Psychose

Wo Jugendliche in Essen lernen, mit einer Psychose zu leben

Im Haus Trialog werden junge Erwachsene mit psychiatrischen Erkrankungen betreut und gefördert. Im Bild (v.l.): Jochen Jochem, Serhun Housein (beide ehemalige Bewohner), Bewohner des Haus Trialog Samy (18) , seine Therapeutin Stefanie Schulz und Prof. Dr. Christian Eggers.

Im Haus Trialog werden junge Erwachsene mit psychiatrischen Erkrankungen betreut und gefördert. Im Bild (v.l.): Jochen Jochem, Serhun Housein (beide ehemalige Bewohner), Bewohner des Haus Trialog Samy (18) , seine Therapeutin Stefanie Schulz und Prof. Dr. Christian Eggers.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Im Haus Trialog in Essen werden psychisch kranke junge Menschen betreut. Beim Samy (18) wurde ein paranoide Schizophrenie diagnostiziert.

Für Samy ist das Haus Trialog der Eggers-Stiftung ein Glücksfall. In der therapeutischen Wohngruppe für psychisch kranke junge Menschen erhält der 18-Jährige endlich die Hilfe, die er dringend braucht.

Samy war fünf Jahre alt, als er zum ersten Mal von negativen, immer wiederkehrenden Zwangsgedanken gequält wurde. „Ich war in dieser Gedankenwelt total verloren, konnte mich alleine nicht befreien“, erzählt er. Verzweifelt wandte er sich an die Eltern, doch die konnten mit dieser Symptomatik aus Unerfahrenheit nichts anfangen. Erst mit 15 landete Samy in der Psychiatrie, wo man eine paranoide Schizophrenie diagnostizierte. „Sechs Mal war ich zwischen 15 und 18 im Krankenhaus“, sagt er, „da bekam ich dann entsprechende Medikamente.“

Startchance für Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Psychosen

Nach dem letzten Klinikaufenthalt zog er in eine vom Jugendamt betreute WG für Jugendliche – und kam gar nicht zurecht. „Da verschlimmerte sich mein Zustand.“ Schließlich landete er vor sechs Monaten im Haus Trialog der Eggers-Stiftung in Holsterhausen: Dieses in Deutschland einmalige Wohnprojekt bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Psychosen eine Startchance für ein selbstbestimmtes Leben.

„Wir haben konstant acht Bewohner, die in der Regel zwei Jahre lang bei uns bleiben“, erklärt der Stiftungsgründer Professor Christian Eggers. Der Kinder- und Jugendpsychiater sowie Facharzt für Kinderheilkunde war lange Jahre Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum. Dort erforschte er als Schwerpunkt seiner klinischen Arbeit den Verlauf, die Ursachen und die Therapie schizophrener Psychosen.

Schon damals erkannte der heute 79-jährige Psychiater die Lücken im System: „In der stationären Psychiatrie werden die jungen Menschen gut und intensiv betreut. Doch wenn sie Zuhause sind, dann fallen die meisten in ein Loch.“ Oft seien die Wartezeiten auf eine ambulante Therapie viel zu lang, dazu kommen überforderte Eltern. Die Folge: „Viele Erkrankte landen nach kurzer Zeit wieder in der Klinik.“

Die Eltern werden einbezogen

Genau das will die Arbeit der Eggers-Stiftung, die im vergangenen Monat ihr 20-jähriges Bestehen feierte, verhindern. Im Haus Trialog werden die psychisch kranken Jugendlichen intensiv und individuell gefördert und stabilisiert: Auf jeden Bewohner kommt ein Betreuer. „Es gibt Gruppen-, Einzel- und Entspannungstherapie, soziales Kompetenztraining, Ergotherapie, Sport- und Musiktherapie“, zählt die Psychotherapeutin Stefanie Schulz den Wochenplan auf, „doch am wichtigsten ist: Bei uns lernen die jungen Leute wie man lebt.“

„Von Hygiene und Manieren bis zum selbstständigen Einkauf und dem Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel wird bei uns alles trainiert“, ergänzt Professor Eggers. Und es gibt noch eine Besonderheit, auf die im Trialog großen Wert gelegt wird: Hier werden die Eltern mit in die Therapie einbezogen, und zwar unabhängig vom Alter der erkrankten Kinder.

Nach den zwei Jahren in der festen Wohngruppe wechseln die meisten Bewohner in das ambulant betreute Wohnen der Stiftung. Dort lebt auch Jochen Jochem (24), der unter paranoider Schizophrenie leidet. „Ich habe hier gelernt zu akzeptieren, dass meine Krankheit zu mir gehört“, sagt er. Für ihn sei es aber noch wichtiger, der Welt zu zeigen, dass er genauso viel wert sei, wie ein gesunder Mensch. „Man ist ja nicht blöd, nur weil man psychisch krank ist. Ich habe genauso viel Stärken und Schwächen wie jeder andere.“

„Unser Ziel ist es, einen Rückfall zu verhindern“

Vor genau 20 Jahren gründete Prof. Christian Eggers seine eigene Stiftung, um junge Menschen mit einer psychischen Erkrankung individuell zu fördern und ihnen und ihrer Familie eine optimale Betreuung zu ermöglichen. Ziel der Stiftung ist es, unter enger Einbeziehung der Angehörigen Bewältigungsstrategien zum eigenverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln und die Selbstständigkeit zu fördern. „Wir wollen vor allen Dingen einen Rückfall verhindern“, so Prof. Eggers, „und das ist uns seit Bestehen der Stiftung in 100 Prozent der Fälle gelungen.“

Zu den Projekten der Eggers-Stiftung gehören neben dem Essener Haus Trialog das Wulf-Alexander-Strauer-Haus in Düsseldorf (ebenfalls eine therapeutisch-pädagogische Wohngruppe) und das ambulant betreute Wohnen in Essen und Düsseldorf. Auch wenn die jungen Erwachsenen ihre erste eigene Wohnung beziehen, werden sie weiterhin von den Therapeuten der Stiftung betreut.

Und noch ein Projekt hat die Stiftung ins Leben gerufen: „Durch ihre teils langen und immer wiederkehrenden Klinikaufenthalte wurden die jungen Leute aus ihrem Leben katapultiert. Dazu gehört auch der regelmäßige Schulbesuch“, so Eggers. Deswegen hat die Stiftung in enger Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Essen den Prof. Eggers-Lehrgang ins Leben gerufen. Dort erhalten psychisch erkrankte junge Erwachsene die Möglichkeit, innerhalb von zwei Jahren die Fachoberschulreife zu erwerben. Die Lehrkräfte arbeiten dabei ganz eng mit einer Therapeutin und einem Theaterpädagogen zusammen.

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