Energiewende

„Vier Stunden ohne Strom, dann wäre die Hütte Schrott“

Trimet-Vorstandschef Philipp Schlüter (r.) und Heribert Hauck, Leiter Energiewirtschaft.

Trimet-Vorstandschef Philipp Schlüter (r.) und Heribert Hauck, Leiter Energiewirtschaft.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Aluhütte Trimet sorgt sich um die Folgen der Energiewende. Vorstandschef Philipp Schlüter hält die aktuelle Klimadebatte für zu realitätsfern

Energieintensive Unternehmen wie die Essener Aluhütte Trimet verfolgen die aktuelle Debatte um mehr Klimaschutz und den Ausstieg aus der Braunkohle mit gemischten Gefühlen. Über die Klimademos, die Stimmung im Land und die möglichen Folgen der Energiewende sprach Janet Lindgens mit dem Vorstandsvorsitzenden von Trimet, Philipp Schlüter, und dem Leiter der Energiewirtschaft bei Trimet, Heribert Hauck.

Am Freitag ist Klimastreiktag, Herr Schlüter. Was halten Sie davon?

Philipp Schlüter: Ich habe da sicher einen anderen Blick als die Allgemeinheit. Denn wir sind als energieintensives Unternehmen von allen politischen Entscheidungen, die das Klima angeht, sehr stark betroffen. Sei es vom Kohleausstieg oder vom Abschied von der Kernenergie. Uns treibt um, dass Strom weiter bezahlbar bleiben muss und die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Denn wir stehen im internationalen Wettbewerb. Der Preis für unser Aluminium bildet sich nicht aufgrund von politischen Entscheidungen in Deutschland, sondern an der Börse in London.

Was wäre, wenn Trimet-Mitarbeiter an der Klimademo teilnehmen?

Schlüter: Ich würde sie sicher nicht persönlich dahin schicken. Aber generell soll jeder fürs Klima demonstrieren, wenn er dies möchte. Das ist sein gutes Recht. Was mir bei der ganzen Debatte fehlt, ist eine realistischere Einschätzung, welche Konsequenzen dieser Weg hat. Es geht eben nicht nur um mehr Bäume und mehr Erneuerbare Energien. Wenn wir glauben, wir können bis 2021 ganz aus der Kernkraft aussteigen und gleichzeitig ein Drittel unserer Kohleverstromung ausschalten, ohne zu wissen, was mit dem Emissionshandel passiert, dann wird das erhebliche Folgen für die Industrie haben und insbesondere uns als Grundstoffindustrie treffen.

Befürchten Sie eine zunehmende industriefeindliche Stimmung, in der Sie mit Ihren Bedenken gar nicht mehr durchdringen?

Schlüter: Die Angst, dass das eintritt, muss ich nicht haben. Denn das ist schon längst so. Wir erleben gerade, dass nicht Industriepolitik, sondern Klimapolitik betrieben wird.

Gefährdet die Energiewende Arbeitsplätze in Unternehmen wie Trimet?

Schlüter: Ich halte die Gefahr für sehr groß. Wir brauchen in Deutschland sechs Terawattstunden Strom jedes Jahr. Allein die Aluminiumhütte in Essen braucht in etwa so viel wie die gesamte Stadt Essen. Jeder zusätzliche Euro für die Megawattstunde belastet unser Ergebnis mit sechs Millionen Euro.

Bei Ihrem Wettbewerber Hydro haben kürzlich sogar die Betriebsräte Alarm geschlagen. Sie fürchten wegen des Kohleausstiegs um die Arbeitsplätze. Wie ist die Stimmung in Ihrer Belegschaft?

Schlüter: Ängste nehme ich schon wahr. Auch bei uns sind die Betriebsräte beispielsweise extrem darauf sensibilisiert, was kürzlich die Kohlekommission vorgelegt hat, und machen sich jetzt große Sorgen um die Umsetzung. Die wird ja sicher am Freitag auch Thema im Klimakabinett sein.

Heribert Hauck: Um das aber auch ganz deutlich zu sagen: Wir sind zwar ein sehr großer Stromnutzer, verstehen uns aber nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung. Das kommt bei den Mitarbeitern und auch in der Politik an.

Was tut denn Trimet, um Strom und damit auch Emissionen zu sparen?

Schlüter: Energie zu sparen, ist bei uns eine Daueraufgabe. Wir investieren jedes Jahr in entsprechende Projekte. Trimet gehört bei der Energieeffizienz weltweit zur Spitzengruppe in der Branche. Das überrascht viele, wenn man bedenkt, dass das Werk in Essen 50 schon Jahre alt ist. Wir können aber mit neugebauten Hütten absolut mithalten.

Hauck: Wir sehen Strom als Rohstoff. Und es ist schlicht ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft, dort zu sparen.

Könnte man eine Aluhütte ausschließlich mit Erneuerbaren Energien betreiben?

Schlüter: Wenn man es schafft, die Produktion so zu flexibilisieren, dass sie Schwankungen mitmacht, dann ja. Wir testen in Essen gerade genauso ein Verfahren, das wir virtuelle Batterie nennen. Das heißt, wir können eine gewisse Zeit die Stromzufuhr runterfahren und damit, wenn es nötig ist, die Stromnetze entlasten.

Was machen Sie aber an einem trüben Wintertag ohne Wind? Reicht dann die virtuelle Batterie aus?

Schlüter: An solchen Tagen dürften wir theoretisch keinen Strom abnehmen. Das halten wir aber nicht lange durch. Unsere Ingenieure sagen, dass wir trotz virtueller Batterie allerhöchstens vier Stunden ohne Strom auskommen würden. Wenn es länger dauern würde, wäre die Hütte nur noch Schrott.

Hauck: Schon heute nehmen wir zeitweise keinen Strom ab, was etwa eine Stunde geht, ohne die Produktion zu gefährden. Das ist ein Werkzeug der Stromnetzbetreiber, um unvorhergesehene Störungen abzuwettern. Wie zum Beispiel im Juni geschehen, wo es an drei Tagen kritische Situationen gab.

Das heißt, um solche Situationen zu vermeiden, müsste dann Strom entweder aus fossilen Gaskraftwerken kommen, oder man müsste Strom aus den Nachbarländern beziehen - und dann wahrscheinlich auch Atom- oder Kohlestrom.

Schlüter: Genau. Man könnte allerdings auch sagen: Wir verzichten im Zuge der Energiewende auf eine energieintensive Grundstoffindustrie in Deutschland. Das hilft dem Klima aber ebenfalls nicht, weil sich ja die Nachfrage nach den Produkten weltweit dadurch nicht verändern wird. Die würden dann nur woanders produziert; im Zweifel in China mit durchaus höheren Emissionen.

Warum gehen Sie dann eigentlich nicht ins Ausland, um den ganzen Unsicherheiten zu entkommen?

Schlüter: Das ist keine Option für uns. Wir sind ein deutscher Mittelständler, unsere Werke sind in Deutschland. Die kann man auch nicht so einfach einpacken und mitnehmen. Wir sind außerdem verknüpft mit den Wertschöpfungsketten vor Ort. Essen hat die Besonderheit, dass 90 Prozent unserer Produkte in einem Umkreis von nur 200 Kilometer ausgeliefert werden. Das ist weltweit einzigartig.

Nun können Sie derzeit nicht über hohe Energiepreise in Deutschland klagen, denn Sie sind von der Umlage der Erneuerbaren Energien stark entlastet. Das bringt Ihnen auch Kritik ein.

Hauck: Wir zahlen 50 Cent pro Megawattstunde EEG-Umlage. Das ist zwar nur ein Prozent der Umlage. Aber bezogen auf die 1000 Mitarbeiter in den Hütten sind das immer noch 3000 Euro pro Mitarbeiter. Das muss erstmal erwirtschaftet werden im internationalen Wettbewerb.

Aber Sie sparen auch dreistellige Millionensummen ein.

Hauck: Wenn wir das voll bezahlen müssten, wären wir sofort mausetot. Die Folgen müsste dann die Allgemeinheit bezahlen, wie zum Beispiel die Sozialkosten für die verlorenen Arbeitsplätze und unseren jetzigen EEG-Beitrag. Denn die Umlage würde nicht um einen Cent sinken.

Wären Sie denn von einer wie auch immer gearteten CO2-Bepreisung, die die Bundesregierung vorhat, betroffen? Diskutiert wird ja eine Steuer oder die Ausweitung des Zertifikatehandels.

Schlüter: Es kommt darauf an, wie stark die Novellierung ist. Betroffen sind wir schon heute.

Ein ganz andere Frage: Die Konjunktur schwächelt. Vor allem aus dem Automobilbau als ein wichtiger Abnehmer für Aluminium gibt es schlechte Nachrichten. Spüren Sie das bei Trimet?

Schlüter: Absolut, der Markt ist schon in einer halben Krise. Wir haben einen zweistelligen Rückgang von Aufträgen aus dem Transportbereich, aber auch andere Segmente sind schon betroffen. Wettbewerber haben bereits angekündigt, ihre Aluminiumproduktion zurückzufahren. Wir planen – Stand heute – nicht, die Produktion runterzufahren. Auch Kurzarbeit ist kein Thema.

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