchstens ein Fünftel ansatzweise die deutsche Sprache. Wie hoch der Anteil von Analphabeten ist, ist schwer schätzbar.

Auf Mahnbriefe und Einladungen gibt es meist keine Reaktion

Sicher ist, dass Briefe der Schule sehr, sehr oft oft ohne Reaktion der Eltern bleiben. Ob sie nicht gelesen oder nur nicht verstanden werden - man weiß es nicht. Selbst niederschwelligste Angebote des Familien-Grundschulzentrums wie die Einladung zum Kaffee an Mütter, die ihre Kinder zum Unterricht bringen, laufen laut Seiß ins Leere. Entsprechend verlaufen die Bildungskarrieren viel zu vieler dieser Kinder: Am Ende der Grundschulzeit bekommen seiner Schätzung nach ein bis zwei Prozent der Roma-Kinder eine Gymnasialempfehlung, die Mehrheit wird an Haupt-, Förder- und Realschulen wechseln, einige gar in eine Internationale Förderklasse, weil ihr Deutsch immer noch nicht ausreicht.

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Dass es kaum möglich ist, die Eltern zu motivieren, ihre Kinder täglich in die Schule zu schicken, ist das größte Problem neben den fehlenden Sprachkenntnissen der Kinder. Bildung hat in vielen Roma-Familien keinen hohen Stellenwert, so der Eindruck. Das hat Gründe: Roma wurden in Europa über Jahrzehnte von Bildung ausgeschlossen. In der Nazizeit wurden sie verfolgt und auch danach mussten sie viele Diskriminierungen erleiden. Viele Eltern haben Erfahrungen in ihrer eigenen Schulzeit gemacht, die ihnen die Schule nicht als positiven Ort erscheinen lässt, so eine Erklärung der Romnokehr-Studie. Hinzu kommt, dass Familien der Roma-Community häufig auch arm sind. Was die Lernvoraussetzungen zusätzlich beeinträchtigt.

Der Erweiterungsbau für die Grundschule Kurt-Schumacher-Straße soll im Sommer 2024 fertig sein. Bis dahin wird an zwei Standorten gelernt, was die Unterrichtssituation angesichts dünner Personaldecke nicht wirklich verbessert.
Der Erweiterungsbau für die Grundschule Kurt-Schumacher-Straße soll im Sommer 2024 fertig sein. Bis dahin wird an zwei Standorten gelernt, was die Unterrichtssituation angesichts dünner Personaldecke nicht wirklich verbessert. © FUNKE Foto Services | Michael Korte

Thorsten Seiß sucht schon lange verzweifelt nach Wegen, die Eltern mit ins Boot zu holen. Die Einhaltung der Schulpflicht zu kontrollieren frisst eine Menge an Personalressourcen: „Unsere Schulverwaltungsassistentin ist zu 70 Prozent damit beschäftigt, die Schulpflicht zu kontrollieren, Mahnbriefe an Eltern zu schreiben, Fehlstunden ans Jugendamt zu melden.“ Auch Bußgelder werden verhängt, der Kommunale Ordnungsdienst wird um Unterstützung gebeten bei der Durchsetzung der Schulpflicht. Doch bis der handeln kann, vergehen manches Mal drei Wochen..

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Eigentlich muss beim Jugendamt gemeldet werden, sobald 20 unentschuldigte Fehlstunden aufgelaufen sind. „Aber wir melden, wenn es 20 Stunden am Stück in einer Woche oder 20 Stunden im Monat sind. Zum Glück ist aktuell an zwei Tagen der Woche ein Mitarbeiter des Sozialdienstes Schule bei uns im Haus, der direkt informiert werden kann. Der arbeitet gut und ist sehr hilfreich“ versichert Seiß. Aber er spricht kein Rumänisch, Kontakt zu Eltern bei Hausbesuchen aufzunehmen ist sehr schwierig. Zumal für ein tieferes Eintauchen ins Familienleben, um langfristig etwas verändern zu können, die Zeit fehlt.

Die Kinder brauchen fünf Jahre für die Grundschule

„Unsere Kinder brauchen fünf Jahre für die Grundschule. Aber sie müssen nicht die Klasse wechseln, sich wieder in ein neues Umfeld eingewöhnen. Sie bleiben auch beim gleichen Lehrer – vorausgesetzt, dass der an der Schule bleibt. Wir haben aktuell vier unbesetzte Lehrerstellen, arbeiten mit fünf Vertretungslehrern und auch mit vier abgeordneten Pädagogen aus dem Münsterland, die ja nur für zwei Jahre da sind. Das macht es noch schwieriger. Denn der Beziehungsaufbau ist wichtig. Die Herausforderungen sind riesengroß. Sprach-Förderunterricht wie im vorgeschriebenen Umfang ist mangels Personal nicht möglich.“ Dabei ist an seiner Schule jede Klasse eine Internationale Förderklasse – eigentlich.

Thorsten Seiß warnt vor einer Überlastung der Lehrkräfte, die noch zur Verfügung stehen. Die Herausforderungen sind an seiner Schule besonders groß. Das Lernprogramm hat er im Sinne der Kinder angepasst.
Thorsten Seiß warnt vor einer Überlastung der Lehrkräfte, die noch zur Verfügung stehen. Die Herausforderungen sind an seiner Schule besonders groß. Das Lernprogramm hat er im Sinne der Kinder angepasst. © FUNKE Foto Services | Ingo Otto

Thorsten Seiß hat Kontakt zu Partnerschulen in Dortmund und Duisburg aufgenommen, wo ebenfalls mit vielen Kindern aus Roma-Familien gearbeitet wird, um sich über wirkungsvolle Maßnahmen auszutauschen. Außerdem knüpft er Kontakt zur Pfingstkirchen-Gemeinde der Roma in Gelsenkirchen, die nur in Ückendorf einen Versammlungsort hat. Über den Geistlichen hofft er, Vertrauen bei den Eltern aufbauen zu können. Gäbe es in der Nähe ein Domizil für die Gemeinde, würde die Kontaktaufnahme noch einfacher, so hofft er.

Im Rahmen eines Ruhr-Futur-Projektes gab es an der Schule an der Schalker Meile ein halbes Jahr lang Schulbegleiter für Roma-Familien. „Das hat zum Teil auch gut gewirkt“, versichert Seiß. Die Arbeiterwohlfahrt hat eine Zeit lang ein mehrsprachiges Bildungsbegleiter-Projekt mit der Stadt durchgeführt. „Wir haben die Schüler morgens abgeholt und zur Schule begleitet“, erinnert sich Awo-Mitarbeiterin Georgiana Abbas, die damals als interkulturelle Schulbegleiterin im Einsatz war.

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„Häufig wussten die Kinder und Eltern – unterschiedlichster Herkunft – einfach nicht, wie sie zur Schule kommen. Sie wussten nicht, welchen Bus sie nehmen können, wie ein sicherer Schulweg aussieht oder was auf dem Stundenplan steht, da nicht alle Eltern alphabetisiert sind oder nicht genug Sprachkenntnisse haben. Manchmal liegt es auch daran, dass die Eltern das Schulsystem nicht kennen. Viele Familien sind zudem zunächst damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Und manche ziehen immer wieder weiter, auf der Suche nach einem besseren Leben“, erklärt Abbas.

Karsamstag wird der Roma-Tag gefeiert

„Die Erfahrung des Projektes zeigt, wie erfolgreich die Unterstützung durch Schulbegleiterinnen und -begleiter sein kann. Neben den Schülern ist es wichtig, dass die Eltern mit eingebunden und über Schulsystem und Schulpflicht aufgeklärt werden. Schulbegleiter können einen Brückenschlag zwischen Schule, Eltern und Schülern aufbauen, sodass viele Fragen beantwortet werden können und die Schulabstinenz geringer werden kann“, versichert auch Awo-Mitarbeiter André del Barrio. Thorsten Seiß, seine Schülerschaft und das Kollegium würden sich darüber freuen. Darüber, und über mehr festangestellte Kollegen und Kolleginnen, die so individuell fördern könnten, wie es nötig ist.