Al-Anon

Warum Angehörige von Süchtigen besondere Hilfe brauchen

„Mut zur Veränderung“: In den „Al-Anon“-Gruppen lernen Angehörige von Süchtigen, dass sie die Sucht des Partners oder Familienmitglieds nicht steuern können.

„Mut zur Veränderung“: In den „Al-Anon“-Gruppen lernen Angehörige von Süchtigen, dass sie die Sucht des Partners oder Familienmitglieds nicht steuern können.

Foto: Christof Köpsel

Essen.   Hier erzählen zwei Frauen, wie es ihnen mit alkoholkranken Partnern erging – und warum sie mit sich selbst hart ins Gericht gehen mussten.

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Wer einen suchtkranken Menschen zum Partner hat, der hat zwei Probleme. Den suchtkranken Partner. Und: sich selbst.

„Wir denken ja immer, wir sind die Guten. Dabei haben wir ein ausgeprägtes Helfersyndrom“, sagt Julia (57), die seit sieben Jahren mit einem trockenen Alkoholiker verheiratet ist. Sie hat sich immer schon Partner gesucht, die ein Sucht-Problem hatten, „das fing vor Jahrzehnten mit meinem ersten Freund an, der regelmäßig kiffte.“

Das fiel ihr allerdings erst auf, als sie Hilfe suchte – bei einer Familiengruppe von „Al Anon“. Ihre Tochter hatte nämlich mit dem Beginn der Pubertät eine massive Ess-Störung entwickelt. „Da riet mir eine Arbeitskollegin, die Al-Anon kannte, mal hinzugehen.“

Sieben Familiengruppen in Essen

„Al-Anon“ ist eine Bewegung aus Amerika. Sie richtet sich nicht nur an Alkoholiker, sondern hat in 50 Jahren auch ein dichtes Netzwerk an Gruppen aufgebaut, die allein für Angehörige und Freunde von Suchtkranken da sind. Das zentrale Koordinierungsbüro für diese Familiengruppen sitzt in Essen in der Emilienstraße. Allein in unserer Stadt gibt es Familiengruppen in Bredeney, Heisingen, Steele, Frohnhausen und weiteren Stadtteilen. Bei „Al-Anon“ gilt die Überzeugung: Der Angehörige eines Suchtkranken benötigt fast mehr Hilfe als der Suchtkranke selbst. Denn Sucht ist eine Familienkrankheit, die alle Mitglieder seelisch belastet; mindestens.

Die klare Sprache der „Al-Anon“-Bewegung könnte zunächst ein wenig abschreckend wirken: Denn wer als Angehöriger eines Suchtkranken Hilfe sucht, muss hart mit sich selbst ins Gericht gehen. „Ich bin durchaus ein Mensch, der selbst gern alles regelt“, sagt Julia. Und überhaupt, dass sie sich immer suchtkranke Partner gesucht hat: „Hat wohl viel mit meinem Vater zu tun, der abhaute, als ich 14 war.“ Eine schwache Figur, so erinnert sich Julia; als er weg war, meldete er sich über Jahre nicht. „Das hat mich sicherlich geprägt.“

Die Sucht beenden? Das kann nur eine höhere Macht

Was lernen Mitglieder einer Al-Anon-Familiengruppe? „Dass man die Sucht des Partners nicht beenden kann; das obliegt allein einer höheren Macht“, erklärt Ulla (68), deren Ehemann seit 35 Jahren trocken ist. Man könne an Gott glauben oder an etwas anderes, jedenfalls sind zwei Sachen wichtig: „An der Sucht ist niemand schuld, und man kann die Sucht des Partners nicht kontrollieren.

Ihren Mann hatte sie beim Tanztee kennengelernt, fast 50 Jahre ist das her, der Alkohol schlich sich bei ihm mit dem täglichen Feierabend-Bier ein, es wurde mehr und mehr und mehr, „ich hab’ zehn Jahre gebraucht“, sagt Ulla heute, „um mir das einzugestehen, dass mein Mann ein Suchtproblem hat, so lange wollte ich das nicht wahrhaben.“ Doch sie hatten in der Zwischenzeit zwei Kinder in die Welt gesetzt, „also stellte ich ihn vor die Wahl: Dein Bier oder ich und die Kinder.“

Sie setzte ihm die Pistole auf die Brust

Der Mann machte einen Entzug. Seitdem ist der trocken. Und Ulla geht in die Al-Anon-Gruppe, weiterhin, „denn das gibt mir Selbstvertrauen und ein schönes Leben.“

„In Liebe loslassen“ – so nennen sie bei „Al-Anon“ das Prinzip, beim Partner zu bleiben, doch sich von seinen Problemen, mit denen die Sucht die gesamte Familie belastet, zu distanzieren. Und gleichzeitig bei sich selbst zu suchen – nach Symptomen der so genannten „Co-Abhängigkeit“, unter der Angehörige leiden: Das Vertuschen, das Versteckspiel. „Ich hab’ immer darauf geachtet, dass mein Mann vernünftig angezogen ist, weil er dazu selbst gar nicht mehr in der Lage war“, erinnert sich Ulla. Sie ist noch heute mit ihrem Mann zusammen, die Kinder sind groß und haben selbst Kinder bekommen. „Ich hatte das Glück“, sagt Ulla, „dass ich meinen Mann mit dem Ultimatum erreichen konnte, dass ich durchdrang. Das ist längst nicht bei jedem Süchtigen so.“

>> AL-ANON-GRUPPEN SIND UNABHÄNGIG

22 „Al-Anon“-Familiengruppen gibt es in der Region; sieben auf Essener Stadtgebiet. Die deutschlandweit 600 Familiengruppen von „Al-Anon“ werden von Essen aus organisiert; die Zentrale sitzt in der Emilienstraße im Südviertel. Telefon: 0201-773007.

„Al-Anon“-Gruppen sind unabhängig, gehören keiner Religion an.

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