EU-Wahlkampf

Wie AfD-Mann Guido Reil sich als Opfer des ZDF inszeniert

Guido Reil als Europa-Kandidat der AfD Ende März bei einer Diskussionsveranstaltung in einem Gymnasium in Oberhausen.

Guido Reil als Europa-Kandidat der AfD Ende März bei einer Diskussionsveranstaltung in einem Gymnasium in Oberhausen.

Foto: Gerd Wallhorn

Essen.  Der Essener AfD-Politiker Guido Reil versucht, aus inhaltlicher Schwäche eine Tugend zu machen. Sein eigentliches Talent, meint er, sei die Rede.

Zu seinem Auftritt in der Talkshow Lanz hat der Essener AfD-Politiker Guido Reil durchaus eine klare Meinung: „Ich war scheiße“. Großspurig hatte die AfD zuvor ironisch einen „Kampf der Arbeiterführer“ ausgerufen zwischen dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert und ihrem als „Kumpel“ titulierten Bundesvorstandsmitglied, wobei Kühnert die Rolle des weltfremden SPD-Linken zugedacht war, während der frühere Essener Sozialdemokrat mit seinem bodenständigen Image als Bergarbeiter zu punkten hoffte.

Reil wirkte nicht einmal beim Thema Zuwanderung sattelfest

Es kam anders. Kühnert, teilweise assistiert von Moderator Markus Lanz, führte den heillos überfordert wirkenden Reil rhetorisch und inhaltlich regelrecht vor. Nicht einmal bei einem Leib-und-Magen-Thema der AfD wie der Zuwanderung wirkte Reil halbwegs sattelfest. Für die AfD ein absolutes Desaster. „Auch parteiintern bin ich hart kritisiert worden“, räumt Reil ein. Der 49-jährige Essener hat sich für solche Fälle eine Erklärung zurecht gelegt, man könnte auch von einer Ausrede sprechen: „Ich habe von vielen Themen keine Ahnung, das habe ich auch immer offen gesagt“, so Reil. Schließlich habe er „weder Mitarbeiter noch einen Apparat“ hinter sich. „Ich bin doch vollkommen allein.“

Auf seine zahlreichen Fans, die sich besonders im Internet versammeln, mag das sympathisch bescheiden wirken. Tatsächlich aber ist Reil nun seit mehreren Jahren faktisch Berufspolitiker, wenn auch noch kein hochbezahlter. Als Bundesvorstandsmitglied hat er aber Zugriff auf die Ressourcen der AfD oder könnte es zumindest haben. In jedem Fall sollte er Zeit genug aufbringen können, sich auf zentralen Politik-Feldern Wissen anzueignen – welche Meinung er dann auch immer daraus ableitet.

Sein Einzug ins EU-Parlament ist dank des vorderen Listenplatzes sicher

Will Guido Reil irgendwann mal ernsthaft arbeiten? „Sobald ich ins Europa-Parlament gewählt bin und ich Geld und Personal habe, geht es los“, sagt er. Da sein Einzug bei der Wahl am 26. Mai dank des AfD-Listenplatzes 2 als sicher gilt, suche er bereits Mitarbeiter und eine Wohnung in Brüssel. Was er dort politisch vorhabe, dazu fiel Reil bislang wenig mehr ein als das Schlagwort „Transparenz herstellen“. In der Lanz-Talkshow schilderte er dann noch seine Verkehrsstau-Erfahrungen in Brüssel, was am Kern einigermaßen vorbeiging.

Die Schuld für das TV-Debakel suchte er allerdings nicht bei sich, sondern klagte am Wochenende lautstark über die Tatsache, dass ihn Lanz und Kühnert in die Mangel nahmen. Dabei kann nicht gerade als neues Phänomen gelten, dass Journalisten, Moderatoren und eben auch politische Gegner bei AfD-Leuten jenen Biss zeigen, der ansonsten in politischen Debatten etwas abhanden gekommen ist. Das ZDF hat sich mittlerweile gegen Reils Vorwurf verwahrt, er sei durch Absprachen im Vorfeld systematisch benachteiligt worden.

Für seine Kritik an der Flüchtlingspolitik erhielt er 2016 auch in der SPD zunächst einigen Zuspruch

Fast drei Jahre ist es nun her, dass Reil die Essener SPD verließ und bei der AfD andockte, nachdem er sich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise als Kritiker der regellosen Zuwanderung profiliert hatte und bundesweit bekannt wurde. Mit dem schonungslosen Benennen tatsächlicher Probleme erhielt er damals in der SPD neben viel Kritik durchaus auch einigen Zuspruch.

Der offene Bruch mit seiner Partei, der er 26 Jahre angehörte, beendete diese Phase. Vorausgegangen war ein intensives Werben der damaligen AfD-Größe Marcus Pretzell. Die Partei hatte erkannt, dass ein abtrünniger Sozialdemokrat mit Reils Vita ihr nützlich sein konnte. Reil wiederum versprach sich Karrierechancen, die er in der SPD niemals erhalten hätte.

Die Reden vor den AfD-Kreisverbänden haben Reils Karriere-Ambitionen befördert

Beide Rechnungen gingen letztlich auf, trotz vieler Zweifel an Reils intellektuellem Vermögen auch innerhalb der AfD. Hinter der Partei- und Fraktionsspitze gehört der Karnaper längst zu den bekanntesten AfD-Politikern. Die Fernsehauftritte haben das befördert, mindestens so wichtig sind aber die vielen Reden, die er vor AfD-Kreisverbänden in ganz Deutschland hält und für die Reil zumindest zeitweise auch Honorar bekam.

Reil hält sich selbst für ein großes Redetalent. Hier kann er unbehelligt von jeglichem Widerspruch politische Themen und Ressentiments ausbreiten. Zu seinem festen Kanon gehört dabei die Klage, dass der AfD Räume und Hallen vorenthalten und Parteitage von politischen Gegnern belagert werden und dass in seiner Heimatstadt Essen und im Ruhrgebiet bei Wahlkämpfen keine einzige Großveranstaltung stattfinden könne, weil Vermieter Angst hätten vor Protesten. „Wir werden behindert, wir werden fertig gemacht, überall. Und ich habe Deutschland mal für das demokratischste Land der Welt gehalten“, so Reil.

Gescheitert beim Versuch, einen AfD-Arbeitnehmerflügel zu gründen

In AfD-Kreisen genießen die Darbietungen einen hohen Unterhaltungswert, teils wegen der satirisch anmutenden Einlagen, teils wohl auch wegen der Exotik, die Reil mit seinem extremen Ruhrdialekt und dem Steiger-Image vermittelt. Ungeachtet des Auftritts bei Lanz sei er wenige Tage danach bei einer Rede in Soest mit stehenden Ovationen empfangen worden, berichtet Reil nicht ohne Stolz. Das klingt seltsam, aber tatsächlich muss eine noch so schlechte Performance bei ARD oder ZDF in diesen Kreisen keineswegs ein Problem sein. Irgendwie werden die Sender schon schuld sein, wenn einer von der AfD schlecht aussieht.

Erfolglos blieb Reil überall da, wo es auf mehr angekommen wäre als auf Bierzelt-Reden – etwa bei seinem schon vor Jahren groß annoncierten Vorhaben, eine Art Arbeitnehmerflügel der AfD zu gründen. Und obwohl Reil beteuert, er selbst halte sich aus den parteiinternen Richtungskämpfen heraus, halten ihm mittlerweile vor allem Mitglieder des „Flügels“, der völkisch-nationalen Richtung um Björn Höcke die Stange. „Die mögen meine soziale Stoßrichtung“, glaubt Reil.

Mitte Mai, zwei Wochen vor der Wahl ist Reil übrigens erneut fürs Fernsehen gebucht, diesmal wieder bei „Hart aber fair“ von Frank Plasberg, wo seine TV-Karriere 2016 begann. Es soll um das Thema Populismus gehen. „Diskussionen auf dieser Meta-Ebene“, sagt Reil, „liegen mir einfach mehr“. Das genau könnte das Problem sein.

Mit 20 der SPD beigetreten - wie Vater und Opa

  • Der gebürtige Gelsenkirchener Guido Reil stammt aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie, schon sein Vater und Großvater gehörten der SPD an. Er selbst trat mit 20 der Partei bei, machte im Essener SPD-Ortsverein Karnap eine eher beschauliche Karriere, die ihn bis in den Rat der Stadt führte. Schon früh kritisierte er die aus seiner Sicht gescheiterte Integrationspolitik und lieferte sich Auseinandersetzungen mit den Partei-Linken.
  • Reil arbeitete als Steiger im Bergwerk Prosper-Haniel, das Ende 2018 als letztes im Ruhrgebiet geschlossen wurde.

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