Die pädiatrische Psychosomatik an der Kinder- und Jugendklinik am Gelsenkirchener Bergmannsheil wird geschlossen. Es handelt sich um die Abteilung mit Kindern, die unter schwersten Verhaltensauffälligkeiten leiden. Die Arbeit des Teams war in dem in der Öffentlichkeit heftig umstrittenen Film „Elternschule“ aus dem Jahr 2018 dokumentiert worden. „Es ist ein schwere Entscheidung, aber eine unvermeidliche Reaktion auf eine langjährige Entwicklung: Wir werden unser mehrwöchiges stationäres Therapieprogramm in der Psychosomatik nicht länger umsetzen und die Abteilung schließen“, sagt Werner Neugebauer, Geschäftsführer der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen.
Patientenzahlen von umstrittener Kinderklinik-Abteilung deutlich zurückgegangen
Hintergrund sei, dass die Patientenzahlen in den vergangenen fünf Jahren deutlich zurückgegangen seien. Zur Hochzeit dieses dreiwöchigen stationären Therapieangebotes, das von den Eltern begleitet und über Jahre anschließend weiter begleitet wurde, nutzten 550 Patienten im Jahr 2000 das Angebot, 2019 waren es nur noch 80 Patienten.
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„Es waren Kinder aus der ganzen Republik, Patienten aus der Region waren nur in kleiner Zahl dabei“, erläutert Neugebauer. Aufgrund der rückläufigen Zahlen fehlten der Klinik die Einnahmen zur Finanzierung dieses personell sehr aufwendigen Programms. „Die Schließung ist eine rein ökonomische Entscheidung“,betont Neugebauer. Dass der Film „Elternschule“ und die Diskussion darum den Prozess noch weiter vorangetrieben habe, räumt er allerdings ein.
Keine betriebsbedingten Kündigungen geplant
Betriebsbedingte Kündigungen soll es wegen der Schließung der Abteilung nicht geben. Die Betten bleiben, das hochqualifizierte Pflegepersonal ist auch in anderen Bereichen der Kinderklinik gut einsetzbar, zumal auch die Schreiambulanz und das sozialpädiatrische Zentrum erhalten bleiben. Das gelte auch für den Diplom-Psychologen Dietmar Langer und den ärztlichen Leiter der nun geschlossenen Abteilung, Dr. Kurt-André Lion.
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Für den Rückgang der Patientenzahlen macht Werner Neugebauer auch einen gesellschaftlichen Wandel verantwortlich: „Das verhaltenstherapeutische Programm sah nicht nur die stationäre Aufnahme des Kindes, sondern auch die von Mutter oder Vater vor. Doch der notwendige dreiwöchige Aufenthalt in der Klinik war für viele Familien eine zu hohe Hürde. Die Familienstrukturen haben sich verändert, auch die Erwartungshaltungen der Menschen. Die Therapie von psychosomatischen Störungen braucht Zeit und Geduld. Das ist für manche Familien eine zu große Herausforderung, die sie nicht realisieren können.“
Diskussion um den Film ein „großes Missverständnis“
Die hitzige Diskussion 2018 um den Dokumentarfilm nennt Neugebauer ein „großes Missverständnis. Für das hochprofessionelle Team der Psychosomatik war das eine unerträgliche Situation. Die teilweise diskreditierende Polemik machte eine sachliche Diskussion unmöglich. Der Film ist kein Film über Erziehung. Er zeigt die Therapie von psychosomatisch schwer erkrankten Kindern, die psychisch und oft auch körperlich schwer belastetet sind. Wir waren für die Kinder und ihre Familien oft die letzte Chancen, wenn ambulant alles ausgeschöpft war.“
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