Karrieren

Vom Müllmann in Essen zum Bildungsmanager – und zurück

Mit viel Herzblut hat Turgay Tahtabaş das Zukunft Bildungswerk aufgebaut, dessen Geschäftsführer er ist. Nun kehrt der 53-Jährige in seinen alten Job bei der Müllabfuhr zurück.

Mit viel Herzblut hat Turgay Tahtabaş das Zukunft Bildungswerk aufgebaut, dessen Geschäftsführer er ist. Nun kehrt der 53-Jährige in seinen alten Job bei der Müllabfuhr zurück.

Foto: Fabian Strauch

Essen.   Turgay Tahtabaş gelang der Sprung vom Müllmann zum Bildungsmanager. Nun kehrt der Essener zur Müllabfuhr zurück – um sein Bildungswerk zu retten.

Er hat mit seinem „Zukunft Bildungswerk“ den Talent Award Ruhr gewonnen und den Deichmann Förderpreis für Integration, er hat dem Oberbürgermeister seine Projekte vorgestellt und ist vom Ministerpräsidenten mit dem Landesverdienstorden ausgezeichnet worden: Der frühere Müllmann Turgay Tahtabaş hat in den vergangenen Jahren Deutschkurse, Elterncafés, und Musikprojekte auf die Beine gestellt. Doch nun kehrt der 53-Jährige aus Karnap auf den Müllwagen zurück: „Als Unternehmer habe ich es nicht geschafft, die nötigen Mittel zu erwirtschaften.“ Mit dem jetzigen Schritt will er sein Bildungswerk retten.

Tahtabaş, der mit Anfang 20 aus der Türkei nach Deutschland gekommen war, hatte sich schon lange ehrenamtlich als Bildungsbotschafter betätigt, etwa in Elterninitiativen oder in der türkischen Gemeinde. Als sich im Herbst 2015 die Bewohner des Karnaper Flüchtlingsdorfes ärgerten, dass sie lange auf Sprachunterricht warten mussten und sich zunächst keine Schulplätze für ihre Kinder fanden, gehörte Tahtabaş zu denen, die einfach loslegten: Mit seinem gerade gegründeten Zukunft Bildungswerk richtete er Deutschkurse in Räumen der evangelischen Kirche ein, gewann Lehramtsstudenten für den Unterricht, baute die Arbeit nach und nach aus.

Er hat für viele Kinder die Weichen gestellt

Irgendwann wuchs sich das Ehrenamt zum Nebenjob aus, war kaum zu bewältigen: Tahtabaş bat seinen Arbeitgeber um eine Auszeit, und die Entsorgungsbetriebe stimmten zu, räumten ihm sogar ein Rückkehr-Recht ein. „Ich habe mich erst mit 50 Jahren selbstständig gemacht, mir war schon klar, dass das ein Risiko ist“, sagt er jetzt. Auch wenn das Bildungswerk gemeinnützig sei, müsse es ja auskömmlich arbeiten. Für gut 600 Kinder etwa erhalte man Mittel aus dem Bildungs- und Teilhabepaket, die allerdings oft erst sehr spät verfügbar seien.

Außerdem ist das Bildungswerk auf Spenden und Sponsoren angewiesen, um zum Beispiel für Frauen Deutschkurse mit Kinderbetreuung anzubieten. Oder es organisiert Ferienschulen, um Zuwanderer-Kindern ein Bildungs- und Freizeitangebot zu machen, wenn ihre Klassenkameraden verreisen. Tahtabaş kann von Kindern erzählen, die kein Wort Deutsch sprachen und nun auf dem Weg zu Abi sind. Gerade hat er für die Eltern eines Viertklässlers einen Gesprächstermin an einem Gymnasium organisiert: „Die Familie wäre nicht auf die Idee gekommen, aber er hat das Talent.“

Nun wechselt er vom Anzug in die orangene Kluft

Mit nur zehn Festangestellten sowie mit 140 Bildungsbegleitern, die oft selbst eine Migrationsgeschichte haben, hat Tahtabaş in den vergangenen Jahren für viele Kinder Weichen gestellt. „Ich bin froh, dass ich diese wertvolle Arbeit machen durfte. Darum kann ich jetzt mit breiter Brust zurückkehren“, sagt er. Wenn er wieder bei den Entsorgungsbetrieben (EBE) arbeite, spare das Zukunft Bildungswerk sein Geschäftsführer-Gehalt – und könne so hoffentlich fortbestehen.

Nach drei Jahren als Geschäftsführer, als Ansprechpartner für Schulleiter und Dezernenten, für Minister und Journalisten, wird er am 2. Mai wieder an seinen alten Arbeitsplatz zurückkehren – als Springer: „Ich war 20 Jahre lang Vorarbeiter, habe in einem festen Team gearbeitet, jetzt fange ich wieder bei Null an.“ Er klagt darüber so wenig wie über die finanziellen Engpässe beim Bildungswerk. Dem wird er übrigens als Kopf erhalten bleiben, kann dort außerdem auf die Unterstützung seiner erwachsenen Kinder setzen.

Der Wechsel vom Anzug in die orangene EBE-Kluft falle ihm nicht schwer: „Ich weiß, dass einige meiner Kollegen stolz auf mich sind.“ Und: Nicht sein Posten sei wichtig – „sondern die Zukunft von 600 Kindern“.



>>> FÖRDERMITTEL FÜR BILDUNGSARBEIT

  • Auch etablierte Träger wie der Kinderschutzbund erleben die Beantragung von Mitteln aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT)als umständlich. Die gesetzlichen Vorgaben seien so komplex, dass man die Kinder lange auf die Hilfe warten lassen oder in Vorleistung gehen müsse. „Wir finanzieren unsere Lernförderung jetzt aus Spenden, damit die Schüler die Hilfe auch rechtzeitig bekommen – und nicht erst, wenn das halbe Schuljahr vorbei ist“, sagt dazu der Vorsitzende des Essener Kinderschutzbundes Ulrich Spie.
  • Das Zukunft Bildungswerk finanziert Hilfen für 600 Kinder über das BuT. Weitere 300 Kinder nehmen an musikalischen Projekten teil, 100 Frauen besuchen Deutschkurse mit Kinderbetreuung. Daneben gibt zum Beispiel Leseförderung, Elternberatung oder Spielgruppen für Kinder, die noch keinen Kita-Platz haben. Das Bildungswerk ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. Info: www.zukunft-bildungswerk.de

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