Eine Spurensuche

Fall Luis – „Wir sind in Altenessen in Verruf geraten“

Der Bestatter an der Bäuminghausstraße in Altenessen-Süd hat sein Geschäft schon vor Jahren aufgegeben.

Der Bestatter an der Bäuminghausstraße in Altenessen-Süd hat sein Geschäft schon vor Jahren aufgegeben.

Foto: Foto: Socrates Tassos

Essen  Der Tod des kleinen Luis wirft ein negatives Schlaglicht auf Altenessen-Süd. Früher bürgerliche Wohnquartiere sind zu Problemvierteln geworden.

Auf den Stufen zum Hauseingang brennen Grablichter zum Gedenken an den kleinen Luis. Der Tod des zweijährigen Jungen, der in der Dachgeschosswohnung am Ellernplatz verdurstet ist, wirft ein Schlaglicht auf das Quartier in Altenessen-Süd. Ein Viertel an dem der Durchgangsverkehr auf der Gladbecker Straße vorbeibraust und das für Alteingesessene schon lange nicht mehr das ist, was es einmal war.

Altenessen-Süd war früher ein bürgerlicher Stadtteil. Heute sind die meisten Ladenlokale entlang der Bäuminghausstraße, nur ein paar Schritte vom Ellernplatz entfernt, verrammelt: Heruntergelassene Rollos oder leere Schaufenster, wo es einmal einen Bäcker, eine Metzgerei und einen Blumenladen gab. Ein Bestattungsunternehmen hat die Auslage noch nicht abgeräumt. Dabei ist das Geschäft seit Jahren zu.

Der alteingesessene Einzelhandel ist verschwunden. Stattdessen prägen Pizza, Döner, „Handy & Zubehör“ das Straßenbild. Nur ein türkischer Supermarkt, der zu Freude seiner deutschen Kundschaft, auch Lebensmittel der Marke „gut und günstig“ im Sortiment hat, sticht heraus. Und das Brauhaus „Fischer“, das gefühlt schon immer da war.

„Mein schönes Altenessen – was ist nur daraus geworden“, sagt Monika W. die seit über 50 Jahren im Viertel wohnt. Über das grausame Schicksal des kleinen Luis kann die 69-Jährige nur den Kopf schütteln. „Wir sind richtig in Verruf geraten.“

Der Tod des Jungen scheint ins Bild zu passen. Ins Bild eines Stadtteils, mit dem es seit Jahrzehnten bergab geht. Die Statistik spricht Bände: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 14,9 Prozent und damit deutlich über dem stadtweiten Durchschnitt. Fast jeder Zweite erwerbslos Gemeldete ist langzeitarbeitslos. Fast jeder Dritte im Stadtteil bezieht existenzsichernde Leistungen vom Staat. „Und die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller“, sagt Reinhard Schmidt.

Lärm und Staub mindern die Lebensqualität

Schmidt, 57 Jahre alt, Stadtplaner von Beruf, ist in Altenessen-Süd groß geworden. Noch heute wohnt er in seinem Elternhaus direkt an der Gladbecker Straße. Wegziehen will er nicht. Trotz der 4000 Schwerlaster, die jeden Tag an seinem Fenster vorbeibrausen, wenn sie nicht gerade im Stau stehen.

Lärm, Staub, der nicht enden wollende Verkehr mindern die Lebensqualität nicht nur entlang der vierspurigen Bundesstraße. „Das wirkt bis in die Quartiere hinein“, sagt Schmidt. Der Politik und der Stadtverwaltung wirft der Stadtplaner Versagen vor. „Man hat sich damit zufrieden gegeben, die U-Bahn nach Altenessen gebaut zu haben.“ Das vom Rat der Stadt beschlossene Stadtteil-Sanierungsprogramm aber sei nie umgesetzt worden. Mit der Folge, dass immer mehr sozial schwache Menschen in den Stadtteil gezogen sind. „Zu viele Arme, zu viele Alte, zu viele Junge“, lebten heute in Altenessen-Süd, sagt Reinhard Schmidt.

Mit der U-Bahn fahren die Drogendealer nach Altenessen-Süd

Die U-Bahn bescherte den Altenessenern zehn Jahre lang eine Großbaustelle. Heute bringt sie auf schnellem Weg auch junge Schwarzafrikaner nach Altenessen-Süd, die dort auf offener Straße Drogen verkaufen. Seit die Stadt den Rheinischen Platz am Rande der Innenstadt mit Kameras überwacht, suchen sich die Dealer andere Orte. Sogar im Kirchgang von Herz Jesu wird gedealt, wie Anwohner berichten.

„Schau Dich doch bloß hier um. Dann weißt Du, was lost ist“, sagt Manuela, 45 Jahre alt, eine resolute Frau, die sich so schnell nicht einschüchtern lässt. Und die dennoch sagt: „Hätte ich nicht eine schöne Wohnung, in die ich viel Geld gesteckt habe, wäre ich längst weg.“

An diesem Nachmittag halten sich im Kirchgang nur ein paar Trinker auf. Der Spielplatz am Westerdorfplatz ist noch verwaist. Am Abend wird der Platz zum Treffpunkt von Roma aus Bulgarien und Rumänien. Nachdem die Stadt mehrere Schrottimmobilien entlang der Gladbecker Straße geräumt hat, sind die Familien in Wohnungen im Stadtteil untergekommen. Kenner der Szene sprechen von organisierter Kriminalität; von Schleusern, die ganze Dorfgemeinschaften mit falschen Versprechungen nach Deutschland locken. Die Zugezogenen lebten von Mini-Jobs, die sie mit Sozialhilfe aufstocken, von Kindergeld und Gelegenheitsjobs.

Ältere Nachbarn trauen sich nicht mehr auf die Straße, berichtet ein Anwohner

Anwohner klagen über die Begleiterscheinungen. „Die Mülltonnen sind voll mit aussortierten Altkleidern“, erzählt Christian Dangelat. „In der Einfahrt stand zwei Monate lang Sperrmüll.“ Am Zaun nebenan hängt ein Plakat: „Vermüllung kostet bis zu 5000 Euro.“

Christian Dangelat arbeitet im Straßenbau. Ein kleiner sehniger Mann, mit dem man sich nicht so schnell anlegen würde. Seit seinem zwölften Jahr lebt er im Viertel – und ist vorsichtig geworden. Ältere Nachbarn trauten sich kaum noch auf die Straßen.

Das Wohnquartier in Altenessen-Süd hat sich verändert. Das soziale Gefüge, das einmal alles zusammenhielt, zerfällt. Die einst lebendige Kirchengemeinde, der Fußballverein… „Das soziale Kaugummi gibt es nicht mehr“, sagt Anwohnerin Susanne Demmer . Das mag auch für andere Stadtteile gelten, doch in Altenessen-Süd wiegt der soziale Wandel schwerer.

In Altenessen-Süd gibt es heruntergekommene Häuser und liebevoll sanierte Altbauten

Noch gleicht der Stadteil einem Mikrokosmos. Es gibt leerstehende Ladenlokale und heruntergekommene Häuser. Aber es finden sich auch liebevoll sanierte Altbauten, wie das Haus von Peter Krause am Westerdorfplatz, der sagt: „Wir wohnen gerne hier.“

Im Kiosk am Ellernplatz steht eine junge Türkin hinter der Verkaufstheke. „Das ist eben Altenessen“, sagt sie. Ein Stadtteil voller Widersprüche. Auch sie fühle sich nicht wohl, wenn sie auf dem Weg zum Kiosk an Gruppen bulgarischer Männer vorbeigehe. „Dann meldet sich der Rassismus in mir“, sagt sie mit einem Lächeln. Und ja, es gebe mehr Menschen mit finanziellen Problemen. Mancher lasse anschreiben. Auf die Kunden lässt sie nichts kommen. „Die Leute sind ehrlich.“

Zwei junge Männer versorgen sich mit ein paar Flaschen Bier und zahlen. Einer der beiden kommt noch einmal zurück und legt 20 Cent auf die Theke. Die habe er beim letzten Mal zu wenig gehabt. Andere kaufen Grablichter. Für den Hauseingang nebenan, wo Sanitäter den zweijährigen Luis vergangenen Samstag tot heraustrugen.

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