17 neue Stolpersteine wurden in Gelsenkirchen verlegt

Der Bildhauer Gunter Demnig verlegte Stolpersteine zum Gedenken an ermordete und deportierte Juden im Stadtgebiet. Das Polizeipräsidium erhielt als ehemaliger Gestapo-Sitz eine Stolperschwelle.

Der Bildhauer Gunter Demnig verlegte Stolpersteine zum Gedenken an ermordete und deportierte Juden im Stadtgebiet. Das Polizeipräsidium erhielt als ehemaliger Gestapo-Sitz eine Stolperschwelle.

Foto: Olaf Ziegler / Funke Foto Services GmbH

Gelsenkirchen.  In Gedenken an die Opfer des Nazi-Terrors in Gelsenkirchen wurden 17 Stolpersteine verlegt. Das Polizeipräsidium bekam eine Erinnerungsschwelle.

Manchmal beginnen große Geschichten mit kleinen Dingen. In diesem Fall ist es eine alte Vitrine, die heute ihren Platz in einem norddeutschen Haus hat. Und die Uta Meyhöfer ans Denken bringt. Sie weiß, das Möbelstück stammt aus einem jüdischen Haushalt in Ückendorf. Von dort aus nahm es die eigene Familie mit. Die wohnte einst im Haus an der Bergmannstraße 43, übernahm eine Wohnung von Menschen mit jüdischen Wurzeln. Sie hatten die Vitrine stehen lassen – als sie unter der Schreckensherrschaft der Nazis erst Hab und Gut lassen müssen und dann ihr Leben.

Engagement für den 200. Stolperstein

Wäre diese Vitrine nicht gewesen, wäre Uta Meyhöfer nicht gewesen, wir hätten nie vom Schicksal der Familien Heymann und Löwenstein erfahren“, sagt Andreas Jordan. Seit zehn Jahren kümmert er sich um die Aktion „Stolpersteine“ in Gelsenkirchen. Heute ist einer der zehn Steine, die jetzt vom Künstler und Ideengeber Gunter Demnig verlegt werden, der 200., für den Andreas Jordan und seine Frau sich stark gemacht haben. Besonders in der heutigen Zeit sei dies wichtig. „Wir spiegeln ja für die Menschen, besonders für Rechte, wohin die historische Entwicklung geführt hat“, sagt Heike Jordan. „Und wir sind noch lange nicht fertig.“

Zwischenstationen auf dem Weg in den Tod

Kantor Juri Zemski ist seit dem ersten Gelsenkirchener Stolperstein dabei, singt für alle Opfer jüdischer Herkunft stets ein Totengebet. „Das liegt mir sehr am Herzen“, sagt er und erinnert an das Schicksal beider Familien, die schon bald nach der Machtergreifung schikaniert werden, später ausziehen müssen in ein Judenhaus. Ein solches befindet sich damals gleich nebenan. „Das waren kleinräumige Ghettos in Städten, Zwischenstationen auf dem Weg in die Vernichtungslager“, erklärt Andreas Jordan in seiner Rede.

Der Vortrag ist bewegend, berichtet, dass es für die Familien Heymann und Löwenstein kein Entkommen gibt. Sie wurden durch die Nazis ausgelöscht. Bei diesem späten Gedenken sind viele junge Menschen dabei.

Berger Feld-Schüler sind Paten

Sichtlich berührt stehen die Schüler der Klasse 7.2 der Gesamtschule Berger Feld um die Steine herum. Sie sind gekommen, weil sie sich selbst engagieren, im nächsten Jahr gemeinsam die Patenschaft übernehmen für einen Stolperstein. Inspiriert wurden sie durch ein Schulprojekt. Ein freiwilliges, wie Deutschlehrerin Inga Krause betont. „Die Schüler haben ihre Weihnachtsferien investiert. Da haben wir wohl einen Nerv getroffen.“

Verlegung als späte Trauerfeier

Die ursprüngliche Fragestellung lautete: „Gab es Hitler auch in Gelsenkirchen.“ Die 13-jährige Helin erzählt, was die Jugendlichen gemeinsam herausfanden: „Wir haben vom Schicksal von Walter Hers erfahren. Er wurde als 15-Jähriger verfolgt, musste das Grillo-Gymnasium verlassen. Er flüchtete in die Niederlande, wurde dort aber gefasst und nach Auschwitz ins Vernichtungslager deportiert.“ Diesem jungen Mann gedenken die Schüler heute auch schon ein bisschen. Überhaupt hat das Geschehen die Aura einer späten Trauerfeier. Es wird an die Verstorbenen gedacht, es wird gebetet – und, so die Hoffnung, nie mehr vergessen.

Über die goldenen „Grabsteine“ der Heymanns und der Löwensteins nämlich sollen und werden Anwohner und Besucher der Bergmannstraße künftig stolpern – bewusst, im übertragenen Sinne.

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