Lit.Ruhr

Zollverein-Zeitreise zeigt ungewisse Zukunftsvisionen

Beim Zechenspaziergang erinnerte Horst Rudnik an den Bergmannsalltag auf der Zeche Zollverein.

Beim Zechenspaziergang erinnerte Horst Rudnik an den Bergmannsalltag auf der Zeche Zollverein.

Foto: André Hirtz / FFS

Essen.  Zwischen Kohle und Kalauer: Beim Zechen-Spaziergang „In die Zukunft steigen“ lasen bei der Lit.Ruhr Autoren wie Anna Basener oder Jason Bartsch.

Fünf Mark musste Horst Rudnik noch dafür als Strafe blechen, wenn er den Kunstrasen an der Zollvereiner Eingangspforte betrat. Der Betrag wurde direkt vom Lohn abgezogen, wie sich der einstige Bergmann heute erinnert. Es sind solche Anekdoten, mit denen der Gästeführer den Besuchern an diesem 10. Oktober veranschaulicht, wie es in der Vergangenheit aussah. Denn bekanntlich hat sich einiges geändert auf dem Gelände des Unesco-Weltkulturerbes. Über den einst verbotenen Rasen flanieren etwa an „Extra-Schicht“-Abenden Menschen, um Lichtspiele und Feuerwerk zu bestaunen.

Diesen Wandel zur Kulturinstitution betont auch Rudnik. In der Kaue, wo er sich einst seine Grubenhemden überstreifte, trat sogar mal die renommierte Tänzerin Pina Bausch auf, wie er stolz berichtet. Ja, der einstige Industriearbeitsplatz entpuppt sich heute als Freizeitort: Schwimmbad, Schlittschuhbahn, Open-Air-Kino. In seiner Führung verrät der einstige Steiger Wissenswertes über den Alltag auf Zollverein seit 1851. So sieht die Vergangenheit aus.

Autoren und Kabarettisten entführen in eine mögliche Zukunft

Doch wie könnte das Areal in hundert Jahren aussehen? Mit dieser Frage beschäftigten sich Autoren und Kabarettisten, die auf Einladung der Lit.Ruhr in eine mögliche Zukunft entführen. Seit 2017 lockt das Literaturformat bereits namhafte Schriftsteller und Schauspieler zu Lesungen ins Ruhrgebiet. Auch in diesem Herbst fungiert die Zeche Zollverein als eine Art Veranstaltungszentrum.

Ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das Programm zieht: die Zukunft. Und so verpacken gleich zwei Platzhirsche der Region ihre Visionen als unterhaltsame Literatur. Bei der ersten Zwischenstation verrät die erfolgreiche Groschenromanautorin Anna Basener, wie es in hundert Jahren rund um den Förderturm aussehen könnte. Denn die gebürtige Essenerin verrührt in ihrer Kurzgeschichte Ruhrpott-Folklore mit einem Hollywood-Szenario wie aus einem Hitchcock-Film.

In einer der etlichen Taubenvereine tritt eine Mutation auf. Jetzt greifen die „Viechers“ zur Macht. „Es ist der erste Schritt zu Weltherrschaft“, verrät Basener. Anschließend kommt es zum Show-down mit den Spatzen, die das Rheinland regieren. Es ist reine Spaßliteratur, die die Besucher hören.

Die Zollverein-Zeitreise ist ein buntes Potpourri

Dort, wo einst die Kohle in kleinen Wagen abtransportiert wurde, wartet Jason Bartsch. Der Wahlbochumer feierte vor allem als Poetry-Slammer Erfolge. Und auch an diesem Nachmittag serviert er einen Spoken-Word-Text, der die Zukunft Zollvereins mit den gesellschaftlichen Verwerfungen der Gegenwart verbindet. Da geht es um die rechtspopulistischen Rädelsführer, die mit ihren Parolen in einer Region abprallen, die ohnehin schon immer ein buntes Potpourri aus Herkunft und Kultur war. Und auch das Umweltthema hakt Bartsch ab: „Wie rettet man Werte, wenn man nicht mal Bäume retten kann?“ Denn bekanntlich ist auch der Bergbau Schuld an der Ausbeutung von Natur und Mensch.

Zum Abschluss treten der Kabarettist David Vormweg und sein Co-Entertainer Rudolf Klein als sichtlich ramponierte Urgesteine des Zechenbetriebs auf. Hinter ihnen hängt die Schutzheilige der Bergleute, Barbara. Rudolf Klein trägt einen kaputt malochten Buckel, den er kurz und knackend einrenken muss. Ja, die Vergangenheit hier war anstrengend. Wie die Zukunft aussieht, wissen wir nicht. Aber sie stimmen mit den Besucher das Steiger-Lied ein, natürlich auch als eine Hymne der Gegenwart.

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