Intelligente Stadt

Wie sich Essen aufmacht, Smart City zu werden

Ordnungsdezernent Christian Kromberg steht im Keller des Rathaus Essen vor einem Schrank voller Akten. Das Rathaus möchte künftig nicht mehr Papier produzieren sondern die elektronische Akte einführen.

Ordnungsdezernent Christian Kromberg steht im Keller des Rathaus Essen vor einem Schrank voller Akten. Das Rathaus möchte künftig nicht mehr Papier produzieren sondern die elektronische Akte einführen.

Foto: Andre Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Bislang ist Essen nicht gerade Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Deshalb hat die Stadt jetzt ein Netzwerk ins Leben gerufen.

Bislang steht Essen nicht gerade im Ruf, Vorreiter hin zu einer Smart City zu sein. Der aktuelle Smart-City-Atlas beispielsweise, den der Informationswirtschaftsverband Bitkom vor kurzem herausgegeben hat, führt 50 deutsche Städte auf. Essen sucht man dort vergebens.

Doch nun will auch Essen sich auf den Weg machen, um diesen Megatrend nicht zu verschlafen. Oberbürgermeister Thomas Kufen möchte dafür alle Akteure, die sich bereits mit den Themen in der Stadt beschäftigen, zusammenbringen. „Auch wir als Stadtverwaltung wollen daraus lernen“, sagt er. Das geplante Bürger-Rathaus soll schließlich nicht nur eine Worthülse aus Stein sein. Basis für das geplante Smart-City-Netzwerk ist eine Befragung der Universität Duisburg-Essen, deren Ergebnisse jetzt auf der Auftaktveranstaltung „Essen connected“ vorgestellt wurden. Es ist die erste Skizze eines Digital-Atlasses für die Stadt Essen.

Universität identifiziert 75 Leuchtturmprojekte

Aber was heißt überhaupt Smart City? Eine Definition lautet so: In einer Stadt werden moderne Technologien aus den Bereichen Energie, Mobilität, Stadtplanung, Verwaltung und Kommunikation so miteinander verknüpft, dass sich die Lebensqualität für die Bewohner steigert. Gleichzeitig profitiert die Nachhaltigkeit der Stadt. Die Beispiele sind vielfältig: Apps, die Autofahrer zum nächsten freien Parkplatz leiten; Mülleimer, die melden, wenn sie geleert werden müssen; Straßenlampen, die Kameras oder Wlan-Stationen beinhalten. Carsharing-Modelle und Ladestationen für Elektroautos; der Verleih von Elektrorollern zählen genauso dazu wie Luftmessstationen, die bei dicker Luft automatisch den Verkehr umleiten. Oder intelligente Ampelschaltungen, die beispielsweise Bussen Vorfahrt geben.

Viele Städte experimentieren bereits mit solchen Anwendungen. Essen scheint dies bislang verschlafen zu haben, so ist jedenfalls der Eindruck. Doch wie die Befragung der Uni ergeben hat, sind auch in Essen schon einige Institutionen und Unternehmen auf diesen Feldern unterwegs. Nur: Sie arbeiten bislang nicht oder kaum zusammen. Das Wissen bleibt vielfach ungenutzt. Beispiel Innogy: Bislang präsentiert der Energieversorger seine intelligenten Straßenlaternen, die u.a. Elektroladesäule, Wlan-Sender oder Kameraüberwachung zugleich sind, in Essen lediglich als Anschauungsobjekt vor der Unternehmenszentrale an der Kruppstraße. Im Einsatz aber sind sie derzeit zum Beispiel in Bochum, wo sie Teil eines intelligenten Parkleitsystems sind. Immerhin ist jetzt geplant, sie auch in Bereichen der Innenstadt einzusetzen.

In Interviews mit 30 Entscheidern hat die Uni allein 75 solcher „Leuchtturmprojekte“ herausgefiltert, die sich nutzen ließen. „Das ist schon eine ganze Menge, worauf sich aufbauen lässt“, meint Professor Frederik Ahlemann vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und strategisches IT-Management, der die Studie im Auftrag der Stadt erstellt hat. Er nennt innovative Unternehmen wie Innogy oder den Sensorhersteller Ifm, verweist auf eine wachsende Start-up-Szene. Es gibt die Universität und das Universitätsklinikum, die stark in der Forschung sind. Und da sind schließlich auch die städtischen Tochterunternehmen wie die Ruhrbahn und die Stadtverwaltung, die an unterschiedlichen digitalen Projekten arbeiten. „Das ist eine gute Basis“, sagt Ahlemann.

Zwei Verantwortliche für Smart City in der Stadt Essen

Noch sind es vor allem Einzelinitiativen. Was fehlt, sei eine zentrale Koordinierungsstelle und eine schlüssige Gesamtstrategie. Ahlemann gibt ein Beispiel: „Es nutzt nichts, wenn es neben einer Navigations-App parallel eine Parking-App gibt. Das muss schon aus einem Guss sein. Das muss man zusammen denken.“

Ahlemann mahnt jedoch in seinem Handlungsempfehlungen an die Stadt an: Es müssen künftig auch die Bürger in die Entscheidungen eingebunden werden und es muss schnelle Entscheidungen geben. „Sie dürfen sich nicht in behördlichen Genehmigungsprozessen verlieren.“

Um das Thema Smart City voranzutreiben, hat OB Kufen zwei Männern den Hut aufgesetzt: Essens Planungsdezernent Hans-Jürgen Best soll in der Verwaltung tätig werden. In seinem Ressort entsteht gerade die elektronische Bauakte, die im November in den Test gehen soll. Überhaupt ist das Stadtplanungsamt der Dreh- und Angelpunkt, wenn es um die Entwicklung von Stadtquartieren geht, zu der künftig verstärkt eben auch die digitale und mobile Infrastruktur gehört. Zweiter Verantwortlicher neben Best ist Lars Martin Klieve, Geschäftsführer der städtischen Holding EVV und gleichzeitig Vorstand der Stadtwerke, die vor allem in den Bereichen Energie und Mobilität eine Rolle spielen dürften.

Um eine Strategie und ein Netzwerk für eine Smart City Essen zu entwickeln, hat die Stadtverwaltung Fördermittel beim Bund beantragt. 2,5 Millionen Euro über zwei Jahre könnte es dafür zunächst geben, wobei Essen 250.000 Euro selbst beisteuern müsste. „Aber selbst wenn wir das Geld nicht erhalten, werden wir das Thema jetzt angehen“, sagte Kufen.

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